Kesselschlacht von Kiew 1941Selbst Hitlers größter Sieg zwang Stalin nicht in die Knie
Von Janis Peitsch
Gegen den Rat seiner Heeresführung entscheidet Hitler im August 1941, den Vorstoß auf Moskau zugunsten der Ukraine zurückzustellen. In der Kesselschlacht von Kiew gelingt der Wehrmacht ein Triumph. Doch der Widerstand der Roten Armee bleibt ungebrochen.
Es ist der 21. August 1941, als im "Führerhauptquartier Wolfsschanze" eine Weisung Adolf Hitlers ergeht, die den Streit in der deutschen Führung mit einem Federstrich entscheidet. "Der Vorschlag des Heeres für die Fortführung der Operation im Osten", so Hitler, entspreche nicht seinen Absichten. Statt der Einnahme von Moskau stellt der Diktator nun die Eroberung der Ukraine und ihrer Rohstoff- und Industriegebiete in den Mittelpunkt. Der Weg dorthin führt über Kiew.
Etwa zwanzig Kilometer entfernt liest Generaloberst Franz Halder in seinem Hauptquartier die Zeilen voller Verbitterung. Für den Chef des Generalstabs ist es eine Niederlage auf ganzer Linie.
"Halder glaubte, dass man die Sowjetunion nur besiegen könnte, wenn man Moskau ausschalten würde", sagt der Historiker Christian Hartmann im Gespräch mit ntv.de. "Hitler hingegen betrachtete die Ressourcen der Ukraine als kriegswichtig." Der Konflikt sei in eine regelrechte Führungskrise gemündet. "Die Stimmung war so eisig, dass sogar der Verbleib der gesamten Heeresführung infrage stand", sagt Hartmann.
Rückzug kommt für Stalin nicht infrage
Dabei wirkt der zwei Monate zuvor begonnene Feldzug gegen die Sowjetunion auf den ersten Blick wie ein gewaltiger Erfolg. Litauen und Lettland sind bereits in deutscher Hand, große Teile von Belarus erobert. Doch der Schein trügt. Obwohl die Wehrmacht von Sieg zu Sieg eilt, bleibt der Widerstand der Roten Armee ungebrochen. Ein weiterer schneller "Blitzsieg" wie in Polen und Frankreich erscheint von Tag zu Tag unwahrscheinlicher.
Bereits für Mitte August beziffert Halder die Verluste der drei Heeresgruppen Nord, Mitte und Süd auf fast 400.000 Mann - rund elf Prozent des Ostheeres. "Die Wehrmacht litt nach den harten Grenzschlachten unter brutalen personellen Verlusten und war einem immer stärkeren Materialverschleiß ausgesetzt", sagt Hartmann. "Es wurde deutlich, dass man sich mit dem Angriff auf die Sowjetunion völlig übernommen hatte."
Die deutsche Führung ringt deshalb um den weiteren Kurs. Nach wochenlangen Diskussionen fällt Hitlers Entscheidung gegen Moskau und für Kiew. Ein Blick auf die Karte bestärkt ihn: Die Spitzen der Heeresgruppen Mitte und Süd stehen fast auf gleicher Höhe. Zwischen ihnen liegt in einem Frontbogen entlang der Flüsse Desna und Dnjepr eine gewaltige sowjetische Streitmacht. Fünf Armeen mit insgesamt rund 850.000 Soldaten stehen gefährlich weit vorgezogen und in ihren Flanken bedroht.
Auch die sowjetische Führung erkennt die Gefahr. Mehrmals weisen Frontkommandeure auf die exponierte Lage hin. Doch ein Rückzug kommt für Josef Stalin nicht infrage. Wie Hitler setzt auch er sich über den Rat seiner Militärs hinweg. "Stehen, halten und notfalls sterben!", soll Stalin seinen Generälen befohlen haben.
Mehr als 40 Divisionen sind eingekesselt
So nimmt Hitlers Plan Gestalt an: Am 25. August schwenkt die Panzergruppe 2 der Heeresgruppe Mitte nach Süden in Richtung Ukraine. Ziel ist es, sich mit der Panzergruppe 1 der Heeresgruppe Süd zu vereinigen, die Kiew bereits von Süden umgeht. Die Rote Armee wird von den Manövern überrascht. Die deutschen Panzer stoßen tief in den Rücken der sowjetischen Verbände vor und stiften Chaos. Immer enger schließt sich die Schlinge. Am 15. September treffen die Spitzen der beiden Panzergruppen bei Lochwyzja, rund 200 Kilometer östlich von Kiew, aufeinander. Der Kessel ist geschlossen. Hunderttausende Rotarmisten sitzen in der Falle.
