Politik

Debatte der Berliner Wahlkämpfer Die AfD präsentiert sich ganz unaufgeregt

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Über kriminelle Ausländer sagt AfD-Mann Georg Pazderski: "Perception is Reality" (Wahrnehmung ist Realität).

(Foto: imago/Metodi Popow)

Die etablierten Parteien setzen sich mit harter Kritik und Koalitionsabsagen von der AfD ab. Dem eher zurückhaltenden Spitzenkandidaten der Rechtspopulisten, Pazderski, kommen die lauten Attacken gelegen.

Wenn es in Berlin gelingt, kann es die AfD in ganz Deutschland schaffen. Das behaupten viele in der Partei. Der Spitzenkandidat für die Abgeordnetenhauswahl in knapp zwei Wochen trägt also große Verantwortung für seine Truppe.

An diesem Dienstagabend beim TV-Talk des RBB ist das Georg Pazderski allerdings kaum anzumerken. Auffällig ist an dem AfD-Mann vor allem eines: Er gibt sich ziemlich unauffällig – obwohl die Moderatoren und die anderen Spitzenkandidaten sichtlich bemüht sind, provokante Thesen aus ihm herauszubekommen.

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Berlins Bürgermeister Müller wirft der AfD vor, Flüchtlinge in Kriegsgebiete zurückschicken zu wollen.

(Foto: imago/Stefan Zeitz)

Am besten gelingt ihnen das erwartungsgemäß beim Thema Flüchtlinge. Die Moderatoren entlocken Pazderski bei der Frage nach dem Umgang mit Ausländerkriminalität den Satz: "Perception is Reality", Wahrnehmung ist Realität. "Es geht nicht nur um die reine Statistik, es geht auch darum, wie der normale Bürger das empfindet."

Angreifbar macht Pazderski sich auch beim Punkt Integration. Wenig habe man von der AfD bisher dazu gehört, wirft Moderator Sascha Hingst ihm vor. Nach einem kleinen Exkurs über "unkontrollierte" Zuwanderung, die zunächst einmal nichts mit Landespolitik zu tun hat, folgt die Antwort: "Natürlich" müssten Flüchtlinge ausgebildet werden und zur Schule gehen, nur eben nicht, um in Deutschland zu bleiben. "Man muss die Leute darauf vorbereiten, dass sie zurückgehen können."

Dem Vorwurf des SPD-Bürgermeisters Michael Müller, seine Partei wolle Flüchtlinge auch in Kriegsgebiete zurückschicken, weicht Pazderski aus. Das habe ja keiner gesagt, behauptet er und spricht lieber darüber, Fluchtursachen zu bekämpfen, und Hilfsbedürftige möglichst "heimatnah" zu versorgen, ohne zu erklären, wie das gehen soll. Das war es in der Debatte dann aber auch schon, wenn es um größere Aufreger geht.

Abschied von der reinen Protestpartei?

Pazderski ist 64 Jahre alt, hat 41 Jahre im Dienst der Bundeswehr gestanden und bezeichnet sich selbst als "Kosmopolit", weil er etliche Jahre im Auslandseinsatz verbracht hat. Anders als der AfD-Chef aus Brandenburg, Alexander Gauland, will er sich nicht als Fundamentaloppositioneller in Szene setzen. Was Gauland mache, sei Gaulands Angelegenheit, sagt Pazderski. In Berlin verfolge die AfD ein anderes Konzept. "Natürlich wollen wir Verantwortung übernehmen." Er sei bereit, mit jedem zusammenzuarbeiten, der vernünftige Vorschläge macht, sagt Pazderski.

Pazderski knüpft an den Kurs an, den die AfD auch in Mecklenburg-Vorpommern eingeschlagen hat. Dort wurde sie nach der SPD zweitstärkste Kraft – ohne im Wahlkampf auf die ganz großen Aufreger im Stile des Schießbefehls von Beatrix von Storch zu setzen. Für das größte Aufsehen sorgte noch die Ankündigung, unter Umständen auch NPD-Anträge im Landtag zu unterstützen, wenn dies sinnvoll sei. Die Berliner AfD scheint sich demonstrativ vom Image der puren Protestpartei lösen und den gezielten Tabubruch weitgehend den bekannten Scharfmachern der Truppe aus anderen Landesverbänden oder der Riege von AfD-Politikern, die sich vor allem als Bundespolitiker sehen, überlassen zu wollen. Was angesichts der bunten Berliner Wählerschaft wohl auch am erfolgversprechendsten sein dürfte.

Ganz so stark wie der Landesverband Mecklenburg-Vorpommern dürfte die Berliner AfD zwar nicht abschneiden. Doch Umfragen zufolge kann sie mit ihrem bisherigen Kurs immerhin mit 10 bis 15 Prozent rechnen. Auch einige Stadträte in den Bezirken dürfte sie nach dem 18. September stellen und damit über Millionenbudgets verfügen.

Eigentum als Schutz vor Mieterhöhungen

Da Pazderski sich nicht provozieren lässt, plätschert der Rest der Talk-Runde eher vor sich hin. Beim Thema Wartezeiten bei Berliner Behörden fordert er eine "vernünftige Analyse": Statt immer nur nach mehr Personal zu rufen, müsste man das bestehende effektiver einsetzen. Die Widerworte halten sich mit dem Verweis auf eine zu pauschale Sicht auf die Dinge in Grenzen.

Beim Thema Wohnraum setzt Pazderski auf mehr Eigentum und weniger Auflagen, weil Eigentum der beste Schutz gegen steigende Mieten sei. Damit bringt er zwar die Spitzenkandidaten der Linken (Klaus Lederer), der Grünen (Ramona Pop) und den SPD-Mann Müller gegen sich auf, die ihm vorwerfen, nichts von sozialer Wohnungsbaupolitik zu verstehen. Unendlich weit weg vom Konzept der Union ist er mit seiner Forderung allerdings auch nicht. Auch die CDU setzt auf mehr Eigentumswohnungen.

Die Vertreter der "Altparteien", wie es in der AfD heißt, sehen sich gezwungen, Pazderski mit harten Attacken anzugreifen, um deutlich zu machen, für welches Gesellschaftsbild die AfD ihrer Meinung nach steht. CDU-Spitzenkandidat Frank Henkel etwa sagt zu Pazderski: "Ihre Partei verrät alles, was Deutschland stark gemacht hat." Und fügt hinzu: "Wer Rassisten an der Spitze der Partei duldet, kann doch niemals Partner für die Union sein." Bürgermeister Müller spricht von einer "Trennlinie" und schließt eine Zusammenarbeit mit der AfD ebenfalls aus.

Pazderski dürften diese Angriffe eher gelegen kommen, da ihre Härte eine gewisse Diskrepanz zum eher zurückhaltenden Auftritt des AfD-Mannes darstellt. Pazderski schlüpft genussvoll in die Opferrolle, in die Rolle des ungerechtfertigt Ausgegrenzten, eine Rolle, in der sich so manch potenzieller AfD-Wähler wiedererkennen dürfte: "Wir sind genauso Demokraten wie alle anderen", sagt Pazderski. Die Berliner AfD würde konstruktiv mitarbeiten, wenn man sie denn lassen würde.

Quelle: n-tv.de

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