Politik

Eyobs verbotene Reise Protokoll einer gescheiterten Flucht

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Alltag in Bayern: Jeden Tag fasst die Polizei dutzende Flüchtlinge am Hauptbahnhof München oder wie im Bild in Rosenheim.

(Foto: Inga Alice Lauenroth)

Eyob will nach Norwegen - ohne auf dem Weg von der Polizei registriert zu werden. n-tv.de begleitet den 26 Jahre alten Flüchtling aus Eritrea auf dem Weg von Italien nach Norden.

Als der Zug in den Tunnel fährt, pfeift und rattert es durch das offene Fenster. Eyob* hält sich die Ohren zu. Er senkt den Kopf, schließt die Augen. Der Eritreer ist empfindlich für solche Dinge. Vielleicht war er das schon immer. Vielleicht ist er es erst geworden.

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Alpenüberquerung über den Brenner: Eyobs Route von Bozen nach München.

(Foto: n-tv.de / stepmap.de)

Als er 17 war, begann Eyobs Flucht. Von Eritrea ging er in den Sudan, dann nach Ägypten und von dort nach Israel. Als die israelischen Behörden ihn nach einigen Jahren im Land nach Äthiopien abschoben, marschierte er über Uganda, Ruanda und Südsudan wieder in den Sudan. Es folgten ein paar Wochen ohne Unterkunft in Libyen und eine Fahrt mit 700 Menschen auf zwei zusammengeketteten Booten übers Mittelmeer. Nur eines der Boote hatte einen Motor. Vor ein paar Tagen erreichte Eyob das italienische Festland. Er ist jetzt 26 und will er nur noch eines: endlich ankommen. Eyobs Ziel ist Norwegen.

Es ist kurz vor zehn am Morgen. Eyob sitzt mit rund 60 anderen Flüchtlingen aus Eritrea im Regionalzug 2252 von Bozen an den Brenner. Die österreichische und die deutsche Grenze zählen zu den letzten großen Hürden auf seinem Weg.

Ein Leben im Limbus

Das Pfeifen und Rattern verhallt, Eyob hat wieder freien Blick auf die Weinberge Südtirols und auf die Flüsse, die sich entlang der Schienen schlängeln. "I believe Norway more good", sagt er. Sein gebrochenes Englisch reicht nicht, um das Norwegen-Bild nachzuzeichnen, das in seinem Kopf existiert. Es muss phänomenal sein. Sein eifriges Kopfnicken bei diesen Worten und das verstohlene Lächeln danach lassen es erahnen, auch der Umstand, dass er unbedingt dorthin will, obwohl Geschwister von ihm bereits in Schweden und Deutschland Zuflucht gefunden haben.

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Aus keinem anderen afrikanischen Staat fliehen so viele Menschen nach Europa wie aus Eritrea.

(Foto: REUTERS)

Nach all den Jahren voller Strapazen und Enttäuschungen will Eyob jetzt erst recht das Beste aus seinem Leben machen - und das gibt es seiner Meinung nach eben in Norwegen. Und Eyob ist davon überzeugt, dass er es sich verdient hat. Auf der anderen Seite des Waggons sitzt ein Pärchen aus Südtirol und unterhält sich über Elektromusik und Rucksackreisen. Warum auch nicht?

Das Land, aus dem Eyob kommt, ist eine Vorhölle. Seit 1993 nahm das Regime Eritreas mehr als 10.000 Oppositionelle fest. Folter und Hinrichtungen gibt es tagtäglich. Die Regierung unterhält einen berüchtigten Geheimdienstapparat, der ein ganzes Volk in Schrecken versetzt. In einem Bericht der Menschenrechtsorganisation Amnesty International heißt es: "Die Informationen, die dieses alles durchdringende Kontrollsystem sammelt, werden in absoluter Willkür verwendet, um die Bevölkerung in ständiger Angst zu halten." Aus keinem anderen Staat Afrikas flüchten so viele Menschen wie aus Eritrea. 360.000 Schutzsuchende sind derzeit in Europa registriert.

