Politik

Wieduwilts Woche Schade um unsere geile Zukunft

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Verzicht für andere steht bei vielen nicht sonderlich hoch im Kurs. Andere müssen abwägen, ob sie wegen horrender Mieten in der Stadt oder horrender Spritpreise fürs Pendeln pleitegehen.

(Foto: dpa)

Putins Krieg drückt die Aktienkurse, die Zeichen stehen auf Rezession. Nach zwei Jahren Pandemie und 30 Jahren verschlafener Modernisierung sind die Aussichten für Deutschland düster. Und da sollen wir auch noch "für den Frieden frieren"?

Menschen meiner Generation und jünger teilen seit einiger Zeit gern einen kleinen Bildwitz in allerlei Variationen. Der geht immer gleich: Oben steht die Elterngeneration, gut frisierter Vater, adrette Mutter und ein abbezahltes Eigenheim mit Auto in der Garage. Unten ist das abgehalfterte Kind in seinen Zwanzigern, es verzweifelt schon an alltäglichsten Kosten. Haben die Eltern mit 30 Jahren eine Doppelhaushälfte erworben, muss die nächste Generation abwägen, ob sie wegen horrender Mieten in der Stadt oder horrender Spritpreise fürs Pendeln aufs Land pleitegeht.

Es sieht wirklich nicht gut aus. Das Deutsche Institut der Wirtschaft rechnet mit einer Rezession und Inflationsraten "in Richtung zehn Prozent". Die enorm gestiegenen Energiekosten setzen alle unter Druck: Ein Vermieterverband empfiehlt unter anderem Berufsanfängern, allmählich Wohngeld zu beantragen, weil gerade Geringverdiener bei Preissprüngen von 80 Prozent und mehr schlicht nicht mehr mithalten können. Die Industrie berappelt sich vom zweiten Jahr Pandemie und wollte eigentlich gerade in Nachhaltigkeit investieren, um die ambitionierten Klimaziele zu wuppen. Jetzt schließen die ersten Betriebe: in Niedersachsen etwa nach 60 Jahren die Delkeskamp Verpackungswerke, 70 Mitarbeiter auf der Straße. Haben wir im Winter 2021 die kollabierten Kneipen gezählt, können wir in diesem Jahr mit örtlichen Betrieben weitermachen.

Womit haben wir das eigentlich verdient?

Das ist ungewohnt: Krisen kannten wir Deutschen doch nur von den Trümmerfrauen oder dem stets ärmeren Ausland, aber doch nicht von zu Hause! Die Zukunft, dachten wir, wird geil. Selbst die Finanzkrise prägte sich den meisten von uns vor allem durch Bilder aus Amerika ein. Jetzt gähnt vor uns der Abgrund: Das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe rät wieder einmal zur Bevorratung, man möge sich auf längere Stromausfälle einrichten. In Läden wird schon wieder das Klopapier knapp. Und das Speiseöl.

Zwischen frustriertem Lamento schimmert in Gesprächen häufiger eine etwas schäbige Frage durch: Womit haben wir das eigentlich verdient? "Gerechte-Welt-Glaube" nennen das Psychologen. Man geht davon aus, Menschen bekämen mehr oder weniger, was sie verdienen. Das passiert sogar bei schweren Erkrankungen - da munkeln manche, der- oder diejenige habe ja auch ein stressreiches Leben geführt, sei immer unglücklich gewesen oder habe geraucht, sei jedenfalls irgendwie selbst schuld.

Die theoretischen Grundlagen des "Gerechte-Welt-Glaubens" schuf der Sozialpsychologe Melvin Lerner in den Sechzigern. Er sammelte mit etlichen Studien Belege dafür, dass Menschen pauschal annehmen, ihnen würde zustehen, was sie an Begünstigungen erhielten, und Opfer würden wiederum ihr Leiden schon irgendwie "verdienen". Das führt dann zum "victim blaming", man gibt den Opfern Schuld an ihrer Lage.

Merkel ist an allem schuld

Wer stark am "Gerechte-Welt-Glauben" hängt, muss an der Gegenwart verzweifeln. Bei manchen entlädt der Frust sich darin, dass Angela Merkel nun irgendwie Schuld hat am völkerrechtswidrigen, nationalistisch motivierten Überfall Putins auf die Ukraine. Das Argument: Hätte Merkel nicht den NATO-Beitritt der Ukraine verhindert, würden heute alle singen, tanzen und mit Pelmeni jonglieren.

