Politik

Die Kanzlerin bei Anne Will Merkel und die Frage nach dem Warum

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Am Sonntagabend hatte Angela Merkel ihre Entscheidung offiziell gemacht: Sie kandidiert noch einmal als Kanzlerin.

(Foto: dpa)

Bei Anne Will sagt Angela Merkel, dass sie sich nicht für alternativlos hält. Warum sie weitere vier Jahre Kanzlerin sein will, kann sie nicht so gut erklären. Dafür sagt sie einen Satz, der jede Pegida-Versammlung zum Johlen bringen würde.

Demokratie lebe vom Wechsel, hatte Angela Merkel am vergangenen Donnerstag auf die Frage gesagt, ob ihr der Abschied von Barack Obama schwerfalle. Drei Tage später sitzt sie bei Anne Will und soll erklären, warum sie zur Bundestagswahl 2017 noch einmal als Kanzlerin antreten will. Da sie ausdrücklich für die vollen vier Jahre kandidiert, wäre sie beim mutmaßlichen Ende ihrer Amtszeit immerhin 16 Jahre lang Bundeskanzlerin gewesen. So lange wie Helmut Kohl.

Sie habe sich die Sache nicht leichtgemacht und sie halte sich auch nicht für unersetzlich oder für alternativlos, sagt Merkel. Spätestens seit dem Sommer habe sie täglich darüber nachgedacht. Sie habe sich gefragt: "Was kann ich dem Land geben, was kann ich meiner Partei, der CDU, geben, und was bedeutet das auch für mich persönlich?"

Anne Will stellt viele kluge Fragen, aber hier hakt sie nicht nach. Diese Fragen bleiben zunächst unbeantwortet. Das liegt vermutlich daran, dass eines auf der Hand liegt: Natürlich glaubt Merkel, dem Land noch etwas geben zu können. Nur was?

Teil der Lösung oder Teil des Problems?

An Obamas Nachfolger Donald Trump allein hat es jedenfalls nicht gelegen. Will fragt, ob Merkels Entscheidung etwas mit dessen Wahlsieg zu tun habe. "Frau Will, das kann ich nicht sagen", antwortet Merkel. "Für mich war zum Schluss wichtig zu sagen: Kannst du dem Land noch was geben? Bist du noch neugierig genug? Reicht deine Kraft, das zu machen?" Da sind sie schon wieder, diese unbeantworteten Fragen. Jetzt sei die Entscheidung gefallen, "und jetzt freue ich mich auch drauf, zu sagen, ja, ich werd' mich noch mal in diesen Wahlkampf begeben".

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Will weist darauf hin, dass Trump nicht zuletzt gewählt wurde, weil es "einen riesigen Verdruss am Establishment" gebe. Warum denke Merkel, dass sie Teil der Lösung sein könne. Sei sie vielleicht eher Teil des Problems? Genau das wird vermutlich die zentrale Frage im Wahlkampf sein. Allerdings ist dies eine Frage, die nicht Merkel beantworten muss, sondern jeder einzelne Wähler.

Merkels Antwort klingt so: Ihr gefalle nicht, dass manche Leute für sich in Anspruch nehmen, "das Volk" zu sein, und die anderen seien dann "die Elite". Jeder könne sich einbringen. "Aber dass nur die, die Nein sagen, und die kritisieren, jetzt plötzlich das Volk sind, und alle anderen, die jeden Tag zur Arbeit gehen und Probleme lösen und sich versuchen einzubringen und nicht ganz so viel kritisieren, oder kritisieren und Lösungen anbieten, dass die plötzlich nicht mehr das Volk sind und dass irgendwo dazwischen die Elite beginnt, das will ich für mich nicht annehmen." Dann sagt sie einen Satz, der wahrscheinlich jede Pegida-Versammlung zum Johlen bringen würde, und der dennoch unbestreitbar wahr ist: "Ich bin genauso das Volk, wie andere das Volk sind."

Sie habe sich gefragt, ob sie etwas für den Zusammenhalt einer so polarisierten Gesellschaft tun könne, so Merkel. "Und da glaube ich, dass ich sowohl von der Tonalität etwas tun kann - wir wollen nicht uns gegenseitig hassen, sondern wir wollen miteinander diskutieren wie Demokraten diskutieren - und ich glaube, dass ich auch in der Sache gute Argumente habe."

Doch für Merkel ist die Polarisierung auch eine Chance. Wenn die Gesellschaft gespalten ist zwischen einer Art AfD-Milieu auf der einen Seite und einer Art Merkel-Milieu auf der anderen Seite, dann kann ihr das im Wahlkampf nutzen. Ja, sie ist das Feindbild für AfD und Pegida. Aber alle, die sich von Rechtspopulisten nicht angesprochen oder sogar abgestoßen fühlen, können sagen, was Merkel sagt: Ich bin genauso das Volk, wie andere das Volk sind.

Wann ist Wrack?

Die Antwort auf die Frage, ob sie die CDU konservativer machen wird, um der AfD das Wasser abzugraben, ist also klar. "Ich halte gar nichts davon, durch Abschottung, Abkapselung, auch durch Ablehnung die Probleme zu lösen", antwortet Merkel. Ein Zurück in die Zeiten vor der Globalisierung und der Digitalisierung werde es nicht geben. "Aber wir müssen den Menschen schon den Eindruck vermitteln, und nicht nur den Eindruck vermitteln, sondern die Dinge auch so lösen, dass sie Halt haben, dass sie Orientierung haben."

Damit sind wir wieder bei der Frage des Warum: Was will Merkel erreichen, wenn sie noch einmal Kanzlerin wird? Sie spricht über den dramatischen Wandel, den die Welt derzeit erlebt. Aber konkrete Antworten hat Merkel nicht. Das ist ein Schwachpunkt, aber es ist auch nachvollziehbar. Niemand hat einfache Antwort auf die Frage, wie der Sozialstaat des 20. Jahrhunderts so umgebaut werden kann, dass er auch im 21. Jahrhundert funktioniert, oder was getan werden muss, damit die Menschen auf dem Land nicht den Anschluss verlieren, was gegen Altersarmut getan werden kann, gegen Wohnungsnot, drohende Arbeitslosigkeit von VW-Arbeitern, wie Familien und Alleinerziehenden beim Zeitmanagement geholfen werden kann. Für all diese Fragen, sagt Merkel, "haben wir schon Antworten oder erarbeiten welche". Das ist die Merkel, die man kennt: Schritt für Schritt. Wird schon.

Und doch sagt sie, ihr sei wichtiger, ob die Politik den Zusammenhalt der Gesellschaft "hinbekommt". Sie sei "nach wie vor optimistisch, dass wir Menschen überzeugen können, dass die individuelle Freiheit, dass die soziale Marktwirtschaft, dass unsere Einbindung in Wertegemeinschaften wie die Nato, die Europäische Union für Deutschland gut ist".

Vor vielen Jahren, 1998, hat Merkel der Fotografin Herlinde Koelbl mal gesagt, sie wolle den richtigen Zeitpunkt für den Ausstieg aus der Politik finden. "Ich will dann kein halbtotes Wrack sein." Anne Will liest ihr dieses Zitat vor und fragt: "Wann ist Wrack?" Auch diese Frage hat Merkel sich gestellt, "ich hab ja meine Worte nicht vergessen". Dann habe sie aber mal in den Spiegel geguckt, "und ich finde, dass ich das noch nicht bin".

Quelle: n-tv.de

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