Zwar ging es Eyob als Sohn eines Soldaten gut für eritreische Verhältnisse: Er hatte meist genug zu essen und konnte zur Schule gehen. Aber er hasste, dass er nicht sagen konnte, was er wollte. Und mit 17 Jahren, noch vor dem Schulabschluss, ereilte ihn ein Schicksal, das jeden in Eritrea jederzeit treffen kann – egal, ob Teenager oder Greis. Das Militär wollte ihn einziehen. Eyob rannte weg - ohne ein weiteres Wort zu sagen. Seine Eltern rief er erst an, als er das Land verlassen hatte.

Ein Outfit für den Neustart

Um Viertel vor elf erreicht Regionalzug 2252 die Station Brenner: Eyob tapst auf den Bahnsteig. Er trägt Sneaker zu einer Jogginghose mit Lederapplikationen. Eine Kette mit einem goldenen Adler dran baumelt über seiner Jeansweste. Offensichtlich hat Eyob sich schon mit einem Outfit für sein neues Leben in Norwegen ausgestattet. Nur seine Strümpfe mit roten und lilafarbenen Herzen drauf lassen erahnen, dass es sich bei seinen neuen Sachen auch um Spenden handelt. Ansonsten hat er nur einen halbgefüllten Rucksack dabei und ein Mobiltelefon, ein unbezahlbares Werkzeug für einen Menschen auf der Flucht.

Dublin III

Der sogenannten Dublin-III-Verordnung zufolge ist stets das EU-Land für Flüchtlinge verantwortlich, dessen Boden sie zuerst betreten haben. Reist ein Asylsuchender trotzdem weiter, darf das Land, in dem er ankommt, ihn zurückschicken. Da die meisten Flüchtlinge über das Mittelmeer nach Europa kommen, müssen Italien und Griechenland besonders viele Schutzsuchende versorgen. Rom und Athen pochen deshalb auf mehr europäische Solidarität. Weil die Dublin-Regeln angesichts der sehr hohen Flüchtlingszahlen nicht mehr funktionieren, setzt auch Deutschland mittlerweile auf eine andere Verteilungsmethode von Flüchtlingen in der EU. Vor allem die osteuropäischen Mitgliedstaaten wehren sich aber gegen Quotenregelungen und andere Lösungsvorschläge.

Kaum ausgestiegen, schreckt eine dumpfe Stimme Eyob und die anderen auf. "Everybody come here!", ruft ein Kerl mit kahlgeschorenem Kopf und tätowiertem Hals. Keiner wagt es, sich zu widersetzen. Wohl auch, weil neben dem Schreihals ein italienischer Polizist steht. "Cinquantadue, cinquantatré ..." Der Beamte zählt den Flüchtlingstross durch. Dann verschwindet er.

Der tätowierte Kahlkopf führt Eyob und seine verunsicherten Weggefährten zum Gleis für Regionalzüge. Es ist nicht klar, ob er ein Zivilbeamter, ein Schleuser oder ein Mitglied einer Hilfsorganisation ist. Erst am Gleis stellt sich heraus, er will tatsächlich nur helfen. "One step at a time", sagt er. Der Mann erklärt, dass die Direktverbindungen gefährlich sind, und empfiehlt, weiterhin "Schritt für Schritt" mit Regionalzügen zu fahren.

Den italienischen Behörden ist es nur recht, wenn Flüchtlinge das Land wieder verlassen. Im November hatte sich Italien zwar zu trinationalen Streifen bereiterklärt. Seither kontrollieren italienische, österreichische und deutsche Polizisten gemeinsam auf den internationalen Eurocity-Zügen. Bei anderen Verbindungen gucken die italienischen Beamten oft weg - wie in diesem Fall.

"Not Munich? Not Germany?"