Der "Gerechte-Welt-Glauben" ist es auch, der vielen Russen hilft, leichter an Putins Lügen zu glauben. Biowaffenproduktion, Völkermord an Russen, drogenabhängige Nazis an der Regierung in Kiew - irgendwas wird da in der Ukraine schon falsch laufen, sonst würde das grundgute Russland doch nicht bei seinen Nachbarn einmarschieren.

Interessanterweise kann ein starker Glaube an Gerechtigkeit dazu führen, dass Menschen sich weniger gegen soziale Ungerechtigkeit engagieren - das haben Forscher in den Siebziger Jahren auf der Grundlage von Lerners Thesen untersucht. Denn wenn das Opfer selbst schuld ist, verdient es weniger Hilfe - so lautet die grobe Logik.

Frieren für den Frieden?

Was uns zur Frage der Woche bringt: Sollten wir "frieren für den Frieden"? Dazu ermahnten kürzlich Alt-Präsident Joachim Gauck und ein breites Bündnis der Zivilgesellschaft: Keine Energieimporte aus Russland mehr, um Putin den Bombenteppich unter den Füßen wegzuziehen.

Doch brächte das überhaupt etwas? "Der russische Präsident verfügt über genug Reserven, noch über Monate zu bomben", warnte Außenministerin Annalena Baerbock in leicht rabiater Logik. Das sehen manche Ökonomen anders, sie mutmaßen, Putins Petrodollars würden die Wirkung der Sanktionen schmälern.

Es wäre allerdings nicht nur ein Frieren, sondern angesichts der Versorgungslücke im atom- und kohlefreien Deutschland ein Sprung in den Abgrund, so sieht es jedenfalls Wirtschaftsminister Robert Habeck: Die Folgen seien "schwere wirtschaftliche und gesamtgesellschaftliche Schäden", warnte er. Vorprodukte aus Erdgas oder -öl würden ganze Lieferketten sprengen und zu Hunderttausenden von Arbeitslosen führen. Es gehe nicht nur um Komfort. Doch stimmt das? Die Wissenschaftler der Leopoldina sagen, ein kurzfristiger Lieferstopp sei durchaus verkraftbar.

Angst vor dem Einsatz der Wasserwerfer

Vielleicht beantwortet die Frage ja Putin selbst, wenn er zur Strafe seinerseits die Hähne zudreht. Das wäre dann eine ökonomische und eine moralische Niederlage für Deutschland. Und womöglich schätzt Habeck seine Landsleute nur realistisch ein. Manche Deutsche empfinden schon Masken als Diktatur und schubsen Pflegekräfte vor den Bus, wenn sie dafür besoffen schunkeln können. Wenn wir in der Pandemie eines gelernt haben, dann dies: Verzicht für andere steht bei vielen nicht sonderlich hoch im Kurs. Die Ampel möchte sicher nicht in den ersten hundert Tagen mit Wasserwerfern gegen das eigene Volk vorgehen müssen.

Und so lähmt der Glaube an die gerechte Welt das Handeln: Abschwung und Proteste haben wir nicht "verdient", nicht nach allem, was wir gerade mit der Pandemie durchgemacht haben! Doch auch der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj glaubt an die gerechte Welt. Selenskyj sagte kürzlich, das Land habe sich die EU-Mitgliedschaft "verdient", Kommentatoren gaben ihm recht. Das zeigt, wie seltsam eine gerechte Welt funktioniert: Als wären Bomben auf ein Kinderkrankenhaus plötzlich zum Teil der Kopenhagener EU-Beitrittskriterien geworden.

Vielleicht ist die Frage nach der Gerechtigkeit falsch gestellt. "Richtig" ist im Moment vermutlich wichtiger als "gerecht". Mir jedenfalls fehlt das Verständnis, warum Deutschland nicht absolut jedes Mittel unterhalb der direkten Kriegsbeteiligung nutzt, um Putin das Leben zu erschweren. Wenn wir soziale Verwerfungen so sehr scheuen, nehmen wir den Untergang der Friedensordnung und die Auslöschung eines europäischen Staates in Kauf. Kein Ökonom der Welt kann in Euro und Cent ausrechnen, wie viel uns das kosten wird.

Putins mächtigster Verbündeter

Ja, es wäre schade um unsere geile Zukunft. Es würde nicht ohne substantielle Umverteilung gehen, nicht ohne Abschwung und persönliche Einbußen. Unmöglich wäre es nicht, es fehlt schlicht der Wille. Doch je länger wir warten, desto stärker wird Putins mächtigster Verbündeter: das lauernde Desinteresse an diesem Krieg da drüben.

Quelle: ntv.de

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