Politik

Obama bei Merkel Nostalgie im Kanzleramt

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(Foto: imago/IPON)

Niemand seufzt, der Präsident zeigt sogar sein strahlendes Lächeln, aber die Stimmung könnte besser sein. Mit Blick auf Donald Trump setzen Angela Merkel und Barack Obama auf Optimismus: "Wir müssen die Brücke in die Zukunft bauen."

"Das ist doch eine reine PR-Veranstaltung", sagt einer der wartenden Journalisten. Am Vormittag hatte US-Präsident Barack Obama der ARD und dem "Spiegel" ein Interview gegeben, in dem er Bundeskanzlerin Angela Merkel große Glaubwürdigkeit bescheinigte. "Ich bin froh, dass sie da ist, und die Deutschen sollten sie wertschätzen", sagte Obama.

Als die beiden auftauchen, zeigt der Präsident das bekannte breite Lächeln. Dann zählt Merkel mit deutscher Akribie auf, wie oft Obama schon in Deutschland war. Über das vermutlich gescheiterte Handelsabkommen TTIP sagt sie, die Verhandlungen könnten jetzt nicht beendet werden. "Aber wir werden auf jeden Fall das festhalten, was wir jetzt erreicht haben. Und ich bin ganz sicher, wir werden eines Tages darauf auch zurückkommen."

Genau darum geht es: Um einen möglichst optimistischen Blick in die Zukunft, darum, das festzuhalten, was man erreicht hat. Über den Klimaschutz sagt Merkel, ohne Obama hätte es beim Klimagipfel in Paris kein Abkommen gegeben.

Freihandel und Klimaschutz sind nur zwei der Themen, die mit Obamas Nachfolger Donald Trump deutlich schwieriger bis unmöglich umzusetzen sein werden. Sie werde auch mit Trump gut zusammenarbeiten, sagt Merkel noch. "Aber heute möchte ich danke sagen."

Zum Oktoberfest kommt er zurück

Auch Obama dankt "für Freundschaft und Führung". Er nennt Merkel eine "großartige Freundin und Verbündete". Auf die Frage, ob er hoffe, dass sie für eine weitere Amtszeit kandidiere, witzelt er, wenn er Deutscher wäre, "dann würde ich sie wohl unterstützen". Und er fügt hinzu: "Ich weiß nicht, ob ihr das schadet oder hilft." Der Frage, ob Merkel jetzt die Anführerin der liberalen Weltordnung sei, weicht Obama aus. Er sagt allerdings: "Ich wünschte, ich könnte da sein, um ihr den Weg zu erleichtern. Aber sie ist hart."

Ist Obama also wirklich in Berlin, um PR für Merkel zu machen? Nein. Obama ist auf einer Werbetour für die Demokratie. Wer mag, kann das kitschig finden, doch es scheint Obama ernst damit zu sein.

Die Europäische Union nennt er "eine der großen Errungenschaften der Welt". Für solche Errungenschaften müsse man kämpfen, man dürfe sie nicht als selbstverständlich ansehen. Obama lächelt jetzt nicht mehr, oder nur noch kurz, als er sagt, dass er nach Deutschland zurückkommen werde, um das Oktoberfest zu besuchen – das mache man besser als ehemaliger, nicht als amtierender Präsident. Ansonsten hängt über der Pressekonferenz eine nostalgische Stimmung, die durchaus ansteckend wirkt. Obama dankt Merkel und allen Deutschen für ihren Einsatz in der Flüchtlingskrise. So etwas hat man an diesem Ort vermutlich schon länger nicht mehr gehört.

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(Foto: imago/IPON)

Obama wiederholt hier die Botschaft, die er schon in Athen verkündet hatte: Fortschritt ist nicht unvermeidlich, er ist die Folge von harter Arbeit. Manchmal sehe es so aus, als finde kein Fortschritt statt, aber wenn man an den Werten der Demokratie festhalte, "dann wird dies zu einer besseren Zukunft führen".

Auf die Frage, wie sein Nachfolger mit Russland umgehen werde, sagt Obama, sein eigener Ansatz sei immer gewesen, dass man mit Russland zusammenarbeiten müsse, um Probleme zu lösen – allerdings nicht um den Preis, die Werte der Demokratie und des internationalen Rechts zu ignorieren. "Meine Hoffnung ist, dass der nächste Präsident einen ähnlich konstruktiven Ansatz wählt", sagt Obama, "dass er aber auch bereit ist, sich Russland entgegenzustellen, wenn es von unseren Werten und internationalen Normen abweicht."

"Wir müssen die Brücke bauen"

Interessant ist, was die beiden über die populistischen Bewegungen zu sagen haben, die in vielen westlichen Demokratien seit einiger Zeit erstarken. Trumps Wahlsieg erklärt Obama mit dem Gefühl der Verunsicherung, das die Globalisierung ausgelöst habe. Viele Menschen seien sich ihrer Identität nicht mehr so sicher wie früher, sie hätten Angst vor wirtschaftlicher Unsicherheit und seien auf der Suche nach Kontrolle. Aufgabe der Politik sei es, Veränderungen so zu managen, dass die Menschen mehr Vertrauen in die Zukunft hätten. Er spricht auch über die Rolle der sozialen Medien, in denen es leicht sei, politische Gegner mit vereinfachenden Slogans zu attackieren. "Aber wir werden damit zurechtkommen." Er hofft auf die jungen Leute, die die Welt nicht so häufig in "wir" und "die" einteilen würden. "Da liegt die Zukunft, aber wir müssen die Brücke bauen." Er meint wahrscheinlich: Ja, die USA haben Trump gewählt. Aber auf lange Sicht wird das so schlimm nicht sein.

Merkel lehnt die Unterstellung ab, es gebe eine "Populismus-Welle", die von den USA nach Europa schwappen könnte: "Ein Blick ins Europäische Parlament zeigt, dass wir von Menschen, die einfache oder ablehnende Antworten suchen, nicht frei sind in der Europäischen Union", sagt sie, "und auch in Deutschland gibt es solche Menschen." Auch sie nennt die Digitalisierung als einen Grund, gibt sich aber ebenfalls langfristig optimistisch. Es habe immer ein wenig gedauert, bis Gesellschaften gelernt hätten, mit starken Veränderungen umzugehen. Und auch Merkel hat Verständnis für dieses Gefühl von Unsicherheit. "Wenn ganze Produktionszweige verschwinden, gibt es Menschen, die fragen: Wo ist meine Rolle in der Welt." Was allerdings nicht gehe sei, dass Leute sagten, "Wir sind jetzt das Volk und die anderen sind nicht das Volk".

Am Ende einer ungewöhnlich langen Pressekonferenz fragt ein Journalist Merkel, wie schwer ihr der Abschied von Obama falle. Es sei schön, wenn der Präsident nach acht Jahren sage, dass es eine freundschaftliche Zusammenarbeit gewesen sei, antwortete die stets nüchtern wirkende Kanzlerin. "Ich empfinde das als eine gute Botschaft und auch als Ermutigung." Für ein letztes Foto schütteln die beiden sich noch einmal die Hände. Obama strahlt jetzt wieder.

Später in der S-Bahn erzählt eine Frau jemandem am Telefon, dass sie wegen der vielen Absperrungen rund um das Brandenburger Tor später nach Hause kommen werde. Aber wirklich schlimm scheint sie das nicht zu finden. "Wenn Trump kommt", sagt sie, "dann wird es bestimmt viel schlimmer." Obamas und Merkels langfristigen Optimismus teilt offenbar nicht jeder.

Quelle: n-tv.de

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