Politik

Corona-Mutation in England Irland kann die Grenze nicht dichtmachen

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Der Fährverkehr zwischen Nordirland und Schottland ist nicht unterbrochen. Wer allerdings nach Nordirland einreist, muss sich für zehn Tage in Isolation begeben.

(Foto: AP)

Wegen einer neuen Covid-Variante versucht die EU, sich von England abzuschotten. Das Beispiel Irland zeigt allerdings, dass Reisen in Europa zwar eingeschränkt, jedoch nicht komplett vermieden werden können.

Kurz vor Weihnachten breitet sich das mutierte Coronavirus rasend schnell aus. Obwohl es mittlerweile auch in anderen Ländern bestätigte Fälle gibt, stecken sich vor allem in England besonders viele Menschen mit dem mutierten Virus an. Bis Mitte Dezember infizierten sich dort mehr als 1000 Menschen.

Die Coronavirus-Variante, die als B.1.1.7 bezeichnet wird, gilt als besonders infektiös - laut der britischen Regierung ist sie bis zu 70 Prozent ansteckender als das ursprüngliche Virus. Die Angst vor einer unkontrollierbaren Ausbreitung veranlasste Ende der vergangenen Woche viele europäische Länder, ihre Reiseverbindungen nach England zu kappen. Während noch immer über einen Brexit-Handelspakt verhandelt wird, sind die Briten schon jetzt isoliert.

Das sorgt für Chaos im Reiseverkehr: Vor den Grenzen Frankreichs stauen sich die Lastwagen, Einreisende aus England an deutschen Flughäfen müssen am Terminal auf Feldbetten schlafen. Auch viele Iren, die in England arbeiten, sind betroffen. Und umgekehrt: Henry stammt aus England, lebt jedoch seit August in Dublin. Eine Woche vor Weihnachten ist er in seine Heimat geflogen. Am 2. Januar wollte er eigentlich nach Irland zurückkehren. "Es sieht nicht gut aus, was meine Rückreise betrifft", sagt Henry. Der 25-Jährige ist froh, dass er auch von seiner Heimat aus arbeiten kann, "daher ist es kein ganz so großes Problem". Trotzdem fragt er sich, wie lange die Reiseverbote wohl noch aufrechterhalten werden.

Flüge von England wurden gestrichen, die Grenze bleibt auf

Auch wenn er selbst stark von den Einschränkungen betroffen ist, glaubt Henry, dass die Vorkehrungen sinnvoll sind. Allerdings solle man bedenken, findet er, dass das Virus in England bereits im September vorkam, und "jetzt wahrscheinlich schon überall ist". Was ihn auch beunruhigt ist, dass er ein paar europäische Zeitungen gesehen habe, welche die Mutation das "Englische Virus" nannten. "Es scheint so, als wäre das passend zu den Brexit-Verhandlungen. Aber vielleicht ist das auch nur sehr zynisch", sagt Henry. Er hofft, dass all die Sicherheitsmaßnahmen aus äußerster Vorsicht entstehen, und dass mit der Impfung auch Besserung in Sicht ist.

Für alle Iren, die in England gestrandet waren, wurden am Dienstag zwei Repatriierungsflüge organisiert. 350 Einwohner wurden damit zwei Tage vor Weihnachten zurück in ihre Heimat gebracht. Doch auch wenn mindestens bis zum 31. Dezember alle regulären Flüge von England in die Republik Irland gestrichen werden, ist ein Einreiseverbot nach Nordirland nicht geplant.

Der Vorschlag, ein komplettes Reiseverbot zwischen den beiden Inseln einzuführen, wurde von der nordirischen All-Parteien-Regierung diskutiert, aber verworfen. "Es gilt nun keine Zeit zu verlieren, wenn es darum geht, sich auf ein Einreiseverbot aus England zu einigen", hatte Michelle O’Neill, Vizechefin der Partei Sinn Féin, gefordert. "Belfast und Dublin müssen zusammenspielen, um jeden auf dieser Insel zu schützen." Dass Sinn Féin einen solchen Vorschlag macht, ist nicht überraschend: Die Partei strebt die Wiedervereinigung Nordirlands mit der Republik Irland an.

"Es ist sehr vereinfachend zu sagen: 'Lasst uns Nordirland abschotten'", sagte dagegen Nordirlands Erste Ministerin, Arlene Foster von der Democratic Unionist Party. Sie rief die Nordiren dazu auf, nur zu reisen, wenn es wirklich notwendig sei. Wer nach Nordirland kommt und für mindestens 24 Stunden bleibt, muss sich für zehn Tage in Isolation begeben, heißt es in den aktualisierten Reiserichtlinien des Nordens.

Zwei Länder, keine Grenze

Für Pendler gilt dies nicht, denn die Insel ist zwar geteilt, die Grenze jedoch offen. Während die Republik im Süden zur EU gehört, ist der Norden Teil des Vereinigten Königreichs. Das macht ein Reiseverbot zwischen Nordirland und England schwierig. Noch komplizierter wäre der Versuch, Nordirland von der Republik abzuriegeln. Durch die langjährige gemeinsame Mitgliedschaft in der EU und den Friedensprozess in Nordirland ist die knapp 500 Kilometer lange Grenze aus dem Alltag der Menschen praktisch verschwunden. Jetzt Kontrollen einzuführen, wäre so gut wie unmöglich.

Cahal O'Boyle beispielsweise arbeitet in Dublin, seine Familie und seine Freundin wohnen in Belfast. Wöchentlich pendelt er mit dem Auto über die unsichtbare Grenze. Aber auch er hält ein Reiseverbot aufgrund steigender Infektionszahlen für sinnvoll: "Ich denke, das wäre eine gute Idee, aber sehr schwierig durchzusetzen." Das liege vor allem an der hohen Anzahl von Grenzübergängen und der fehlenden Polizeikräfte, die Reisende dort kontrollieren könnten.

Zurzeit macht es für den 26-Jährigen nicht den Eindruck, als würde die Regierung der Republik ein Reiseverbot innerhalb der Insel durchsetzen wollen. "Und die nordirische Regierung hat dafür einfach nicht die Ressourcen." Daher besteht zurzeit nur die Empfehlung, nicht zwischen dem Norden und Süden hin und her zu reisen. Menschen, die seit dem 8. Dezember aus England in die Republik eingereist waren, stehen der irischen Nachrichtenseite "The Journal" zufolge unter "verstärkter Überwachung".

Auch die EU-Kommission sprach sich in den vergangenen Tagen gegen komplette Verbote aus, vor allem, um Versorgungsketten sicher zu stellen. Doch auch hier ist man der Meinung, "nicht-essentielle Reisen zu verbieten". O’Boyle würde Grenzkontrollen und Verbote grundsätzlich unterstützen, um das Virus einzudämmen. Auf der anderen Seite ist er froh, problemlos von Dublin in seine Heimat fahren zu können - gerade jetzt über die Weihnachtszeit. "Es würde mich schon sehr stark betreffen und bedeuten, dass ich Weihnachten ohne meine Familie verbringen muss", sagt der Nordire.

Quelle: ntv.de