Politik
Am Freitag projizierten Greenpeace-Aktivisten den Satz "No Future in Fossil Fuels" (keine Zukunft für fossile Brennstoffe) an den Kühlturm des Braunkohlekraftwerks Neurath (NRW).
Am Freitag projizierten Greenpeace-Aktivisten den Satz "No Future in Fossil Fuels" (keine Zukunft für fossile Brennstoffe) an den Kühlturm des Braunkohlekraftwerks Neurath (NRW).(Foto: dpa)
Montag, 13. November 2017

Interview mit Claudia Kemfert: "Der Industriestandort ist nicht gefährdet"

Deutschland muss den Ausstieg aus der Kohle heute einleiten, fordert die Energieökonomin Claudia Kemfert von den Jamaika-Parteien. "Technisch, ökonomisch ist alles machbar, nur der politische Wille fehlt."

n-tv.de: Dass Deutschland ein paar Kohlekraftwerke abschalten müsste, wenn es seine Klimaziele erreichen will, ist vermutlich Konsens zwischen den Parteien. Aber wäre das möglich, ohne den Industriestandort Deutschland zu gefährden?

Prof. Dr. Claudia Kemfert leitet die Abteilung Energie, Verkehr und Umwelt am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) und hat einen Lehrstuhl an der Hertie School of Governance in Berlin.
Prof. Dr. Claudia Kemfert leitet die Abteilung Energie, Verkehr und Umwelt am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) und hat einen Lehrstuhl an der Hertie School of Governance in Berlin.(Foto: picture alliance / dpa)

Claudia Kemfert: Absolut, man kann ihn sogar stärken. Wenn man die ältesten und ineffizientesten Braunkohlekraftwerke sofort vom Netz nähme, würde man den Überschussstrom, den wir in Deutschland haben, vermindern. Das senkt die Kosten, da Netzengpässe und System-Inflexibilitäten abnehmen. Auch die EEG-Umlage könnte sinken, weil sich der Börsenstrompreis stabilisiert. Strompreise sind aber nicht alles, wichtig ist vor allem der Energieverbrauch. Die deutsche Industrie hat große Potentiale, Energie einzusparen. Der Industriestandort Deutschland ist somit überhaupt nicht gefährdet, im Gegenteil: durch die Energiewende und Klimaschutz entstehen enorme wirtschaftliche Chancen, durch Innovationen, Energieeinsparungen, neue Arbeitsplätze und Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit.

Hätte eine Abschaltung dieser Kraftwerke keine Auswirkungen auf die Netzstabilität?

Doch, die würde gestärkt. Kohlekraftwerke sind zu inflexibel, gerade in Kombination mit den Erneuerbaren Energien, die ja im Zentrum der Energiewende stehen. Kohlekraftwerke laufen kontinuierlich durch und können nicht runterfahren, wenn zu viel Strom produziert wird. Das ist der Grund, warum wir so viele Netzengpässe haben. Derzeit produzieren wir ein Stromangebotsüberschuss von mindestens zehn Gigawatt, vornehmlich durch Kohlekraftwerke. Deutschland ist Stromexportweltmeister, wir exportieren so viel Strom wie noch nie. Wenn wir alte Braunkohlekraftwerke, die vor 1990 gebaut wurden, kurzfristig abschalten, hätten wir trotzdem noch ausreichend konventionelle Kraftwerke im System, und die Netzstabilität würde gestärkt.

Wären nicht Länder wie Polen verstärkt auf besonders unmoderne Kohlemeiler angewiesen, wenn diese Kapazität abgebaut würde?

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Nein, das eine hat mit dem anderen gar nichts zu tun. Aufgrund des niedrigen CO2-Preises laufen auch in Polen die alten klimaschädlichen Kraftwerke dauerhaft durch. Sie produzieren ausreichend Strom für ihren eigenen Bedarf, Polen ist nicht auf die Importe aus Deutschland angewiesen. Polen hat wie Deutschland die Herausforderung vor sich, einen Kohleausstieg einzuleiten und mehr Gas und erneuerbare Energien einzusetzen. Die Voraussetzungen sind gut.

Aber richtig ist doch auch, dass konventionelle Kraftwerke auf absehbare Zeit nicht verzichtbar sind, solange das Speicherproblem nicht gelöst ist.

Speicher brauchen wir erst, wenn wir nicht selbst in der Lage sind, den deutschen Bedarf mit eigenem oder importiertem Strom zu decken und wir zudem viele Stunden mit sehr viel Stromüberschuss haben. Das erklärte Ziel der Bundesregierung sind 50 Prozent Erneuerbare an der Stromerzeugung bis 2030 und 80 Prozent bis 2050. Da ist noch ein langer Weg zu gehen, da wir erst etwas über 30 Prozent erreicht haben. Speicher werden erst in einigen Jahren tatsächlich benötigt. Es gibt sie aber übrigens heute schon, wie Pumpspeicher, Batterien, Wasserstoff oder Öko-Gas. Nur rechnen sie sich nicht, da man zu lange am Alten festhält und zu wenig Platz für Erneuerbare macht. Man könnte somit durchaus den Energiewende-Turbo anschalten. Technisch, ökonomisch ist alles machbar, nur der politische Wille fehlt.