11.28 Uhr: Eyob und sein Tross steigen in den Zug S4 nach Kufstein. Bisher war Eyob nicht sonderlich gesprächig. Er starrte aus dem Fenster, auf den Boden oder auf sein Handy. Jetzt, da der Zug die Grenze überquert hat, fängt er an zu erzählen. Schon während seiner Zeit in Israel habe er angefangen, Politik zu machen, sagt er. Bei Demonstrationen vor der Botschaft seines Heimatlandes sei er immer wieder dabei gewesen. "They will kill me when I go back to Eritrea", sagt er. Trotzdem wolle er eines Tages heimkehren - in ein anderes Eritrea allerdings.

*Datenschutz

Eyob möchte in Norwegen ein Flüchtlingsnetzwerk aufbauen. Mit Menschen, die sein Schicksal teilen, will er sich für einen Regime-Wechsel in Eritrea einsetzen. Wie genau das aus der Ferne geschehen soll, weiß er allerdings noch nicht. Auch wie er sich bis dahin seinen Lebensunterhalt verdienen könnte, ist ihm noch nicht klar. "In Norway I will find a way", sagt er. "That's what I hope."

Als der Zug um kurz nach ein Uhr im österreichischen Kufstein hält und alle Fahrgäste zum Aussteigen aufgefordert werden, ist Eyob verwirrt. "Not Munich? Not Germany?", fragt er. Eyob und die meisten seiner Weggefährten wussten bis jetzt nicht, dass zwischen Italien und Deutschland ein weiterer Staat liegt. Unruhe verbreitet sich. Eine kleine Clique erspäht, dass in nur zehn Minuten vom Nachbargleis ein Zug nach München abfährt. Trotz der Warnung des Kahlkopfs vom Brenner entscheiden sich die Jungs, diesen Zug zu nehmen. Es ist der Eurocity - und die anderen Flüchtlinge folgen ihnen.

60 Schwarze in einem Wagon fallen auf

Es ist keine trinationale Streife an Bord, doch wenn sich 60 Schwarze in einen Waggon drängen, fällt das auf. Von der Bundespolizei wird es später heißen, dass Schaffner oder Passagiere in solchen Fällen die Behörden informieren. Diesmal setzt jemand in Rosenheim ein warnendes Signal ab. Und wenig später warten am Münchener Hauptbahnhof Polizisten auf die Insassen von Eurocity 88.

Die Beamten treiben Eyob und alle anderen, die sich nicht ausweisen können, am Rand des Bahnsteigs zusammen. Einige Passanten bleiben mit ein paar Meter Abstand stehen, um sich das Spektakel anzugucken. Manche zücken ihre Handys und machen Fotos von der verunsicherten Menschentraube. Zwei Weggefährtinnen von Eyob, deren Ziel eigentlich Dänemark heißt, lächeln noch kurz auf, weil eine junge Mutter und ihre zwei Töchter ihnen ein paar Schokoriegel in die Hand drücken. Dann werden alle quer durch den Münchener Hauptbahnhof abgeführt.

Eyob muss seine Fingerabdrücke abgeben, wird fotografiert und landet in einer europaweiten Datenbank für Flüchtlinge. Wer einmal drin ist, ist für alle Zeit identifizierbar.

Als Eyob aus dem Registrierungsbüro kommt, ist von seiner lockeren Gesprächigkeit nichts mehr zu spüren. "Ich ruf dich an, wenn ich in Norwegen bin", sagt er trotzig. Eyob weiß, dass ihn niemand hindern wird, weiterzureisen. Er hat ja noch keinen Asylantrag gestellt. Er weiß aber auch, dass Norwegen ihn jetzt, da er in der Datenbank ist, immer wieder nach Deutschland abschieben kann, egal wie gut er sich in dem Land einlebt. Der Wunsch, dort ein Leben ohne Angst führen zu können, wird für ihn nicht in Erfüllung gehen. Eyob verschwindet – irgendwo im Meer der unbekümmerten Reisenden auf dem Münchener Hauptbahnhof.

*Eyob ist nicht der richtige Name des Protagonisten dieses Artikels. Er möchte ihn nicht mit der Öffentlichkeit teilen, weil er Konsequenzen für sein Asylverfahren fürchtet.

Quelle: n-tv.de