Politik

Ohne Strache, ganz bei sich Die FPÖ legt den Schafspelz ab

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FPÖ-Spitzenkandidat Vilimsky beendet den Europawahlkampf im Angriffsmodus. Parteichef Hofer sekundiert.

(Foto: picture alliance/dpa)

Die Überfigur Strache ist weg, die taktische Zurückhaltung auch: Die FPÖ geht mit trotziger Härte in die Europawahl. Die neuen Feindbilder heißen Sebastian Kurz, Jean-Claude Juncker - und Jan Böhmermann.

Harald Vilimsky will offen reden. Rund eintausend Menschen stehen vor der Bühne hier am Viktor-Adler-Markt in Wien, wo die FPÖ ihren Europawahlkampf beendet. Spitzenkandidat Vilimsky schaut in die Runde, er sieht blaue FPÖ-Luftballons und einige rot-weiß-rote Warnwesten, eine Anleihe an die Gilet Jaunes. "Mehr Österreich – weniger EU" lautet der Aufdruck. "Leute", beginnt Vilimsky seine Rede, "ich habe versprochen, immer ehrlich und offen zu sein." Und deswegen wiederholt er für die johlenden Parteianhänger, was er vor einigen Monaten schon über den EU-Kommissionspräsidenten gesagt hat, den er Jean-Claude "Trunker" nennt: "Er hat torkelnd Schaden angerichtet für die EU."

Schon gestern in der letzten Runde der Spitzenkandidaten, die sie in Österreich "Elefantenrunde" nennen, hatte der bis dato so gebremste Vilimsky wieder in den Angriffsmodus geschaltet. Einen Tag später knöpft er sich der Reihe nach die Feindbilder der FPÖ vor, Juncker, den ORF, die linken Medien. Ein Blatt muss er nicht mehr vor den Mund nehmen, seit der Mann, der heute nicht mehr dabei sein kann, in einer Finca auf Ibiza offen geredet hat - und damit aus der Regierungspartei FPÖ wieder die Oppositionspartei FPÖ gemacht hat. Ein Rollenwechsel, der Vilimsky und den anderen Spitzenpolitikern hier am Adler-Markt offensichtlich nicht schwer fällt, so als müssten sie nur den Schafspelz ablegen.

Eine bewährte Verteidigungsstrategie

Heinz-Christian Strache mag der Partei einen Scherbenhaufen hinterlassen haben, aber immerhin auch ein neues Motto, das sie gleich aufs Sprecherpult gepappt haben: Jetzt erst recht. Strache hat diesen Spruch gepostet, auf seiner Facebook-Seite, dem inoffiziellen Parteiorgan, der immer noch 800.000 Menschen folgen. Wer alt genug ist, oder sich ein bisschen auskennt in Österreichs Geschichte, kennt den Slogan. Kurt Waldheim hat ihn im Präsidentschaftswahlkampf 1986 benutzt, als Informationen über seine Rolle in der NS-Vernichtungsmaschinerie auftauchten. Viele Österreicher reagierten nicht etwa empört. sondern allergisch auf die Enthüllungen. Waldheim inszenierte sich als Opfer einer Intervention von außen – und gewann den Wahlkampf.

Heinz-Christian Strache selbst lässt sich nicht blicken auf dem Adler-Markt an diesem sonnigen Freitagnachmittag, aber er ist allgegenwärtig. Auf den Wahlplakaten in der Fußgängerzone, die ihn noch neben Spitzenkandidat Vilimsky zeigen. In den Reden seiner Parteifreunde, die das Ibiza-Video ganz wie Strache selbst als "besoffene Geschicht'" abtun, als Ausrutscher, aufgezeichnet von Kriminellen, kolportiert über ausländische Medien. Und auch in den Gesprächen der Sympathisanten und Funktionäre, die sich versammelt haben, wenn auch längst nicht so zahlreich, wie noch vor knapp zwei Jahren, als Strache hier seine letzte große Rede als Oppositionsführer hielt, bevor er nach den Wahlen zum Vizekanzler der Republik aufstieg.

Die Rentnerin A. Horvath [Name der Redaktion bekannt] hat sich aus der Wiener Donaustadt in den 10. Bezirk nahe des Hauptbahnhofs aufgemacht, um beim Wahlkampfabschluss dabei zu sein. "Was Strache gemacht hat, war falsch", sagt die 70-Jährige. "Aber er ist doch zurückgetreten, das hätte reichen müssen." Es hat nicht gereicht, Bundeskanzler Sebastian Kurz verlangte auch die Demission des notorisch skandalträchtigen Innenministers Herbert Kickl. Zu viel verlangt für die FPÖ.