Nach Angaben des Bundesverbands Braunkohle hängen an diesem Energieträger bundesweit rund 70.000 Arbeitsplätze. Regionen wie die Lausitz haben nicht unbedingt gute Erfahrungen mit dem Versprechen eines Strukturwandels gemacht. Was könnte und müsste die Bundesregierung tun, um den Ausstieg aus der Braunkohle abzufedern?

Es gibt unterschiedliche Einschätzungen, wie viele Arbeitsplätze tatsächlich an der Braunkohle hängen. Aber angenommen, die Zahl stimmt: Es geht darum, dass man den Strukturwandel klug begleitet. Im Rahmen des Sachverständigenrats der Bundesregierung für Umweltfragen haben wir vorgeschlagen, dass eine Kohlekommission eingesetzt wird, die erarbeitet, wie man den betroffenen Regionen helfen kann. Das muss dann natürlich auch in politische Verantwortung umgesetzt werden, damit es finanzielle Unterstützung gibt, Job-Perspektiven geschaffen, Bildungschancen erhöht und neue Unternehmen angesiedelt werden. All das gehört dazu, damit auch tatsächlich ein Strukturwandel stattfindet, der den Regionen hilft.

Hat so etwas schon mal geklappt?

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In Nordrhein-Westfalen gab es in den 1960er-Jahren 600.000 Arbeitsplätze in der Steinkohle. Heute sind es maximal noch 20.000 Beschäftigte. Nicht alle haben sofort einen neuen Job gefunden, aber auch dort sind zahlreiche neue Unternehmen entstanden - auch im Bereich der neuen Energien. Neu ist das alles nicht, Innovationen und technologischer Wandel haben seit jeher Strukturwandel ausgelöst: Elektrisches Licht hat Öllampen ersetzt, Autos haben Pferdekutschen abgelöst, Computer Schreibmaschinen usw. usw. Leicht war dies nie, aber auch nicht aufzuhalten. Es sind neue Arbeitsplätze entstanden. Diejenigen, die nicht mit der Zeit gehen, gehen mit der Zeit.

Die Universität von Chicago hat kürzlich eine Umfrage zur Akzeptanz von Klimapolitik in den USA durchgeführt. Demnach sagen 61 Prozent, die US-Regierung müsse sich um das Thema kümmern. Aber auf die Frage, ob sie bereit wären, dafür einen Aufschlag von monatlich einem Dollar auf ihre Stromrechnung zu akzeptieren, sagen nur noch 51 Prozent "Ja". Bei zehn Dollar sinkt die Zustimmung auf 39 Prozent. In Deutschland dürfte das kaum anders sein. Wie kann da ein Kohleausstieg gelingen?

Doch, in Deutschland ist es anders. Hier zeigen Umfragen, dass die Deutschen in der Tat bereit sind, Geld für die Energiewende zu bezahlen - wenn sie vernünftig ausgestaltet und umgesetzt wird. Die Menschen sind unzufrieden, dass die Erneuerbaren Energien gedeckelt werden und der Kohleausstieg nicht umgesetzt wurde. Und sie wollen mehr Partizipation. Zudem sollen die Lasten fair verteilt werden. Der Kohleausstieg wird von einer großen Mehrheit der deutschen Bevölkerung gewünscht, deshalb sollte die Politik ihn so schnell wie möglich angehen.

Das Institut der deutschen Wirtschaft in Köln plädiert dafür, dass Deutschland seinen Strom aus Windkraft oder Photovoltaik eher aus dem Ausland bezieht, weil es dort effizientere Standorte gebe. Die klimapolitischen Bemühungen der Bundesrepublik müssten "auf internationale Lösungen ausgerichtet sein, anstatt große Summen in das Erreichen nationaler Ziele zu investieren". Was halten Sie von einem solchen Ansatz?

Man sollte das eine machen, ohne das andere zu lassen. Die Energiewende findet vor Ort statt, lokal, partizipativ und demokratisch. Die Energiewende ist dezentral, intelligent und kleinteilig: Beispielsweise wird Solarenergie in Batterien gespeichert, mit denen Elektroautos betrieben werden. Aber natürlich braucht man auch internationale Lösungen. Dafür setzt sich die Bundesregierung ja auch gerade in Bonn bei den Klimaverhandlungen ein.

Abgesehen von einem Kohleausstieg: Was könnte oder müsste ein Jamaika-Bündnis in der Klima- und Energiepolitik mindestens beschließen?

Mindestens muss beschlossen werden, dass die selbstgesteckten Klimaziele für 2020 eingehalten und die Klimaziele von Paris für 2030 und 2050 verbindlich vorgeschrieben werden. Deutschland muss den Ausstieg aus der Kohle heute einleiten. Außerdem muss die Bundesregierung eine nachhaltige Verkehrswende auf den Weg bringen. Möglich wäre es. Es ist allein eine Frage des politischen Willens.

Mit Claudia Kemfert sprach Hubertus Volmer

Stimmen Sie mit Frau Kemfert überein? Sagen Sie uns Ihre Meinung zum Thema Kohleausstieg und diskutieren Sie mit bei Facebook.

Quelle: n-tv.de

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