Politik

Im Absturz Kurs auf Kanzleramt? Laschets Erfolg: Er ist noch da

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Armin Laschet beansprucht die Regierungsbildung für die Union, auch als Chef der womöglich nur zweitstärksten Partei.

(Foto: picture alliance / ASSOCIATED PRESS)

Ein historisches schlechtes Ergebnis für die Union, doch Kanzlerkandidat Laschet peilt das Kanzleramt an. Die CDU-Spitze macht mit - vorerst, denn der Machterhalt scheint möglich und geht nur mit dem Vorsitzenden.

Mit einem tiefblauen Auge geht Armin Laschet nach jetzigem Stand aus diesem Wahlabend - CDU und CSU erreichen das historisch schlechteste Ergebnis, das sie jemals in einer Bundestagswahl eingefahren haben. Aber nach Hochrechnungen liegen sie nur knapp hinter der SPD. Aufgrund der Überhangmandate, von denen besonders die CSU profitieren könnte, wäre es sogar möglich, dass die Union mehr Sitze im neuen Bundestag haben wird als die Sozialdemokraten. Zwar hieß es aus der CSU noch vor kurzem, Platz zwei "bedeutet am Ende Opposition". Am Wahlabend möchte das jedoch keiner der Unionsspitzenpolitiker so wiederholen.

"Wir haben als Union von unseren Wählern und Wählerinnen einen klaren Auftrag erhalten, eine Stimme für die Union ist eine Stimme gegen eine linksgeführte Bundesregierung", sagt Laschet, da liegen Union und SPD in der ersten Hochrechnung nur 0,2 Prozentpunkte auseinander. Man werde "alles daran setzen, eine Bundesregierung unter Führung der Union zu bilden".

Und auch in der Berliner Runde von ARD und ZDF mit den Kanzler- und Spitzenkandidaten der größten Parteien untermauert Laschet seinen Führungsanspruch. Der Vorsprung der SPD ist zu dem Zeitpunkt auf einen Prozentpunkt angewachsen. "Wir haben morgen erstmal CDU-Vorstand", sagt Armin Laschet, er habe "die Absicht, die Sondierungsgespräche aus dem Amt des CDU-Vorsitzenden zu führen". Die Wahl zum Fraktionschef strebt er offenbar nicht an. "Kann die Union Nummer 2?", lautet die Frage der Moderation, Laschet umgeht sie: "Nach meiner Einschätzung ist jeder der Meinung, dass die Groko nicht zukunftsträchtig ist. Wir brauchen einen echten Neuanfang, der nicht erzwungen wird."

Ein Neuanfang - ausgerechnet mit der Partei, die in den 16 vergangenen Jahren die Kanzlerin gestellt hat, die 2013 einen Sieg mit 41,5 Prozent der Stimmen einfuhr? Im RTL/ntv-Trendbarometer vom 31. August hatte die Union nicht die Hälfte dieses Wertes erreicht: 19 Prozent. Der Trick, den Laschet und die Christdemokraten nun anwenden: Nicht von 41,5 Prozent runterschauen, sondern von 19 Prozent hoch: "Das war ein gelungener Endspurt, das war eine große Aufholjagd", sagt der CDU-Chef. "Das ist unser Antrieb für die Zukunft."

Zum Abschluss falsch gefaltet

Die Aufholjagd konzentrierten die Christdemokraten darauf, vor der Option Rot-Grün-Rot zu warnen, die keine Option sein wird - aus Sicht der Union ein großer Erfolg des Wahlabends. Und nach der Beschädigung Laschets durch den Angriff auf seine Kandidatur im Frühjahr, nach "Ja, was machen wir noch?", nach Twitter-Shitstorms zu falschem Schuhwerk, falscher Miene zum falschen Zeitpunkt und zum Abschluss auch noch falscher Faltung des Wahlzettels, da kann man sechs Prozentpunkte Verbesserung gegenüber den Umfragewerten von Ende August als gelungenen Endspurt werten - wenn man weiß, dass es der eigenen Partei um den Machterhalt um fast jeden Preis gehen wird.