Kampfansage an Kurz

Jetzt, wo die Koalition Geschichte ist, schreiben die Freiheitlichen an ihrer eigenen Version, in der sie das Opfer sind. Als Überraschungsgast schreitet der nun ehemalige Innenminister Kickl auf die Bühne, zu den Tönen von Bonnie Tylers "I need a Hero", die Moderatorin stellt ihn vor als den "besten Innenminister der 2. Republik" und als "Opfer des schwarzen Machtkartells". Die Schwarzen, das ist die alte ÖVP, die Kanzler Kurz erst übernommen und dann als türkise "Neue Volkpartei" neu erfand. Ein Schachzug, den die FPÖ deckte, solange sie in der Regierung war.

Nun ist Kurz hier nicht mehr wohlgelitten, und er braucht sich wohl keine Hoffnungen machen, dass die FPÖ das Misstrauensvotum gegen ihn am Montag nach der EU-Wahl nicht zur Abrechnung nutzt. Auftritt Norbert Hofer, neue Nummer eins der Partei und wahrscheinlich auch Spitzenkandidat für die Neuwahlen im September. "Kurz muss weg", skandieren einige Menschen vor der Bühne, und Hofer, den sie "das nette Gesicht der Partei" nennen, hält inne. "Ich höre Euch, und Ihr werdet am Montag an mich denken", sagt er dann. "Ihr werdet an mich denken."

Hofer schafft es, zwei Tage vor den Wahlen zum EU-Parlament fast ausschließlich über Innenpolitik zu reden, natürlich auch über Ibiza-Gate, an dem die versammelte Spitzenmannschaft der FPÖ vor allem stört, dass es über "linke Medien aus Deutschland" ans Licht kam, wie Vilimsky es ausdrückt. Ein Wort der Entschuldigung gegenüber den Wählern, ein Wort der Demut kommt hier keinem über die Lippen. Auch Hofer zieht lieber die Piefke-Karte. "Wenn ich Bundespräsidident gewesen wäre", sagt der Mann, der 2016 erst in der Stichwahl Alexander Van der Bellen unterlegen war, "dann hätte ich zu Jan Böhmermann klare Worte gefunden." Um dann auch noch ein bisschen Merkel-Bashing zu betreiben: "Österreich darf nicht Deutschland werden. Angela Merkel hat uns mit ihrem 'wir schaffen das' viele Probleme hier erst beschert."

Warten auf den ersten Stimmungstest

Rentnerin A. Horvath hat Hofer überzeugt. "Er und Kickl sind ein gutes Duo", sagt sie. Ob Ibiza-Gate den Freiheitlichen schaden wird? "Kurzfristig vielleicht schon, aber langfristig nicht." Wer sich bei den Funktionären umhört, die etwas abseits der Bühne in lockerer Atmosphäre bei dem ein oder anderen Bier plaudern, trifft auf eine Mischung aus Fatalismus und Trotz. Kein Wunder, die Partei musste 130 Mitarbeitern kündigen, die in der Regierung gearbeitet hatten, sie muss sich erst einmal sortieren. Ein ehemaliger Kabinettsmitarbeiter zitiert den legendären Spruch von Österreichs Fußball-Nationalspieler Toni Pfeiffer, der beim Halbzeitstand von 0:5 gegen Spanien sagte: "Hoch wern mas nimmer gwinnen." Andere berichten von einer zwar geschockten, aber auch mobilisierten Basis. Das könnte ein Pluspunkt sein für die FPÖ, die bei Europawahlen traditionell Probleme hat, ihre Kernklientel in die Wahllokale zu bewegen.

Die Umfragen sahen die Freiheitlichen bei rund 23 Prozent, das wäre ein Zugewinn im Vergleich zu 2014, als der blaue Balken am Ende bei 19,7 Prozent hielt. Aber diese Umfragen waren vor Ibiza. Welchen Effekt der Skandal um Strache auf die Wähler hat, wird erst der Sonntagabend zeigen – dann aber wohl ziemlich genau. Alle Experten rechnen damit, dass die innenpolitische Lage sämtliche EU-Themen überlagern wird. Dann werden die Freiheitlichen wissen, ob der Angriff für sie wirklich die beste Verteidigung war.

Quelle: n-tv.de

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