Politik

Dreifach-Triumph nicht gewiss Die SPD zeigt sich als verunsicherter Sieger

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Er lächelt, aber das Triumphieren überlässt Scholz seinen Vorsitzenden.

(Foto: picture alliance/dpa)

Die Sozialdemokraten sind die voraussichtlichen Wahlsieger. Eine Sensation, doch der Vorsprung im Bund und in Berlin ist so eng, dass die versammelten Mitglieder im Willy-Brandt-Haus nicht so recht wissen, wie groß die Freude sein darf. Olaf Scholz scheint es ähnlich zu gehen.

Es ist der zweite große Sieg in der Politikerkarriere des Olaf Scholz. Nachdem er im Februar 2011 mit einer absoluten Mehrheit für die SPD Hamburgs Erster Bürgermeister wurde, hat er nun eine noch unwahrscheinlicher anmutende Mission geschafft: Die SPD ist stärkste Kraft oder zumindest gleichauf mit der Union bei der Bundestagswahl 2021.

Scholz hat sich während der zehn Jahre und acht Monate seit seinem Hamburg-Triumph in einem Punkt nicht verändert: Er jubelt zurückhaltend. Die Sieger-Faust liegt ihm nicht, so war es schon damals bei der Wahlparty in einem Hamburger Kulturzentrum. Weder die "Olaf, Olaf!"-Rufe der versammelten Mitarbeiter und Parteiprominenz im Willy-Brandt-Haus noch der nicht enden wollende Applaus lassen sichtlich erkennbare Rührung ins Gesicht des 63-Jährigen treten. Seine Frau Britta Ernst, Bildungsministerin in Brandenburg, scheint sich sogar ein wenig unwohl zu fühlen auf der kleinen Bühne im Schatten der übergroßen Brandt-Statue.

Vor zwei Monaten noch schien der SPD-Sieg ganz und gar unmöglich. Umfragen vor zwei Wochen aber sahen Scholz wiederum noch deutlicher vorn, als er an diesem Abend tatsächlich ins Ziel gekommen ist - zumindest nach Maßgabe der bis 21 Uhr bekannten Hochrechnungen. Dass sich auch die Partei mehr ausgerechnet hat, zeigen die ersten Reaktionen auf die Prognosen um 18 Uhr. Die Regie in der Parteizentrale hat sich entschieden, das ZDF auf die Bildschirme zu bringen, wo die Forschungsgruppe Wahlen die SPD zwei Prozentpunkte vor CDU und CSU in Führung sieht. Der Jubel ist zunächst groß, kurz darauf ebbt der Lärm ab: Die ARD-Zahlen von Infratest dimap gehen um, wo SPD und Union auf jeweils 25 Prozent kommen. Dass das Rennen ums Rote Rathaus in Berlin ebenfalls knapp ist, wo SPD-Kandidatin Franziska Giffey nicht mehr so deutlich vorn ist, wie das zuletzt in den Umfragen aussah, ist der nächste Klotz auf der Euphoriebremse.

"Das ist ein Sieg"

Einzig Mecklenburg-Vorpommerns Ministerpräsidentin Manuela Schwesig erfüllt mit ihrem überragenden Sieg die zuletzt hochgesteckten Erwartungen einer in diesen Tagen wie neugeborenen SPD. Wann immer Schwesig auf einem der vielen Bildschirme im Foyer zu sehen ist, jauchzen SPD-Mitglieder - wenn sie nicht gerade damit beschäftigt sind, aufs Smartphone zu schauen. Alle scrollen durchs Netz auf der Suche nach neuen Zahlen und Informationen, die das noch junge Wahlergebnis einzuordnen helfen.

Aus der Parteispitze ist Generalsekretär Lars Klingbeil der Einzige, der schon vor die Presse tritt. Seine Botschaft ist klar: "Das ist ein Sieg. Die SPD war vor ein paar Wochen noch abgeschlagen", erinnert der SPD-Wahlkampfmanager bei ntv. Doch ein Durchmarsch - deutlicher Sieg im Bund, in Berlin und in Mecklenburg-Vorpommern - ist vorerst ausgeblieben.

Der Rest der Partei aber wartet lieber noch die ersten Hochrechnungen und eine Stellungnahme des Unionskandidaten Armin Laschet ab. Dass dann beide Hochrechnungen die SPD vorne sehen, sorgt erneut für Jubel. In den Armen liegen sich aber nur wenige: zu knapp scheint der Vorsprung. Dass Laschet ankündigt, eine eigene Regierung schmieden zu wollen, wird von den Jüngeren mit Buh-Rufen quittiert, die Älteren hören konzentriert zu. Jetzt ist klar: Die SPD hat die Kanzlerschaft nicht sicher, noch gibt sich die Union nicht geschlagen. Zeit, dass Scholz die Gemüter befriedet.

Die Parteivorsitzenden machen Stimmung

Als der Kanzlerkandidat auf die Bühne tritt, muss er fast zwei Minuten Applaus abwarten, bevor er endlich zu Wort kommt. Er nimmt das Wort Sieg selbst nicht in den Mund, bloß keine Bilder wie Edmund Stoiber mit seinem verfrühten Jubel 2002 erzeugen. Triumphieren, das überlässt Scholz seinen Vorsitzenden. Der amtierende Vizekanzler sagt: "Die SPD ist eine pragmatische Partei." Und: "Ich bin sicher, die Bürgerinnen und Bürger werden auch nachträglich nicht ihre Entscheidungen bereuen, als sie die SPD gewählt haben." Erst später in der ARD sagt Scholz: "Die Bürgerinnen und Bürger wollen einen Wechsel. Sie wollen, dass der nächste Kanzler der Kanzlerkandidat der SPD ist."

Es fällt den Parteivorsitzenden Saskia Esken und Norbert Walter-Borjans zu, die Bedeutung dieses Abends einzuordnen und so die Stimmung weiter anzuheizen. Nachdem sie Scholz den Vortritt gelassen haben, sagt Esken: "Das ist ein historischer Abend für die SPD." Und sie bedankt sich bei Scholz mit den Worten: "Das ist dein Sieg". Walter-Borjans scheint es gar nicht erwarten zu können, endlich selbst an die Reihe zu kommen. Als er dran ist, ruft er: "Wir haben diese Wahl gewonnen und wir sind wieder da." Das "Wir" schließt natürlich die beiden Parteivorsitzenden ein, denen vor zwei Jahren noch mindestens Skepsis, oft aber auch Häme ob ihres politischen Leichtgewichts entgegengeschlagen war.

Der Jubel erreicht nun seinen Höhepunkt. Die Menge hat dieser Versicherung offenkundig bedurft: Die SPD hat einen großen Sieg eingefahren. Das deutlich zu machen, ist gemeinsame Mission aller SPD-Spitzenvertreter: "Das ist ein Wahlsieg", unterstreicht auch der Regierende Bürgermeister von Berlin, Michael Müller, bei ntv.

Mit dem Abgang der Parteispitze - auch die Ministerpräsidentin von Rheinland-Pfalz, Malu Dreyer, der niedersächsische Ministerpräsident Stephan Weil, Hamburgs Erster Bürgermeister Peter Tschentscher und mehrere Bundesminister sind gekommen - leert sich auch das Foyer des Hauses. Die Schlangen vor den Getränkeständen draußen werden länger an diesem lauen Spätsommerabend in Berlin, die Bierbänke voller. Scholz hat seine Mitstreiter auf einen langen Abend eingestimmt. Für die feiernden Mitglieder einer Partei, die vor zwei Jahren noch gänzlich am Boden lag, dürfte das in jedem Fall stimmen.

Quelle: ntv.de

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