Politik

Die brisante Waffe der Bundeswehr De Maiziere wusste früh von G36-Problem

Heute muss Verteidigungsministerin von der Leyen zum Sturmgewehr G36 Rede und Antwort stehen. Die Opposition droht mit einem Untersuchungsausschuss. Auch Ex-Verteidigungsminister de Maizière könnte in Schwierigkeiten geraten.

Die Grünen fordern von Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen umfassende Aufklärung über die Probleme mit dem Sturmgewehr G36. "Wenn von der Leyen an diesem Mittwoch im Verteidigungsausschuss nicht endlich für Klarheit über den desaströsen Umgang des Verteidigungsministeriums mit dem G36 sorgt, muss ein Untersuchungsausschuss die Missstände aufklären", sagte Grünen-Fraktionschef Anton Hofreiter.

Das Ministerium habe über Jahre hinweg alles daran gesetzt, die Probleme zu verschleiern. Bisher sei die Ministerin an der Aufklärung der Missstände gescheitert, sagte der Grünen-Fraktionschef weiter. Von der Leyen müsse endlich umfassend aufklären, die Verantwortlichen nennen und Konsequenzen ziehen.

Von der Leyen nimmt heute in den Fachausschüssen des Bundestags zu den Problemen der Standardwaffe der Bundeswehr Stellung. In der vergangenen Woche hatten Experten dem G36 ein verheerendes Zeugnis ausgestellt. Nach ihren Untersuchungen sinkt die Trefferquote bei extremer Erhitzung von den erforderlichen 90 Prozent auf 7 Prozent.

Was wusste Thomas de Maizière?

Zweifel an der Treffsicherheit des G36 waren dem Verteidigungsministerium mindestens seit November 2011 bekannt. Aktuellen Berichten von "Spiegel" und "Süddeutscher Zeitung" zufolge war der damalige Verteidigungs- und heutige Innenminister Thomas de Maizière bereits im Frühjahr 2012 detailliert in einer Vorlage über Probleme mit dem G36 unterrichtet worden. Die Vorlage, die de Maizière selbst abgezeichnet habe, enthalte Details, die sich mit den Ergebnissen der gerade vorgestellten Untersuchung verschiedener Institute über die gravierenden Probleme des G36 deckten.

Das Phänomen der "Ausweitung des Streukreises" und der "abnehmenden Trefferwahrscheinlichkeit" bei einer heiß geschossenen G36-Waffe stelle "aus militärischer Sicht einen erheblichen Mangel" dar, zitierten SZ und "Spiegel" aus dem internen Papier. Die Probleme seien von "erheblicher Einsatzrelevanz", da Soldaten im Gefecht den Gegner auf 200 Meter nicht mehr sicher bekämpfen könnten.

Trotz der Warnung wurden bis zum Ende von de Maizières Amtszeit laut "Spiegel" kaum Konsequenzen gezogen. Der weitere Ankauf von G36-Gewehren sei nicht gestoppt oder zumindest angehalten worden. Vielmehr wurden diesen Angaben zufolge noch im April 2012 3770 neue G36-Modelle bestellt.

Geheime Warnungen an Soldaten?

Das Gewehr G36

"Das G36 ist die Standardwaffe der Bundeswehr. Jeder Soldat wird an diesem vollautomatischen Sturmgewehr ausgebildet. Es hat das NATO-Kaliber 5,56 Millimeter. Das G36 kann Einzelfeuer oder kurze Feuerstöße abgeben. Es ist mit einem Reflexvisier und einem optischen Visier mit dreifacher Vergrößerung ausgestattet. Große Teile des Gewehrs bestehen aus leichtem aber robustem Kunststoff." (Quelle: Bundeswehr)

Den Berichten zufolge wurden die Soldaten in Afghanistan vor den Problemen mit dem G36 gewarnt. Am 20. März 2012 habe das Einsatzführungskommando eine geheime Order verschickt: Bei heiß geschossenen G36-Gewehren werde das "zuverlässige Bekämpfen" von Gegnern wegen "einer erheblich größeren Streuung (...) erschwert". Die Trefferquote sinke demnach auf "ca. ein Drittel". Ähnliche Werte ergaben dem Bericht zufolge auch die neuesten Tests.

Dem Bundestag soll das Verteidigungsministerium die Probleme verschwiegen haben. Noch im November 2012 habe der Verteidigungsstaatssekretär Thomas Kossendey dem zuständigen Ausschuss mitgeteilt, am G36 sei "kein Mangel" festgestellt worden.

Soldaten wollen neue Waffe

Der Bundeswehrverband setzt sich jetzt offen für einen schnellen Ersatz für das umstrittene Gewehr G36 ein. Zwar vertraue die Truppe weiter ihrer Standardwaffe, sagte Verbandschef André Wüstner. "Natürlich erwarten sie dennoch, dass als Konsequenz eine neue Waffe beschafft wird - und das wesentlich schneller als in den anvisierten zehn Jahren." Nach Schätzung des Bundesamts dauert der Austausch der rund 167.000 Gewehre vom Typ G36 bis zu zehn Jahre.

Wüstner sagte weiter, die G36-Probleme verdeutlichten einen enormen Modernisierungsstau bei der Bundeswehr. "Er betrifft neben Handwaffen auch Funkgeräte, Nachtsichtgeräte und vieles mehr. All diese Systeme müssen dringend heutigen sowie künftigen Einsatzszenarien angepasst werden."

Quelle: ntv.de, ghö/mmo/AFP/dpa