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Hymnen-Protest gegen Rassismus Kaepernick zeigt, wie uneins die USA sind

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Quarterback Kaepernick (r.) wird von seinem Teamkollegen Eric Reid unterstützt.

AP

Wenn in den USA die Nationalhymne gespielt wird, stehen alle auf. Seit der Quarterback Colin Kaepernick sitzen bleibt, debattiert das Land über Rassismus und Meinungsfreiheit.

Der Protest des US-Sportlers Colin Kaepernick über die ungerechte Behandlung von Afroamerikanern und ethnischen Minderheiten in der amerikanischen Gesellschaft schlägt weiterhin hohe Wellen. Politiker, Musiker und Athleten anderer Sportarten haben Stellung bezogen und zeigen die Gespaltenheit des Landes in der Frage nach sozialer Gleichberechtigung.

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Die Aktion von Colin Kaepernick hat eine breite Debatte ausgelöst.

(Foto: imago/ZUMA Press)

Kaepernick, Ersatzquarterback der San Francisco 49ers, die in der National Football League spielen, blieb während eines Vorbereitungsspiels beim Erklingen der amerikanischen Nationalhymne, die vor jedem Spiel gespielt wird, demonstrativ auf der Bank sitzen. Es war ein kalkulierter Akt des 28-Jährigen, der wusste, dass eine solche Aktion im patriotischen Amerika weitreichende Folgen nach sich ziehen würde.

Kaepernick begründete seine Entscheidung mit den Worten: "Ich werde nicht aufstehen, um Stolz für die Flagge eines Landes zu zeigen, welches Schwarze und Menschen anderer Hautfarbe unterdrück. Es ist größer als Football für mich, und es wäre egoistisch von mir, einfach wegzusehen. Es liegen Tote auf der Straße, doch Leute erhalten bezahlten Urlaub und kommen mit Mord davon." Seine Aussagen beziehen sich in erster Linie auf die zahlreichen Vorfälle exzessiver Polizeigewalt gegenüber ethnischen Minderheiten, von denen vor allem Afroamerikaner betroffen sind und bei der in den vergangenen Monaten mehrere Menschen ums Leben gekommen sind.

"Die sollten ein anderes Land ausprobieren"

Mit dem Start der neuen NFL-Saison am vergangenen Wochenende ist Kaepernicks Protest in aller Munde - auch weil der erste Spieltag auf den 15. Jahrestag der Anschläge auf das World Trade Center fiel. An einem Tag, an dem die Amerikaner nach Einheit und Zusammenhalt suchten, wurde ihnen durch Kaepernick und zahlreiche andere NFL-Spieler, die seinem Beispiel folgten, das Gegenteil verdeutlicht. Mehrere Spieler, wie etwa 49ers Mannschaftskamerad Eric Reid, beteiligten sich am Protest, entweder durch das Heben der rechten Faust - ein Symbol der Black-Power-Bewegung aus den 1960er Jahren - oder indem sie während der Hymne knieten. Brandon Marshall von den Denver Broncos verlor zwei seiner Sponsoren, CenturyLink und Air Academy Federal Credit Union, nachdem er beim Auftaktspiel am vergangenen Donnerstag während der Hynme an der Seitenlinie kniete.

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Kaepernick will sich nicht von einem der beiden politischen Lager vereinnahmen lassen.

(Foto: imago/ZUMA Press)

Weil Kaepernick in einen Interview deutlich machte, dass er weder Hillary Clinton, die seiner Meinung nach im Gefängnis sitzen sollte, noch den "unverblümten Rassisten" Donald Trump als Präsidentschaftkandidaten unterstützt, haben beide politischen Lager die Situation genutzt, um Punkte im Wahlkampf zu sammeln. Trump, der ohnehin gern an die nationalistischen Gefühle seiner Wähler appelliert, sagte, dass NFL Spieler, die während der Nationalhymne protestieren, das Land verlassen sollten. "Ich denke, es zeigt einen großen Mangel an Respekt und Anerkennung für unser Land, und ich sage, die sollten ein anderes Land ausprobieren, um zu sehen, ob sie es lieber mögen", so der republikanische Präsidentschaftskandidat im Sender Fox News. "Lasst uns mal sehen, wie gut es ihnen ergehen würde. Lasst uns sehen, ob sie 20 Millionen Dollar als Ersatzquarterback verdienen würden."

Clinton, die sich gerade von einer Lungenentzündung erholt, hat sich bislang nicht öffentlich zu Kaepernick geäußert. Doch ihr Vizepräsidentschaftskanditat Tim Kaine sagte, Kaepernick verdiene "Respekt" für seinen Protest. "Ich würde es zwar anders machen, aber man muss Respekt davor haben, wenn Menschen nach ihrem Gewissen handeln", sagte Kaine.

"Herr Kaepernick hat das Recht, sich zu irren"

Die Aussagen von Trump und Kaine zeigen nicht nur die Unterschiede zwischen Republikanern und Demokraten, sondern Amerikas gesellschaftliches Zerwürfniss. Für viele ist Kaepernicks Protest nichts weiter als der Versuch eines erfolglosen Sportlers, sich ins Rampenlich zu katapultieren und eventuell neue Sponsoren an Land zu ziehen. Ted Cruz, unterlegener Präsidentschaftsbewerber der Republikaner und Senator aus Texas, beschrieb Kaepernick als einen "reichen, verzogenen Sportler", nachdem sich dessen Trikot seit dem Start seines Protests am 26. August zu einem Verkaufsschlager entwickelt hat. Der republikanische Vizepräsidentschaftskandidat Mike Pence zeigte sich dagegen etwas diplomatischer. "Herr Kaepernick hat das Recht, sich zu irren, und er irrt sich total", sagte Pence dem Sender NBC.

Für viele US-Amerikaner sind Nationalhynme und Flagge unantastbare Symbole für Freiheit und Demokratie, und von daher eine Protestbewegung wie diese ein Sakrileg. In seiner kurzen Stellungnahme zum Thema erinnerte Präsident Barack Obama alle Kritiker des Protests an ein grundlegendes amerikanisches Recht, das Recht auf Meinungsfreiheit. "Meiner Ansicht nach übt er sein verfassungsgemäßes Recht aus, seine Meinung kund zu tun. Ich denke, es gibt eine lange Geschichte von Sportlern, die dies getan haben", sagte Obama auf einer Pressekonferenz am Rande des G20 Gipfels in China.

In einem Wahlkampf, der von Hass, Ausgrenzung und Diskriminierung geprägt ist, braucht es vielleicht Persönlichkeiten wie Colin Kaepernick. Sportler, die das Erbe eines Muhammed Ali antreten, soziale Missstände beanstanden und sich für positive gesellschaftliche Veränderungen einsetzen. "Mir sind junge Menschen, die sich mit den Argumenten beschäftigen und darüber nachdenken, wie sie Teil des demokratischen Prozesses sein können, lieber als diejenigen, die an der Seitenlinie sitzen und dem Ganzen keinerlei Beachtung schenken", sagte Obama.

Kaepernick und Co. werden auch am kommenden Spieltag ihren Protest fortsetzen. Als beliebteste Sportart des Landes hat American Football einen Stellenwert in der Gesellschaft, der über das Spielgeschehen hinausgeht. Um ein Zitat aus dem Football-Film "Erschütternde Wahrheit" zu verwenden: "Der NFL gehört ein Tag in der Woche. Derselbe, der einmal der Kirche gehörte."

Quelle: n-tv.de

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