Politik

"Eigentliches Spiel kommt noch" Varoufakis-Rücktritt war nur die erste Runde

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Yanis Varoufakis umarmt seinen Nachfolger Euklid Tsakalotos. Seinen Rücktritt muss er nicht bedauern, findet Wolfram Elsner.

(Foto: imago/ZUMA Press)

Der Rücktritt von Yanis Varoufakis war nicht von langer Hand geplant, glaubt Spieltheoretiker Wolfram Elsner von der Universität Bremen. Der Abschied zeige aber, dass Tsipras und Varoufakis fertig mit dem Drohspiel sind. "Jetzt muss aber noch die Gläubigerseite auf das reale Spiel umschalten."

n-tv.de: Sie haben Yanis Varoufakis als Kollegen unter Spieltheoretikern kennengelernt. Hat Sie sein Rücktritt überrascht?

Wolfram Elsner: Eigentlich nicht. Das war nur eine Frage der Zeit, man hat ihn entnervt. Aber als Professor hat er ja noch eine gut-bürgerliche Alternativ-Rolle. Er ist nicht verpflichtet, sich als Dämon durch die europäischen Medien treiben zu lassen. Als Wissenschaftler mit seiner Reputation kann er ein deutlich ruhigeres Leben führen. Andere Politiker müssen manchmal an ihren Stühlen kleben, weil sie keine berufliche Alternative haben.

Was für ein Spiel wurde bei den Verhandlungen der EU-Institutionen mit der griechischen Regierung gespielt?

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Professor Wolfram Elsner lehrt Spieltheorie an der Universität Bremen.

So wie die Akteure sich seit Februar verhalten, wird hier ein scharfes Konfliktspiel gespielt. Diese Problemsituation ist als Chicken-Game oder Feiglingsspiel bekannt. Das ist wie in den Filmszenen, wo zwei Wagen aufeinander zu fahren. Der, der zuletzt ausweicht ist der Held, der andere der Feigling. Wenn beide draufhalten, landen sie im Krankenhaus oder auf dem Friedhof. In der Griechenlanddiskussion wurde das Chicken-Game bisher fast ausschließlich als Droh-Spiel gespielt. Im vergangenen halben Jahr wurde nichts anderes getan, als Drohkulissen aufzubauen.

Obwohl das eine oder andere Thema auf den Tisch gekommen ist, haben die Parteien bis heute noch nicht mit dem eigentlichen Spiel, wo nach sachlichen Kompromissen gesucht wird und man mit sogenannten gemischten Strategien spielen muss, begonnen. Bei gemischten Strategien wäre sinngemäß mal der eine, mal der andere der Gewinner.

Ist denn nun wenigstens das Drohspiel beendet?

Beide, sowohl Regierungschef Alexis Tsipras als auch Varoufakis haben vergangene Woche gemerkt, dass das Drohspiel an seine Grenzen gekommen ist, jedenfalls auf Seiten der Griechen. Sie haben nicht mehr viel zu drohen, es sei denn, Tsipras würde nach Peking fahren und mit einem zwei- bis dreistelligen Milliardenprogramm an Kredit- und Investitionszusagen zurückkehren.

Als in dem eigentlichen Spiel die verschiedenen realen Themen auf den Tisch gelegt wurden, hat Tsipras so viele rote Linien überschritten, dass es jetzt um seine innenpolitische Existenz ging. Also musste er den Kreis jetzt durchbrechen.

War denn Ihrer Ansicht nach der Rücktritt von Varoufakis Teil des Droh-Spieles? Hatte er als Spieltheoretiker von Anfang an geplant, an einen Punkt zu kommen, wo der Rücktritt der nächste Schritt sein muss?  

Das glaube ich nicht. Der Austritt aus einem Spiel ist sehr schwierig vorher zu bestimmen. Genauso wenig glaube ich, dass Herr Tsipras schon vor vier Wochen das Referendum im Sinn hatte. Hier wurde mit Varoufakis der Bad Cop aus dem Verkehr gezogen, vielleicht hat Herr Schäuble ein Ultimatum gestellt. Aber vielleicht wusste Yanis Varoufakis schon, dass er zurücktreten würde, als er das Wort "Terrorismus" verwendete. Da hatte er vielleicht die Nase voll und beschlossen, in seine gut-bürgerliche Alternative mit ihrem hohen Sozialprestige zurückzukehren.

