Politik

Flüchtlingskinder im Schulalter Den Ländern fehlt der Überblick

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(Foto: picture alliance / dpa)

Mehr als 33.000 Kinder und Jugendliche zwischen 6 und 18 Jahren sind im ersten Halbjahr dieses Jahres nach Deutschland gekommen. Wie viele von ihnen beschult werden, ist nicht zu ermitteln.

Die für die Bildungspolitik zuständigen Bundesländer haben nur einen höchst lückenhaften Überblick über die Kinder von jüngst zugewanderten Flüchtlingen und Migranten an ihren Schulen. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie des Mercator-Instituts für Sprachförderung und Deutsch als Zweitsprache.

Für 2015 liegen nur Zahlen aus dem ersten Halbjahr vor. Demnach wurden 33.289 Asylanträge von Kindern und Jugendlichen gestellt, fast so viele wie im gesamten Vorjahr. Wie viele dieser Kinder beschult werden, konnten die Wissenschaftler bei der Vorstellung ihrer Studie in Berlin nicht beantworten - dazu lägen keine Zahlen vor.

Nur in Berlin und im Saarland gilt die gesetzliche Schulpflicht für alle Kinder und Jugendlichen uneingeschränkt von Anfang an. In den anderen Bundesländern gelte sie vor Beginn des Asylverfahrens nicht automatisch. "Das Verfahren kann derzeit mehrere Monate, teilweise länger als ein Jahr dauern. Auch wenn in diesem Zeitraum ein Recht auf Schulbesuch besteht, sind die Kinder und Jugendlichen häufig faktisch vom Schulbesuch ausgeschlossen", sagte Mona Massumi, eine der Autorinnen der Studie.

Der Untersuchung zufolge steigt die Zahl der schulpflichtigen Kinder und Jugendlichen, die nach Deutschland ziehen, seit 2006 kontinuierlich an. Im vergangenen Jahr seien 99.500 6- bis 18-Jährige nach Deutschland gekommen. Im Jahr 2006 waren es lediglich 22.200; die Studie unterscheidet nicht zwischen Flüchtlingen und anderen Migranten. Der Anteil der neu zugewanderten Kinder und Jugendlichen lag 2014 im Verhältnis zur Gesamtzahl der 6 - und 18-Jährigen bei 1 Prozent.

"Dringender Handlungsbedarf"

Auf die Frage, ob es für diese Kinder genug entsprechend qualifizierte Lehrer gebe, sagte der Direktor des Mercator-Instituts, Michael Becker-Mrotzek, die Bundesländer kämen langsam an ihre Grenzen. "Ich würde es noch nicht als Notstand bezeichnen, aber hier ist dringender Handlungsbedarf."

Die Autorinnen der Studie verwiesen darauf, dass nicht alle Bundesländer Kennzahlen zu neu zugewanderten Schülern erfassen. Auch die schulische Situation sei zwischen den Bundesländern höchst unterschiedlich. Die Expertinnen identifizierten fünf unterschiedliche Modelle der Beschulung, von der einfachen Teilnahme am Unterricht einer normalen Schulklasse bis zu speziell eingerichteten Klassen nur für zugewanderte Kinder und Jugendliche. Ein Urteil, welche Unterrichtsform die beste ist, wollten die Forscher nicht abgeben. Nicht empfehlenswert sei nur der Unterricht in einer Regelklasse ohne besondere Förderung.

Becker-Mrotzek forderte, Fortbildungen für Lehrer mit Blick auf die anstehenden Herausforderungen müssten dauerhaft in der Lehrerausbildung etabliert werden. Außerdem müsse der Zugang der ankommenden Kinder und Jugendlichen zum Bildungssystem möglichst früh gewährleistet werden. Wenn ein Jahr Lernzeit verloren gehe, sei dies bei einem Zehnjährigen ein erheblicher Verlust.

Hier finden Sie die Studie als pdf.

Quelle: ntv.de, hvo

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