Politik

Wieduwilts Woche Diesen Wahlkampf haben wir uns verdient

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Alles Wurst: Armin Laschet und Markus Söder beim Besuch eines Bratwurst-Restaurants in Nürnberg.

(Foto: picture alliance/dpa)

Das Gemetzel um die Macht in Deutschland war über weite Strecken peinlich. Das sagen viele Beobachter jetzt und sie haben recht: Banalitäten, Tricks und Verrutscher dominierten. Wer hat Schuld am infantilen Zank?

Verantwortlich sind jedenfalls nicht, wie es gelegentlich heißt, "die Politiker", "die Medien" und "das Internet". Auch Noch-Kanzlerin Angela Merkel, jetzt in Mithaftung genommen von Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble, kann da wenig für. Wir haben sie schließlich wieder und wieder und wieder und wieder ins Amt gehievt! Nein. Schuld ist ein sattes, müdes Volk. Wir haben genau den Wahlkampf bekommen, den wir verdienen.

Bleiben wir fair: Wahlkämpfe sind selten Feuerwerke für den Geist, aber dieser hier war dann doch besonders. Da waren die endlosen Kandidatenshows, ob Trielle, Arenen oder Kinderzelte. Tatsächlich lag der Fokus der Öffentlichkeit selten so stark auf der Performance der Kandidaten, was ein ganzes Stück weit an deren Auswahl lag. Die Union schickte mit Armin Laschet einen Kandidaten ins Rennen, der fortan als eine Art Mr. Bean die moderne Medienwelt erfreute.

Die Überpräsenz von Würsten

Mehr als manch eine Politanalyse sagt über die Bundestagswahl 2021 die Überpräsenz von Würsten aus. Also der Fleischspeise.

Den Wurst-Aufschlag machte Altkanzler Gerhard Schröder, als er sich über das Currywurst-Aus bei VW empörte ("Kraftriegel des Facharbeiters"). Laschet aß dann Wurst mit Ketchup, ausgerechnet in Sachsen, wo man das laut Medienberichten "sanft rügte" - dort nimmt man nämlich eigentlich Senf. Fauxpas! Unvergessen bleibt der Moment, in dem ein Nachrichtensender das laufende Programm und den Redefluss seines Journalisten unterbrach, weil Laschet und Söder gerade jeweils feierlich einen Berg Bratwürste empfingen.

Nun ist, da darf man nicht vereinfachen, die Wurst tatsächlich seit Jahrhunderten ein Politikum. Kurz nachdem in Deutschland Martin Luther seine Thesen an die Kirchentür hämmerte, grub man in der Schweiz aus Protest beim "Froschauer-Wurstessen" die Zähne ins umhüllte Fleischgranulat. Warum auch nicht? Die Wurst bietet jeder politischen Strömung die Chance zur Profilierung: Für Konservative ist sie ein nationales Kulturgut und Ausweis für Bürgernähe. Für Liberale ist sie in Darm gepresste Freiheit. Grüne können sie als Klimaschande anprangern und für Sozialdemokraten ist sie eben ein Kraftriegel des Facharbeiters. Was für ein Fest für Wahlkämpfer und Kommentatoren!

Eis und "Super-Heli"

Es gab aber sehr wohl noch andere Themen neben der Wurst - nur eben keine guten. Wir diskutierten vermeintliche Kinderfragen über Purzelbäume (Laschet bei Prosieben), führten Debatten über zum falschen Zeitpunkt geschlecktes Eis (Laschet in Osnabrück) sowie über deplatzierte Lacher (Laschet in Erftstadt) und ergötzten uns an Details über die Transportmittel der Kandidaten. Scholz, falls Sie es verpasst haben, nutzte kürzlich den Privatjet, Laschet einen von der "Bild"-Zeitung so getauften "Super-Heli", Baerbock einen Bus. Weil auch Politiker irgendwann müde und quengelig werden, fühlte sich die letzte Woche an wie ein später Nachmittag in der Kita. Wolfgang "Coolbicki" (wiederum in der "Bild"-Zeitung) beschimpfte Karl Lauterbach als "Spacken", Kevin Kühnert nennt Christian Lindner gerade einen "Luftikus".