Was wären aus taktischer Sicht die nächsten Schritte für beide Parteien?

Ich glaube, dass Tsipras jetzt kein Interesse mehr am Drohspiel hat. Für den Grexit hat er sich währungstechnisch nicht vorbereitet, also keine Parallelwährung für den Binnenmarkt vorbereitet.

Das Repertoire der Schäuble’schen Seite ist dagegen sicherlich noch nicht ausgeschöpft. Das sieht man daran, dass die EZB vergangene Woche jegliche weitere Kredite gesperrt hat, was, ganz nebenbei, womöglich gegen die Währungsunionsverträge verstößt. Die Botschaft war klar: "Wir können noch ganz anders." Insofern hat die Gläubigerseite überhaupt noch nicht umgeschaltet auf das reale Spiel, auf die Suche nach Kompromissen unter der Maßgabe von leben und leben lassen.

Ich denke, dass es auf der EU-Seite noch mal eine Trotzreaktion geben könnte, nach dem Motto: "Wenn ihr mit 61 Prozent mit "Nein" stimmt, dann zeigen wir euch noch mal richtig, wo der Hammer hängt." Die EZB hat da ja alle Möglichkeiten und sie hat ja bereits die griechischen Banken zu "Ferien" gezwungen.

Was würden Sie jetzt empfehlen? Wie sollte das Spiel weitergehen?

Es sind ja nur noch wenige Tage, bis wir in Griechenland einen kompletten Zusammenbruch und eine humanitären Katastrophe sehen werden. Da können nur noch Frau Merkel und Herr Obama helfen. US-Präsident Obama hat sicher bereits angerufen und deutlich gemacht: "Schlachtet nicht die Kuh, die ihr noch melken wollt. Und ich brauche Griechenland übrigens als Flugzeugträger in Richtung Naher Osten." Jede Bank weiß: "Wenn Du noch wenigstens einen Teil Deiner Kredite von einem notleidenden Unternehmen zurück haben willst, darfst Du es nicht ganz zerstören." Auch Staaten wie Argentinien haben Schuldenschnitte von 80, 90 Prozent erhalten, hier reden wir von 30 bis 40 Prozent.

Kehrt Varoufakis irgendwann zurück in die Politik?

Nein. Varoufakis wird sicherlich Berater der Athener Regierung bleiben. Er wird jetzt aber genug zu tun haben, die weltweiten Einladungen von Think Tanks und Universitäten anzunehmen. Damit ist er ausgelastet. Ich hoffe, dass meine European Association for Evolutionary Political Economy (EAEPE) die Erste ist, die ihn kriegt und dass er an der Jahreskonferenz in Genua als Diskutant auf dem Podium teilnehmen wird. Er war ja jahrelang Mitglied der EAEPE. Bei diesen Auftritten kann er dann auch die Frustration der letzten Wochen und Monate abarbeiten.

Sie nehmen ihn also gerne wieder in den Kreis der Wissenschaftler auf?

(lacht) Definitiv! Herr Varoufakis ist ein charismatischer Mensch, keine Frage, aber er ist nicht der Dämon, als der er dargestellt wurde. Er hat eines der besten spieltheoretischen Lehrbücher geschrieben und er hat in den vergangenen Jahren sehr solide Papiere zur Währungsunion und zur Finanzkrise erstellt.

Also sehen wir ihn dann vielleicht eher mal bei Verleihung eines Wirtschaftsnobelpreises wieder?

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Tolles Bike, tolle Frau, tolle Aufträge. Wer braucht da Politik?

(Foto: picture alliance / dpa)

Der Wirtschaftsnobelpreis ist ja sehr stark an die "Mainstreamer", an die neoliberalen und neoklassischen Ökonomen gebunden, den wird er wahrscheinlich nicht kriegen. Aber andere Preise sind durchaus drin.

In jedem Fall haben wir jetzt alle ein neues Bild von Wirtschaftsprofessoren, besonders von Spieltheoretikern. Haben Sie denn auch ein Motorrad?

(lacht) Nein. War immer mal ein Traum. Ist aber nie Realität geworden.

Mit Wolfram Elsner sprach Samira Lazarovic

Quelle: ntv.de