Politik

Tagebuch aus der Ostukraine "Ein schneller Frieden bleibt Illusion"

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Hinter der Front bewegen die Separatisten schweres Gerät. Ein Abzug ist schwer überprüfbar.

(Foto: REUTERS)

Bevor n-tv-Reporter Dirk Emmerich für kurze Zeit nach Deutschland zurückkehrt, erlebt er einen der ruhigsten Tage seit Langem. Die Separatisten haben mit dem Abzug schwerer Waffen begonnen und ein rauschendes Fest in Donzek gefeiert.

 

Mittwoch, 25. Februar

Zum ersten Mal seit Tagen keine Schalten für die Frühnachrichten. Die Ukraine spielt in Deutschland keine Rolle an diesem Morgen. 

Es ist der letzte Tag für meinen Kameramann Adam Halup und mich. Einen Monat haben wir von hier über die Grauen des Krieges berichtet.

Wir brechen gegen 8 Uhr nach Dnepropetrowsk auf, dort geht um 15 Uhr unsere Flieger Richtung Deutschland. Unzählige Checkpoints: erst die der Separatisten - nach dem letzten die Akkreditierungsunterlagen austauschen - dann die der ukrainischen Armee. Fünf Stunden brauchen wir für die 260 Kilometer bis zum Flughafen. Eine Woche Pause. Durchatmen. Auftanken. Es waren anstrengende Wochen.

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Trotz der anhaltenden Kämpfe scheint es ein bisschen ruhiger geworden zu sein seit dem Wochenende. Doch wie lange wird das anhalten? Zwei Tage, zwei Wochen, zwei Monate?

Nein, hier ist weiter so vieles ungeklärt und nichts entschieden. Ein schneller Frieden ist Illusion.

Dienstag, 24. Februar

Heute beginnen die Separatisten tatsächlich mit dem Abzug der schweren Technik. Jedenfalls sieht es so aus. 50 Kilometer weit von der Front, im Hinterland sehen wir mehrere Kolonnen Militär-LKW, die Kanonen ziehen. Machen sie wirklich Ernst? Der Vize-Stabschef der Separatisten, Juri Bassurin, gibt Interviews: "Das ist Teil der Minsker Vereinbarungen. Wir sind gewillt, diese jetzt umzusetzen. Wir haben die OSZE über den Fahrplan der Kolonnen informiert. Warum keiner der Beobachter gekommen ist, weiß ich nicht."

Die Skepsis ist groß. Möglicherweise ist es gar kein Rückzug, sondern nur eine Umgruppierung Richtung Mariupol? Bassurin sagt: "Nein, wir haben nicht die Absicht, die Stadt anzugreifen." Auch der russische Präsident Putin verbreitet in einem Interview versöhnliche Töne, dass eine Lösung nun endlich möglich scheine. In den letzten Monaten folgte meist wenige Tage später eine neue Eskalation. Skepsis, kein gutes Gefühl.

Am Abend sind wir in der Jusowskaja Brauerei, die ihren Namen John James Hughes verdankt, einem britischen Industriellen, der hier vor 150 Jahren in die Industrie investierte und auch diese Brauerei eröffnete. Die Stadt trug damals sogar seinen Namen, Jusowsk, bevor sie Donezk wurde. Die Brauerei war mehrere Monate geschlossen. Am Eingang prangt jetzt ein großes Hinweis-Schild: "Bitte Waffen im dafür vorgesehenen Spezialraum ablegen".

Kollegen, die aus Debalzewe zu unserer Runde stoßen, berichten, dass dort noch immer Gefechte stattfänden.
 

Montag, 23. Februar

Es ist ein ruhiger Morgen. Draußen scheint die Sonne. Kein Grad, keine Artillerie… Kurz nachdem ich diesen Guten-Morgen-Tweet aus Donezk in die Welt schicke, ändert sich das jedoch wieder. Die Einschläge sind wieder zu hören. Es ist offiziell der neunte Tag der Waffenruhe.

Um 14 Uhr findet auf dem Lenin-Platz eine große Demonstration statt. Der 23. Februar war früher "Tag der Roten Armee", seit einigen Jahren heißt er "Tag der Vaterlandsverteidiger". Aus den Lautsprechern ertönt Marschmusik. Vor der Tribüne ist eine Kompanie des Bataillons "Vostok" aufgezogen. Einige Kämpfer nehmen Kinder auf den Arm, die ihnen Blumen an die Uniform stecken. Über dem Platz viele sowjetische Fahnen.

Es wirkt wie eine Zeitreise in die Vergangenheit. Eine Frau sagt uns: "Damals war alles gut. Wir haben hier alle friedlich zusammengelebt: Russen, Ukrainer, Tataren, Griechen. Und jetzt haben uns Poroschenko, Obama und Merkel diesen Krieg aufgezwungen."

Am Abend findet in der Oper ein Festkonzert statt. Vor dem Haus parken SUVs, Jeeps, Mercedes S-Klassen, die von Leibwächtern mit Kalaschnikows bewacht werden - Autos und Entourage der neuen Machthaber der "Volksrepublik Donezk". Wo kommen die ganzen Autos her und wer hat sie bezahlt?

Um 21.30 Uhr gibt es ein großes Feuerwerk. Ein britischer Kollege, der den Feiertag offenbar nicht kennt, twittert aufgeregt: Heftige Explosionen im Stadtzentrum, so stark wie nie zuvor in den vergangenen Tagen… "Explosions? Fireworks! Day Of Homeland Defenders…" Er antwortet nicht.

Quelle: n-tv.de