Politik

Wieso musste Nemzow sterben? "Putin hat einen Terminator erschaffen"

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Ein Polizist steht an der Stelle, an der Boris Nemzow erschossen wurde.

(Foto: AP)

Gegner Wladimir Putins werfen dem russischen Präsidenten vor, er sei für den Mord an Boris Nemzow verantwortlich. Denn Putin habe in Russland eine Atmosphäre des Hasses erzeugt – und so das Attentat ermöglicht.

Wer hat Boris Nemzow getötet? Das wissen derzeit nur die Attentäter und deren Hintermänner – und möglicherweise wird die Öffentlichkeit nie erfahren, wer die Schüsse abgefeuert hat. Der Kreml lässt vor allem zwei Theorien verbreiten: Es könnten islamistische Terroristen gewesen sein, lautet die eine. Es könnten andere Oppositionelle oder westliche Geheimdienste gewesen sein, lautet die andere. Sie hätten Nemzow umgebracht, um das Land zu destabilisieren.

Die Gegner Putins haben einen anderen Schuldigen ausgemacht: den Präsidenten. Sie werfen ihm vor, er habe die Atmosphäre erschaffen, die diesen Mord ermöglicht habe. Im russischen Staatsfernsehen - das die große Mehrheit der Russen sieht - werden Oppositionelle als Verräter dargestellt, die dem Land schaden wollen. Putin spricht in diesem Zusammenhang von der "fünften Kolonne", die im Interesse anderer Länder handele. Vor allem nach dem Umsturz in der Ukraine wird in den Staatsmedien deutlich zwischen "Patrioten" und "Feinden" unterschieden.

Wahrscheinlich sei Nemzow von jemandem umgebracht worden, "der von unserem Fernsehen zum Zombie gemacht wurde", sagte der Aktivist Dmitri Gudkow dem Magazin "Vice". "Es wird erzählt, Nemzow sei der Feind des Volkes und er zerstöre das Land auf Befehl Amerikas." Nemzow hatte Putin unter anderem Korruption vorgeworfen und ihn beschuldigt, einen Krieg gegen die Ukraine zu führen.

Dass Putin den Mord an Nemzow angeordnet hat, glaubt auch von den Oppositionellen kaum jemand. Schließlich sind dessen Gegner in der Öffentlichkeit marginalisiert. Einer am Freitag veröffentlichten Umfrage des als unabhängig geltenden Meinungsforschungsinstituts Lewada zufolge sympathisieren lediglich 15 Prozent der Russen mit Oppositionellen wie Nemzow oder Alexei Nawalny. "Bei allem Respekt vor Nemzow. In politischer Hinsicht hat er keine Bedrohung für die russische Regierung oder für Wladimir Putin dargestellt", sagte der Sprecher des Präsidenten, Dmitri Peskow. "Wenn wir die jeweilige Popularität vergleichen (…) war Nemzow nur etwas bekannter als jeder Durchschnittsbürger."

Doch die verbleibenden Optionen sind beunruhigend. Dass Nemzow in der Nähe des Kremls erschossen wurde und wohl wie jeder Oppositionsführer zwei Tage vor einer geplanten Demonstration vom Geheimdienst beobachtet wurde, sorgt bei den Gegnern Putins für Beklemmung. Denn das Attentat scheint nicht von Amateuren verübt worden zu sein.

"Es wäre weniger beunruhigend, wenn Putin den Mord befohlen hätte", schrieb die der Opposition nahestehende Journalistin Xenia Sobchak. Dann sei das System zwar schrecklich, aber zumindest könne man damit umgehen. "Aber ich fürchte, das ist nicht der Fall", so Sobchak. Putin habe "einen höllischen Terminator erschaffen und nun die Kontrolle über ihn verloren." Die abgegebenen Schüsse seien lediglich die ersten: "Denn in einer von Massenpropaganda degenerierten Gesellschaft wird Hass der Hauptantrieb, um die Dinge zu lösen."

Quelle: ntv.de