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So kaputt, dass es wehtut In der Heroinhölle von Kensington

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Kein seltener Anblick unter den Brücken von Kensington: die Matratzenlager von Drogenabhängigen.

(Foto: imago/ZUMA Press)

In "Long Bright River" lässt Liz Moore eine Polizistin nach ihrer süchtigen Schwester und einem Prostituiertenmörder suchen. Der Roman ist nicht nur spannend, er erzählt auch eine dramatische Familiengeschichte und zeichnet das Porträt eines Stadtteils, der im Drogensumpf versinkt.

Wenn die Opioid-Krise in den USA einen konkreten Namen hat, dann ist es wohl der von Kensington. "Walmart of Heroin" nennt die "New York Times" das ehemalige Arbeiterviertel in Philadelphia. Heroin, Fentanyl, Pillen jeder Art - hier kriegen Junkies einfach alles. Die lokalen Behörden schätzen, dass Zehntausende Einwohner der amerikanischen Ostküsten-Stadt süchtig sind. Die Statistik zählt für die letzten 3 Jahre über 3000 Tote durch Betäubungsmittel.

In dieser Drogenhölle lässt Liz Moore ihren packenden US-Bestseller "Long Bright River" spielen. Michaela Fitzpatrick, genannt Mickey, ist dort aufgewachsen, fährt als Streifenpolizistin ihre Runden und hat ein wachsames Auge auf ihre Schwester. Kacey hängt an der Nadel und verkauft für ein wenig Heroin ihren Körper. Doch plötzlich ist sie verschwunden. Während die 32-jährige Mickey nach ihrer Schwester sucht, erschüttert eine Serie von Morden an jungen Prostituierten das Viertel.

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"Long Bright River" startet als klassischer Polizeikrimi, entwickelt sich aber parallel zur Täterjagd schnell zum Porträt einer Familie, die durch die Drogensucht völlig zerbrochen ist. Die Mutter starb an einer Überdosis, der Vater verschwand. Die Schwestern, die bei ihrer kaltherzigen Oma lebten, schweißten diese Erfahrungen eng zusammen. Dann griff Kacey zu Drogen. "Als ich meine Schwester das erste Mal tot auffand, war sie sechzehn", erzählt Mickey. Die beiden entfremden sich immer mehr voneinander. Als das Buch einsetzt, haben sie seit Jahren kein Wort mehr gewechselt.

Dahinvegetieren bis zum nächsten Schuss

Untrennbar mit der Familiengeschichte verbunden ist der eigentliche, sozial-atmosphärische Kern des Romans: die Hoffnungslosigkeit von Kensington. Moore, die selbst in Philadelphia lebt, beschreibt ein Stadtviertel, das so kaputt ist, dass es beim Lesen fast wehtut. In den zwei Hauptverkehrsstraßen ist ein Drittel der Erdgeschoss-Fronten verrammelt, es gibt nur noch ein paar Nagelstudios, Handygeschäfte, Ramschläden und Imbissbuden. Auf den Straßen warten Frauen wie Kacey auf den nächsten Freier. Es wird offen gedealt, unter den Augen korrupter Polizisten.

Abgewrackte Gestalten - einige von ihnen kennt Mickey noch aus der Schule - vegetieren in verlassenen und dreckigen Häusern in den Seitengassen bis zum nächsten Schuss vor sich hin. Wer Glück hat, kann sich den sauber, aber illegal, in einem der Räume setzen, die einige Ladenbesitzer zur Verfügung stellen. Überall lauert nichts als Gewalt, Leid und Elend, selbst Babys kommen hier oft schon süchtig auf die Welt.

In dieser Umgebung, von ihren Kollegen "Ketamin-City" oder "Kackstadt, USA" genannt, hofft Mickey, etwas über den Aufenthaltsort ihrer Schwester herauszufinden. Die Angst, sie als eine der getöteten Frauen identifizieren zu müssen, sitzt ihr immer im Nacken. Sorgen macht sich die alleinerziehende Mickey auch um ihren Sohn Thomas. Denn ihre Zeit reicht kaum aus, um sie zwischen Beruf, der Suche nach der Schwester und dem Fünfjährigen gerecht aufzuteilen.

Den Kontakt zum Vater des Jungen hat sie abgebrochen, die Babysitterin ist unzuverlässig. Ihretwegen kommt Mickey nicht nur einmal zu spät zum Dienst und der Chef hat sie sowieso schon auf dem Kieker. Außerdem scheint er wenig motiviert, den brisanten Hinweisen zum Serienmörder nachzugehen, die Mickey von ihren Kontaktpersonen auf der Straße bekommen hat. Mickey verfolgt die Spur auf eigene Faust - und gerät in große Gefahr.

Wer sagt die Wahrheit?

Der Roman ist ziemlich clever konstruiert. Je weiter mal liest, desto mehr Fragen tauchen auf: Warum ist Mickeys Verhältnis zu ihren Tanten, Onkeln und Cousinen so derart unterkühlt? Wer ist der unbekannte Mann, der bei der Nachbarin nach Mickey und Thomas fragt? Und was verbindet Mickey tatsächlich mit ihrem ehemaligen Streifenpartner, der nach einem tätlichen Angriff den Dienst quittiert hat?

Am Ende des Buches ist einiges anders, als es zu Beginn scheint. Und Icherzählerin Mickey agiert bei Weitem nicht so selbstlos, wie sie den Lesern lange glauben machen möchte. "Long Bright River" ist als Thriller spannend, als Familienporträt dramatisch und als Stadtteil-Psychogramm erschütternd - eine echte Leseempfehlung.

Quelle: ntv.de