Das könnte derzeit der Klebstoff sein, der die Union und ihren Kanzlerkandidaten, mit dem von Anfang an nur eine Minderheit glücklich zu sein schien, derzeit noch zusammenhält. Denn das Auswechseln Laschets - bis wenige Wochen, ja Tage vor der Wahl noch immer Gedankenspiel in den Medien und womöglich auch in manchen Unionsköpfen - es wäre jetzt nach der Wahl nur noch mit dem Eingeständnis möglich, so umfassend auf die falsche Strategie und das falsche Pferd gesetzt zu haben, dass es vermessen schiene, von den Bürgerinnen und Bürgern das Vertrauen für die Regierungsbildung zu erbeten.

Das geht nur mit Laschet an der Spitze, und so versammelt sich eine Riege von Parteispitzen hinter ihm, als er im Konrad-Adenauer-Haus seinen Anspruch auf die Regierungsbildung erklärt. Merkel, Bouffier, Spahn, Ziemiak, Karliczek, Braun, Breher - sie alle hat Laschet im Rücken, zumindest in diesem Moment. Zwei Stunden später in der Berliner Runde wirkt er schon beinahe ganz in seinem Element als beinharter Optimist und leidenschaftlicher Moderator. Es brauche einen großen Schub in der Verwaltung des Landes, bei Digitalisierung und Klimaschutz, sagt Laschet. "Ich wünsche mir eine Regierung, wo jeder Partner vorkommt. Unterschiedliche Positionen müssen so zusammengeführt werden, dass man die Koalition gerne macht." Eine Botschaft, die an Grüne und FDP gerichtet ist.

Die Charme-Offensive für Annalena Baerbock und Christian Lindner, sie ist Laschets einzige Chance, die Union in Deutschland und sich selbst in der Union an der Macht zu halten. Einen Begriff dafür hat die CDU-Spitze sich auch zurechtgelegt: die "Zukunftskoalition". Ein "Regierungsbündnis für die Zukunft" müsse man nun schmieden, so formuliert es auch CSU-Chef Markus Söder am Abend in der Runde der Parteispitzen. Den Anspruch Deutschland zu erneuern, könne man "gut mit Armin Laschet dokumentieren".

Im Halbstunden-Takt vergrößert sich der Abstand

Nicht alle in der CDU bringen den Namen Laschet mit Erneuerung in Verbindung. Unionsfraktionsvize Gitta Connemann will alles auf den Prüfstand stellen - "Strukturen, Verfahren, Mitgliederbeteiligung. Dazu gehören auch personelle Konsequenzen", sagt sie am Abend dem "Handelsblatt". Das schlechteste Wahlergebnis der Geschichte der Union lasse sich nicht beschönigen. "Wir sind auf dem Weg, den Status der Volkspartei zu verlieren", deshalb dürfe es kein Weiter so geben.

Am Sonntag scheint das noch eine Einzelmeinung in der Partei zu sein, zumindest öffentlich ziehen Laschet, Bundesvorstand, Generalsekretär, Schwesterpartei noch an einem Strang, der die Union in der Regierung hält. Doch im Halbstunden-Takt werden die Hochrechnungen präziser, und sie vergrößern den Abstand der SPD zu den Christdemokraten. Um 22.30 Uhr liegen die Sozialdemokraten schon bei 25,9 Prozent der Stimmen, die Union ist auf 24,1 gerutscht.

Sollte diese Entwicklung mit zunehmender Auszählung der Briefwahlstimmen weitergehen, dann könnte irgendwann in der Nacht der Zeitpunkt kommen, an dem der Abstand zu groß wird, an dem es allmählich realitätsfern, gar vermessen wirken würde, aus dem Ergebnis einen Regierungsauftrag abzulesen. Es könnte der Moment sein, an dem weder Armin Laschet noch die Union umhin käme, diese Wahl als Niederlage zu werten. Die große Hoffnung der Partei an diesem Wahlabend bleibt, dass dieser Moment nicht eintreten wird. Ob es soweit kommt, kann Laschet kaum noch beeinflussen. Sein Schicksal nicht nur als möglicher Kanzler, sondern auch als CDU-Chef liegt nun in den Händen von Lindner und Baerbock. Senken sie den Daumen, könnten sich Positionen wie die von Connemann durchsetzen.

Quelle: ntv.de

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