US-Wahl 2020

Kamala Harris: die Clinton 2.0 Raus aus dem Hosenanzug

Als Vizepräsidentin ist Kamala Harris bald die zweitmächtigste Person der USA - und eine der mächtigsten Frauen weltweit. Dennoch steht ihre Liebe für Sneaker beinahe so oft im Fokus wie ihre politische Agenda. Dem Doppelstandard für Führungsfrauen begegnet sie dennoch anders als ihre Vorgängerinnen. Mit Humor.

Ein bisschen ironisch ist das schon: Der Tag der größten Niederlage von Hillary Clinton ist zugleich der Tag des bis dahin größten politischen Sieges von Kamala Harris: Am 8. November 2016 verliert Clinton die Präsidentschaftswahl gegen Donald Trump. Und Harris wird Senatorin - etwas, das vor ihr nur eine einzige weitere Afroamerikanerin geschafft hat. Die beiden Frauen teilen die Erfahrung, die Erste zu sein. Beide haben sich in einem männlich dominierten Umfeld durchgesetzt. Sie haben bewiesen, dass politische Spitzenämter auch für Frauen erreichbar sind. Und sie haben die "gläserne Decke" weiter nach oben verschoben. Ihr Erfolg macht aber auch eines umso sichtbarer: Für Frauen in der Politik gelten nach wie vor andere Regeln: In der Debatte müssen ihre Argumente mindestens so gut sitzen wie ihre Hosenanzüge. Und bitte nicht laut werden! Das wirkt zickig.

"Es gibt immer noch einen lebendigen Doppelstandard, wenn es um Frauen in der Politik geht", kritisierte Clinton im Vorfeld des einzigen TV-Duells zwischen Harris und Mike Pence. Ihr Rat an die Herausforderin: "Sie muss beharrlich und effektiv [...] bleiben, aber sie darf dabei keinesfalls einschüchternd wirken." Clinton muss es wissen, sie stand selbst unter diesem Druck. Und ist an ihm gescheitert. Harris dagegen fand den richtigen Ton - auch wenn Trump sie im Nachhinein als "bösartige Lügnerin" bezeichnete. Für ihre charmante, aber bestimmte Zurechtweisung von Pence, nachdem er ihr während der Debatte ins Wort gefallen war, erntete die 56-Jährige viel Applaus in den sozialen Medien. Harris verfolgt eine neue Strategie im Umgang mit den ungeschriebenen Gesetzen für Frauen in der Politik: Sie lässt sie links liegen.

Für Wahlkampfstrategen ist Harris eigentlich ein Albtraum. Sie lacht laut - manchmal auch zu laut, und macht Witze über ihre jüdische Schwiegermutter. Mal zeigt sie sich ungestylt in Jogginghosen, mal im kurzen Goldfummel. Sie macht auch keinen Hehl aus ihrer Liebe zu Sneakers. Dass sich Dutzende Journalisten mit ihrem Schuhwerk beschäftigen - und nicht mit ihrem Wahlprogramm, kommentiert sie nicht mit Unverständnis. Stattdessen versucht sie die Aufmerksamkeit für ihr Äußeres politisch zu nutzen. Dass sie bei der Siegesrede von Joe Biden in Wilmington, Delaware, in einem weißen Hosenanzug auf die Bühne trat, war ein Statement: Weiß ist die Farbe der Frauenrechtsbewegung. Und Harris sieht sich zweifellos als Vorbild für andere Frauen. Sie will sie ermutigen, ihrem Weg zu folgen. Aber sie setzt sich auch klar von ihren Vorgängerinnen ab.

Rüffel fürs Nachfragen

Um ernst genommen zu werden, haben Frauen in der Spitzenpolitik bisher vor allem zwei Strategien verfolgt: Entweder ließen sie ihr Frausein hinter dem Politikerinsein verschwinden - wie etwa Angela Merkel. Oder sie überschrieben damit ihre politische Agenda - so machte es Hillary Clinton. Beides führte zu Problemen. Während Merkel bis heute mit einem klaren Bekenntnis zum Feminismus hadert, gilt Clinton hier als Emanze und dort als Wischiwaschi-Feministin. Harris will es besser machen. Sie gehört zu einer neuen Generation von Spitzenpolitikerinnen neben Jacinda Ardern, Alexandria Ocasio-Cortez und der Finnin Sanna Marin, die den Machtapparat an ein neues Frauenbild anpassen wollen. Und das beginnt - so banal es klingt - schon bei der Kleiderfrage. Zwar ist der Hosenanzug als Uniform von Politikerinnen nicht totzukriegen. Aber er wird variantenreicher.

Natürlich haben Frauen auch in der Politik hart dafür gekämpft, nicht auf ihr Aussehen reduziert zu werden. Doch Harris hat verstanden: Es bleibt ein Thema - so oder so. Selbst einer, der im Umgang mit Frauen (auch in der Politik) selten daneben lag, hat ihr das bewiesen: Barack Obama. Bei einer Spendenveranstaltung in Kalifornien 2013 lobte der Ex-Präsident Harris zunächst als brillante und zähe Juristin, um dann zu ergänzen, sie sei darüber hinaus "die mit Abstand bestaussehende Generalstaatsanwältin im Land". Obwohl innerhalb kürzester Zeit eine Sexismusdebatte losbrach, kommentierte Harris die Bemerkung nicht. Öffentliche Prügel kassierte Obama von anderen. So war es 2017 auch im Senat, wo sich Harris während einer Anhörung von republikanischen Kollegen für ihr unhöfliches Fragen rüffeln lassen musste. Mehrere Senatoren sprangen ihr damals zur Seite.

Bloß nicht in die Opferrolle

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Kamala Harris hat eine Schwäche für Sneaker.

(Foto: AP)

Harris will sich nicht zum Opfer machen lassen - aus gutem Grund. Sich öffentlich über Sexismus zu beklagen, bekommt insbesondere Politikerinnen nicht gut. Auch die demokratische Senatorin Elizabeth Warren hat das erfahren. Im Rennen um die demokratische Präsidentschaftskandidatur verlor sie - wie auch Harris - gegen Joe Biden, obwohl sie lange als aussichtsreichste Kandidatin galt. Doch sie schrieb ihr Scheitern vor allem Vorbehalten wegen ihres Geschlechts zu. Und das kam nicht gut an. "Wenn man sagt: 'Ja, es gab Sexismus', sagen alle: 'Heulsuse!'", so Warren. "Und wenn man es verneint, rufen etwa eine Milliarde Frauen: 'Auf welchem Planeten lebst du eigentlich?'" Harris formulierte es klüger. Es gebe noch eine Menge Arbeit zu tun, sagte sie - und war damit nicht mehr die Gescheiterte, sondern die Macherin.

Ihre Strategie könnte aufgehen. Harris kann sich in den kommenden Jahren nicht nur an die Abläufe im Washingtoner Politikbetrieb gewöhnen, sondern sich auch auf die Kandidatur 2024 vorbereiten. Den Maßstab dessen, was für Frauen in der Politik angemessen ist und was nicht, wird sie in dieser Zeit entscheidend prägen. Gut möglich, dass sie es tanzend und in Sneakers tut.

Quelle: ntv.de