Für die Eingeschlossenen beginnt ein Kampf ums Überleben. Verzweifelt rennen die mehr als 40 Divisionen gegen den Umschließungsring an, doch ihnen fehlen Treibstoff, Munition und eine einheitliche Führung. "Die Erlaubnis zum Ausbruch wurde zunächst verzögert und erfolgte erst, als es schon viel zu spät war", sagt Hartmann. Nur wenigen Einheiten gelingt der Durchbruch. Andere versuchen, sich in den Wäldern durchzuschlagen, viele strecken die Waffen. Kiew fällt am 19. September.
Gut eine Woche später zeigt sich, was die deutsche Besatzungsherrschaft bedeutet. Am 29. und 30. September 1941 ermorden Angehörige von SS und Polizei in der Schlucht von Babyn Jar mehr als 33.000 jüdische Männer, Frauen und Kinder aus Kiew. Die Wehrmacht unterstützt bei Organisation und Logistik. Es ist die größte Massenerschießung des Holocaust.
Auch im Kessel geht das Sterben weiter. Erst Ende des Monats flauen die Gefechte ab. Die Verluste sind entsetzlich. Geschätzt 150.000 Rotarmisten sind tot oder verwundet, bei der Wehrmacht sind es etwa 100.000 Mann. Mehr als 665.000 sowjetische Soldaten geraten nach deutschen Angaben in Kriegsgefangenschaft. Ihre Behandlung folgt der Logik des deutschen Vernichtungskrieges. Unter katastrophalen Bedingungen werden sie in provisorischen Lagern zusammengepfercht. Hunger, Krankheiten, Misshandlungen und gezielte Erschießungen kostet der Mehrheit der Gefangenen das Leben. Wer überlebt, wird als Zwangsarbeiter missbraucht.
"Die Wehrmacht siegt sich buchstäblich zu Tode"
Militärisch hat Hitler einen gewaltigen Sieg errungen. Der Weg in den Donbas und auf die Krim steht offen. Doch an der Gesamtlage ändert sich wenig. "Operativ gesehen war die Schlacht um Kiew der größte Erfolg der Wehrmacht. Aber auch dieser brachte keine Entscheidung", resümiert Hartmann. Selbst eine der größten Kesselschlachten der Geschichte zwingt die Rote Armee nicht in die Knie. Für den Historiker ein Pyrrhussieg: "Die Wehrmacht siegte sich buchstäblich zu Tode."
Hitlers Triumph bei Kiew bestärkt ihn einmal mehr in seiner Selbstüberschätzung und lässt sein Misstrauen gegenüber seinen Generälen weiter wachsen. Mehr und mehr mischt sich der Diktator in die Militärplanungen ein und beschneidet den Spielraum seiner Kommandeure. Da aber auch Kiew keine strategische Wende bringt, richtet Hitler den Blick wieder auf Moskau. Anfang Oktober startet das deutlich dezimierte Ostheer seine Offensive auf die Metropole.
Doch der Vorstoß nach Kiew hat Zeit und Kraft gekostet. Die deutschen Verbände sind erschöpft, ihre Nachschubwege überdehnt. Herbstregen verwandelt die Straßen in Schlammpisten, wenig später fallen die Temperaturen auf bis zu minus 35 Grad. Anfang Dezember kommt der Angriff kurz vor Moskau zum Erliegen. Eine Gegenoffensive bringt die deutsche Front an den Rand des Zusammenbruchs.
Der Traum vom schnellen Sieg im Osten ist damit endgültig ausgeträumt. Am 19. Dezember 1941 übernimmt Hitler selbst den Oberbefehl über das Heer. Halder verliert an Einfluss und wird im September 1942 abgesetzt. Damit verstummt ein wichtiges militärisches Gegengewicht zu Hitlers Feldherrenanspruch. Den Preis dieser Entwicklung zahlt die Wehrmacht Wochen später selbst: im Kessel von Stalingrad.


