Politik

Nachwuchs drängt ins Parlament So alt kommen sie nicht mehr zusammen

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Die konstituierende Sitzung des 19. Deutschen Bundestages am 24. Oktober 2017.

(Foto: picture alliance / Wolfgang Kumm)

Eine ntv-Recherche zeigt: 2021 wollen ungewöhnlich viele Jungpolitiker ins Parlament. Darunter auch Klimaaktivisten von "Fridays for Future".

Kevin Kühnert ist im Juli 31 Jahre alt geworden. Ein Alter, in dem viele zum ersten Mal im Leben merken: Zu den ganz Jungen gehöre ich nicht mehr. Es gibt aber einen Ort in Deutschland, an dem das überhaupt nicht so ist: der Bundestag. Dort will Kühnert im kommenden Jahr rein - und sollte er es wie erwartet schaffen, wäre er eines der Küken im Parlament.

Im aktuellen Bundestag sind nur sieben von 709 Abgeordneten jünger als Kühnert heute. Die junge Generation ist also dramatisch unterbesetzt. Nicht nur Kühnerts Kandidatur aber zeigt, dass sich gerade etwas tut: Der Nachwuchs drängt ins Hohe Haus.

30 Kandidaturen hat die SPD-Nachwuchsorganisation Jusos bislang gezählt - deutlich mehr als vor der letzten Bundestagswahl. "Neu ist diesmal, dass sich viele explizit als Kandidierende aus den Reihen der Jusos verstehen", sagt der Bundesvorsitzende Kühnert ntv.de. Bisher habe es immer Hürden gegeben: Platzhirsche, Amtsinhaber, fehlendes Zutrauen in junge Kandidaten. In der SPD entwickle sich inzwischen aber eine andere Kultur. "In den letzten Jahren ist viel Selbstvertrauen gewachsen." Und so treten junge Sozialisten diesmal gleich für Direktmandate an: Die bisherige Berliner Juso-Chefin Annika Klose (28) will Berlin-Mitte erobern, die stellvertretende Vorsitzende des Bezirks Hannover, Amina Yousaf (30), hat das Ziel Göttingen.

Steigende Zahlen meldet auch die Grüne Jugend: Mehr als zehn Kandidatinnen und Kandidaten wollen antreten - bei der Wahl 2017 waren es nur vier. Bei der Jungen Union waren es damals knapp über 20. Diesmal rechnet man beim Nachwuchs von CDU und CSU zumindest mit etwas mehr.

Nur jeder achte MdB jünger als 35

"Meine Kandidatur ist in erster Linie ein Zeichen dafür, dass man sich trauen sollte", sagt Jens Teutrine. Der 26-jährige Philosophie-Student ist neuer Vorsitzender der Jungen Liberalen (JuLis), der Jugendorganisation der FDP. Dass er noch nicht mal eine Woche im Amt ist, hindert ihn nicht daran, eine Bundestags-Kandidatur anzustreben: "Auf der Couch liegen und darüber sprechen, was Politiker alles falsch machen, ist bequem. Aber es bringt keinen weiter", so Teutrine. Er wolle andere junge Menschen dazu motivieren, es ihm gleichzutun. Und tatsächlich: Auch die JuLis melden schon viele Bewerbungen.

Die Vorsitzenden der Jugendorganisationen haben schon immer ein Wörtchen mitgeredet in der Parteipolitik. Nun aber drängen sie geballt in die Parlamente: Nicht nur Teutrine und Kühnert kandidieren, auch seine wahrscheinliche Nachfolgerin bei den Jusos, Jessica Rosenthal (27). Junge-Union-Chef Tilman Kuban (33) plant eine Bewerbung, für die Grünen wollen gleich drei ehemalige Nachwuchs-Vorsitzende erstmals in den Bundestag: Ricarda Lang (26), Jamila Schäfer (27) und Max Lucks (23). Noch-Juso-Chef Kühnert spricht von einem "parteiübergreifenden Trend", dass sich junge Menschen in parteipolitischen Spitzenfunktionen nun auch den Sprung in die Fraktionen zutrauten.

Es wird Zeit. Der durchschnittliche Bundestagsabgeordnete war zu Beginn der laufenden Wahlperiode 49,4 Jahre alt - fünf Jahre älter als der Schnitt der Gesamtbevölkerung. Nur jeder achte Parlamentarier war damals jünger als 35 Jahre. JuLi-Chef Jens Teutrine macht das Sorgen: "Mir fehlt im Bundestag oft die Perspektive der jungen Menschen, von Studierenden, Azubis oder Berufseinsteigern." Es sei aber nicht nur die Aufgabe junger Kandidaten, diese Perspektive einzubringen. Auch ältere Parlamentarier sollten sie berücksichtigen. "Das ist ihr Job!"

Wo bewirkt man mehr - im Parlament oder auf der Straße?

Druck könnten sie im nächsten Bundestag auch von Menschen bekommen, die ihre Ziele bisher von der Straße aus durchsetzen wollten - und nun ins Parlament drängen: Aktivisten der Klimabewegung "Fridays for Future". Mindestens vier sollen in konkreten Gesprächen mit Grünen, SPD und Linkspartei sein. Jakob Blasel (19) ist einer der Gründer der Bewegung in Deutschland, jetzt will er über die Landesliste der Grünen in Schleswig-Holstein in den Bundestag. In einem "Zeit"-Interview gab Blasel kürzlich zu, bei "Fridays for Future" habe man gedacht, wenn man nur laut genug protestiere, werde sich sofort etwas verändern. "Das war naiv."

Der Protestforscher Dieter Rucht hält die Kandidaturen von "Fridays for Future"-Aktivisten für einen "normalen Vorgang". Häufig versuche ein Teil solcher Bewegungen irgendwann, das System von innen zu verändern. Außerdem gebe es immer ehrgeizige Leute, "die gesehen werden wollen", sagt Rucht. Dass sie dort, im Parlament, mehr erreichen können als draußen, auf der Straße, bezweifelt er. "Der Effekt einzelner ist gering." Dennoch: Schon im kommenden Jahr könnten Aktivisten-Politiker wie Blasel eine gewisse Rolle in der Bundespolitik spielen. Er wolle erreichen, dass die Grünen beim Klimaschutz auch mal rote Linien ziehen, sagt Blasel. Gewinnt er Mitstreiter in der Fraktion, die das genauso sehen, könnte das zum Stolperstein bei möglichen Koalitionsgesprächen mit der Union werden.

Unabhängig davon, wie viele "Fridays for Future"-Aktivisten es am Ende wirklich in den Bundestag schaffen, einen positiven Effekt hat die Bewegung bereits ausgelöst: Sie hat Jungpolitikern zu mehr Selbstbewusstsein verholfen. Die vielen Kandidaturen sind kein Zufall. "Fridays for Future" habe gezeigt, dass sich junge Generationen durchsetzungsstark in Debatten einbringen könnten, so Juso-Chef Kühnert. Das helfe auch anderen Jugendbewegungen "massiv". Und auch der Jungliberale Teutrine erkennt an, den Aktivisten sei es gelungen, viele junge Menschen wachzurütteln. Viele hätten aber auch gemerkt, dass Demonstrieren zwar Aufmerksamkeit bringe, nicht unbedingt aber politischen Wandel. "Für letzteren kann man besser kämpfen, indem man in eine Partei eintritt."

Quelle: ntv.de