Politik

Suizid, Alkohol und Drogen US-Mittelschicht stirbt "Tod der Verzweiflung"

2020-02-05T000000Z_851031815_RC2JUE97VIMB_RTRMADP_3_USA-ELECTION-BIDEN.JPG

Eine Skulptur aus Opioid-Pillenflaschen.

(Foto: REUTERS)

Seit einigen Jahren sinkt die Lebenserwartung in den USA. Das liegt an einer Opioid-Krise, schlechter Ernährung und Schusswaffen. Das Hauptproblem ist aber der sogenannte "Tod der Verzweiflung". Betroffen sind Menschen aus der Arbeiter- und Mittelschicht.

In den USA gibt es Orte und Gemeinden oder ganze Stadtviertel wie Kensington, in denen das Leben vieler Menschen regelrecht zerstört worden ist. Keine Arbeitsplätze, kein gesellschaftliches Leben und keine Perspektive. Stattdessen steigt dort die Zahl der Todesfälle durch Suizid, Alkohol und Drogen. Wie dramatisch die Lage ist, zeigt ein Blick auf die Lebenserwartung. Während sie in nahezu allen Industrieländern der Welt kontinuierlich gestiegen ist, zeichnete sich in den USA in den vergangenen Jahren ein Trend nach unten ab. Zum ersten Mal seit dem Ersten Weltkrieg.

Die Ursachen sind vielschichtig: Waffen spielen eine Rolle, schlechte Ernährung, ein teures Gesundheitssystem. Und eine Opioid-Krise, die Ende der 1990er Jahre in den USA begonnen hat. Die Pharmaindustrie machte aggressiv Werbung und betrieb Lobbyarbeit für ihre schmerzstillenden Opioide. Die werden seitdem nicht mehr nur bei schweren Erkrankungen verschrieben, sondern auch bei Alltagsschmerzen, obwohl sie schnell abhängig machen und so Leben zerstören können. Das alles hat zur "Aushöhlung der weißen Mittelschicht" geführt. So umschreiben die beiden Ökonomen Anne Case und Angus Deaton in ihrem neuen Buch das Phänomen, das sie "Deaths of Despair" nennen, "Tode der Verzweiflung".

American Dream nur ein Traum

"Das Neue ist, dass jetzt auch die weiße Mittelklasse ohne Bildungsabschluss davon massiv betroffen ist. Immer mehr Leute dieser Arbeiterklasse realisieren, dass der American Dream nur ein Traum war und dass sie das nie mehr schaffen, weil sie nicht mehr gebraucht werden", sagt Christian Lammert, Politikwissenschaftler am John-F-Kennedy-Institut der Freien Universität Berlin im ntv-Podcast "Wieder was gelernt".

Das galt und gilt seit Jahren bereits für die Minderheiten in den USA, also Afroamerikaner und Hispanics. Mittlerweile rutscht aber auch die weiße Arbeiterklasse immer häufiger in die Perspektivlosigkeit ab. Jene Menschen, die vor vier Jahren Donald Trump als Präsidenten ins Weiße Haus gewählt haben. "Dieser Prozess hat eingesetzt mit der Globalisierung, der Auslagerung von Arbeitsplätzen und der technologischen Entwicklung. Das hat die Bedingungen auf dem Arbeitsmarkt völlig verändert. Momentan sehen wir, dass Leute ohne oder nur mit niedrigem Bildungsabschluss wirtschaftlich nicht mehr gebraucht werden", sagt Christian Lammert.

Der Ablauf ist oft der gleiche: Betroffene verlieren ihren Arbeitsplatz. Dadurch wird das Geld knapp. Um die Miete bezahlen zu können, spart man am Essen oder an der Gesundheitsvorsorge. Das Leben als einzige Abwärtsspiele. Einen Ausweg suchen viele in Alkohol, Drogen oder Selbstmord. Im Jahr 1995 starben etwa 65.000 Menschen einen solchen Tod, 2018 waren es bereits knapp 160.000 - mehr als doppelt so viele.

Eine immer ausgedünntere Mittel- und Arbeiterklasse, während Reiche immer reicher werden. Ein Phänomen, das nicht exklusiv in den Vereinigten Staaten auftritt. Besorgniserregend ist dort aber das Tempo, sagt Lammert: "Das ist in den USA eindeutig dramatischer. Wenn man sich die Einkommensungleichheit anschaut, sieht man, dass die in den USA viel drastischer gestiegen ist als zum Beispiel in Deutschland oder anderen europäischen Ländern."

Kein soziales Auffangbecken

Für Lammert liegt das auch am politischen System der USA ohne ausgebauten Sozialstaat. Gerade unter Donald Trump erweckt der Staat den Eindruck, er greift nur dann in den Markt ein, wenn er Unternehmen und Reichen helfen kann. Für Sozialprogramme bleibt kein Geld mehr übrig. Wer kein Erspartes oder einen Bildungsabschluss hat, fällt in ein Loch, aus dem es schwer wird, wieder herauszukommen. Und je mehr Menschen in solch ein Loch fallen, desto mehr bröckelt das demokratische Fundament eines Landes. Dabei sei die Mittelschicht "der Kern einer demokratischen Ordnung", sagt US-Kenner Lammert. "Wenn die Mittelschicht wegbricht, bricht auch die politische Mitte weg."

Womit wir wieder bei der Wahl von Donald Trump wären. 2016 hat er die "White working class" für sich gewinnen können. 2020 wird es schwieriger. Denn Trump setzt wie am ersten Tag darauf, Steuern zu senken und zu deregulieren, um die Wirtschaft nach der Corona-Krise anzukurbeln. Während die Mittel- und Arbeiterklasse weiter wegstirbt. Durch Schmerzmittel, Alkohol, Schusswaffen, Hoffnungslosigkeit - und zu allem Überfluss auch durch ein Virus.

Alle Folgen von "Wieder was gelernt" finden Sie in der ntv-App, bei Audio Now, Apple Podcasts und Spotify. Für alle anderen Podcast-Apps können Sie den RSS-Feed verwenden. Kopieren Sie die Feed-URL und fügen Sie "Wieder was gelernt" einfach zu Ihren Podcast-Abos hinzu.

"Wieder was gelernt" ist ein Podcast für Neugierige: Wird Guyana dank großer Ölfunde das reichste Land der Welt? Wie lebt es sich in einer der schmutzigsten und einsamsten Städte der Welt? Und warum tobt in den Niederlanden ein Drogenkrieg? Hören Sie rein und werden Sie dreimal die Woche ein bisschen schlauer.

Quelle: ntv.de