Gibt es Wichtigeres? Oh ja. Beispiel: Digitalisierung. Deutschland liegt in manchen Rankings auf dem vorletzten Platz vor Albanien. Vor Albanien! Die Wirtschaft befürchtet "massiven Schaden" für die deutsche Wirtschaft, weil es hiesigen Datenschützer noch immer Tränchen in die Augen treibt, wenn man Software amerikanischer Unternehmen verwendet. In Schmallenberg-Oberkirchen kann man 4,5 Gigabyte Fotos über eine Distanz von 10 Kilometern schneller zu Pferd als über das Internet transportieren, wie ein Experiment zeigte.

Dennoch war das Thema Digitalisierung im Wahlkampf nahezu unsichtbar, sieht man von Laschets hohlem Gerede über ein "Digitalministerium" ab. In Fachkreisen rollt man da nur die Augen, die Idee ist steinalt und war nie gut. Die Wahrheit ist schrecklich kompliziert, die Digitalisierung krankt an Zuständigkeitswirrwarr, Beharrungsvermögen einzelner, amtlicher Eigenbrötelei. Die beschränkte Bundesmacht über das Digital sitzt längst in einer Abteilung des Kanzleramts - mehr geht auch nicht mit einem Digitalministerium.

Keine der großen Parteien bietet eine griffige Vision

Man könnte ja auch über Außenpolitik reden. Afghanistan ist ein unüberschaubarer Schwelbrand. Gerade erschüttert ein U-Boot-Streit alte globale Allianzen, die westliche Welt zittert vor China, Putin droht uns im Winter mit der neuen Gas-Röhre zu erdrosseln. Niemand weiß so recht, wie man mit Afghanistan umgehen soll, die Impfstoffverteilung läuft in weiten Teilen des Globus katastrophal - und wie soll Deutschland eigentlich gegenüber den Vereinigten Staaten auftreten?

Oder vielleicht reden wir einmal über den Zustand der EU, der nicht nur gerade ein Mitglied absprang, sondern in der zwei Staaten, Polen und Ungarn nämlich, offenkundig mit dem Rechtsstaat hadern. Oder sind es drei? Neben Ungarn und Polen fängt ja auch Deutschland gerade Streit mit der EU an: Das Bundesverfassungsgericht ringt mit dem Europäischen Gerichtshof wegen - hey, sind Sie noch wach? - des EZB-Anleihekaufprogramms. Da wackeln die Wände im Haus Europa.

Es gibt nur ein Problem: Diese Themen interessieren leider kaum jemanden und sie eignen sich nicht für Abgrenzung und Emotion. Es geht zwar eigentlich um existenzielle Fragen. Keiner der großen Parteien bietet jedoch eine griffige, plastische Vision an. Es ist ein Wechselspiel, denn die Politik reagiert damit auch auf ein gewisses Desinteresse in der Öffentlichkeit. Der Wirtschaft geht es doch gut, Jobs sind genug da und Wurst auch. Was die unmittelbare Zukunft angeht, bietet sich vielleicht gerade noch Corona als Politikum an - was womöglich der Grund ist, warum die Union und die FDP sich derzeit so auf dieses Thema stürzen - Stichwort autonomes Saufen (Coolbicki).

Menschen reden über Menschen

Also: Was tun Menschen, die sich nicht über Themen unterhalten können? Sie reden über Menschen. Die Deutschen wollten diesmal besonders genau wissen, was für eine Person da ins Kanzleramt ziehen will. Vor diesem Hintergrund war es eine dreiste Provokation, dass ausgerechnet eine inhaltlich entkernte und entrückte Partei wie die CDU den Menschen einen Armin Laschet als Kandidaten vor die Nasen setzte.

Der Trost: Am Sonntag, 18.00 Uhr, schlägt eine Art Geisterstunde. Totgeschwiegene Themen und Parteifreunde (Auslandspolitik, Saskia Esken) stoßen dann ihre Fäuste durch die Sargdeckel und krabbeln durch die Erdkruste zurück an die Öffentlichkeit. Die SPD-Linke wird sich eine Neuauflage der Großen Koalition verbitten. In der FDP werden manche ihren Spitzenkandidaten an das Jamaika-Debakel vom letzten Mal erinnern, nur dass diesmal bitteschön das Gegenteil gelte: besser Schlechtregieren als Nichtregieren. Der Union blüht eine hitzige Debatte darüber, ob sie eigentlich noch irgendeine Vorstellung davon hat, was "konservativ" in den Zwanzigerjahren bedeutet.

Dann wird es endlich doch noch um Richtungen und Themen gehen.

Ohne Arena, ohne Kinderzelt.

Und ohne Wurst.

Quelle: ntv.de

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