Politik

Al-Bagdadi als Erbe des Propheten Isis geht mit dem "Kalifat" aufs Ganze

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"Staat des islamischen Kalifats" - mit diesem Zusatz sind jetzt die Flaggen der einstigen Isis-Gruppe versehen, die sich jetzt als Untermauerung des alleinigen Herrschaftsanspruchs nur noch IS nennt - Islamischer Staat.

Jeder Muslim, der es sich zutraut und genug Leute hinter sich hat, kann ein Kalifat ausrufen. Doch wie lange kann der neue Gottesstaat der Isis-Dschihadisten im Irak Bestand haben? Die Geschichte zeigt, dass ein Kalifat selten allein kommt.

Mit der Ausrufung eines Kalifats versucht die Terrorgruppe Islamischer Staat im Irak und in Syrien (Isis), als etwas Größeres wahrgenommen zu werden als nur - wie bisher - als Dschihadisten-Miliz. Doch der Schritt, den die Gotteskrieger symbolträchtig zum ersten Tag des Fastenmonats Ramadan unternommen haben, birgt große Risiken. Der neue Kalif, Isis-Chef Abu Bakr al-Bagdadi, handelt damit nach der Devise: alles oder nichts.

Ein Kalifat, also einen theokratischen Staat unter Führung eines Nachfolgers des Propheten Muhammad, ruft man nicht zum Test aus. Entweder dieser "Staat" hat Bestand oder Isis wird irgendwann untergehen. Das hätte dann allerdings weniger mit der irakischen Armee oder den USA zu tun, die jetzt halbherzig gegen die Dschihadisten aufrüsten. Viel entscheidender für das Gelingen dieser irren Vision ist die Akzeptanz der Muslime in der Region und weltweit. In der Deklaration (hier in englischsprachiger Übersetzung), die die Isis-PR am Sonntag verbreitet hat, werden alle Muslime aufgefordert, Abu Bakr al-Bagdadi als Kalifen anzuerkennen. Andernfalls seien sie Apostaten. Einher damit ging die Umbenennung in "Islamischer Staat" (IS), denn aus Sicht des neuen Kalifen und seiner Clique hat ab jetzt kein anderer islamischer Staat auf der Welt eine Daseinsberechtigung. Es gibt nur diesen einen.

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So sieht der neue Kalif aus: Abu Bakr al-Bagdadi alias Ibrahim Ibn Awwad al-Qureischi.

(Foto: AP)

Ein Kalifat kann theoretisch jeder Muslim ausrufen, der sich in der Tradition des Propheten Muhammad sieht und von genügend Gefolgsleuten, die ihm das glauben, legitimiert wird. Der neue Anführer Al-Bagdadi oder sein Umfeld vermuten also Gefolgschaft von genügend Muslimen. Das Selbstbewusstsein kommt nicht von ungefähr, denn die Gruppe kontrolliert schon seit vielen Monaten den dünn besiedelten nordwestlichen Teil des Irak und den südöstlichen Teil von Syrien. Mit der durch das Sykes-Picot-Abkommen von 1916 von Briten und Franzosen gezogenen Grenzlinie, die Isis selbstverständlich verachtet, hat das allerdings weniger zu tun als mit der Tatsache, dass sich von solchen kaum besiedelten - und kaum regierten - Gebieten aus eben leichter ein Eroberungsfeldzug verwirklichen lässt. Überraschend kommt der Schritt damit keineswegs.

Al-Bagdadi trägt in Isis-Kreisen den erlauchten Namen Ibrahim Ibn Awwad Ibn Ibrahim Ibn Ali Ibn Muhammad al-Badri al-Haschimi al-Husseini al-Qureischi. Wichtig ist dabei der letzte Namensteil: al-Qureischi. Damit gibt der in Samarra geborene Iraker vor, zum Stamm der Qureisch zu gehören - jenem arabischen Stamm, dem auch der Prophet Muhammad angehörte. Ob das stimmt, ist bisher nicht zu prüfen gewesen. Kalifen sollten nach den ursprünglichen Regeln, die nach dem Tod Muhammads von dessen Zeitgenossen festgesetzt wurden, direkte Nachfahren des Propheten oder zumindest Stammesangehörige sein. Doch darüber streiten sich die Muslime, seit es den Islam gibt. Sunniten sehen diese Sache eigentlich nicht so eng. Aus der strittigen Nachfolgefrage geht auch die Spaltung der frühen muslimischen Gemeinden in Sunniten und Schiiten zurück. Letztere bestanden auf die direkte Blutsverwandtschaft zum Propheten, weshalb sie nur den vierten Kalifen Ali anerkennen.

Wie wird Al-Kaida reagieren?

Ob die Dschihadisten mit dem Kalifat überhaupt die richtige Form für ihre Vorstellungen des wahren islamischen Staates gewählt haben, ist eine weitere Frage. Zunächst war im Arabischen das Wort "Khalifa" (Kalif) der Begriff für den Nachfolger Muhammads. Die ersten vier waren nach dem Tod des Propheten im Jahr 632 von der Versammlung der bis dahin existierenden muslimischen Gemeinden noch direkt gewählt worden. Die Namen der sogenannten vier "rechtgeleiteten Kalifen" Abu Bakr, Omar, Osman und Ali sind bis heute in jeder Moschee unter dem des Propheten zu lesen. Das Kalifat aber als theokratische Staatsform wurde erst im Laufe der Zeit von Rechtsgelehrten immer wieder neu definiert und ausgelegt. Bis zu seiner Abschaffung durch die Osmanen im Jahr 1924 hatte das Kalifat nicht mehr viel mit den Vorstellungen der Urgemeinde gemein.

Es ist naheliegend, dass die heutigen Dschihadisten mit ihrem Kalifat eher an das aus der Zeit des Propheten anknüpfen wollen. In der rückwärtsgewandten Ideologie zieht alles, was nach frühislamischer Zeit klingt. Doch auch damals gelang es nicht ohne weiteres, ein Kalifat einfach so auszurufen und vor allem: zu halten. Blutige Kriege wurden um die Vorherrschaft geführt, oftmals bestanden zwei oder mehrere Kalifate parallel zueinander, bis das eine über das andere siegte. Das gilt für die Ummayyaden mit Sitz in Damaskus, die im Jahr 749 von den Abbasiden aus Bagdad abgelöst wurden, die wiederum in ihrer knapp 500 Jahre währenden Vorherrschaft von Konkurrenz- und Schattenkalifaten immer wieder in Frage gestellt und schließlich de facto entmachtet wurden.

Könnte das auch Isis passieren? Mit der über zehn Jahre führenden Mutter-Terrororganisation Al-Kaida hat sich die Isis-Führung längst überworfen. Al-Kaida-Chef al-Zawahiri hat sich bisher nicht zu dem neuen Kalifat geäußert. Fußvolk von Al-Kaida könnte sich aber durchaus angezogen fühlen. Schließlich ist der Isis-Staat der erste Neo-Gottesstaat, der konkretere Formen annimmt. Für den Moment dürfte die Ausrufung des Kalifats noch mehr Geblendete aus aller Welt ins Kampfgebiet locken. Isis ist längst eine internationale Organisation, die in diesem Sinne auch eine absurde Romantik für Dschihad-Touristen bereithält. Über das sonstige Personal weiß man nicht viel, doch es wird vermutet, dass die Gruppe von zahlreichen Geheimdiensten und V-Leuten aus anderen islamistischen Gruppen unterwandert ist. Wohin sie steuert, hängt auch davon ab, wer diese internen Machtkämpfe für sich entscheidet.

Quelle: n-tv.de

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