Politik

Exodus türkischer Leistungsträger Viele denken an Flucht aus Erdogans Reich

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Erdogan scheint gestärkt aus dem Putschversuch hervorzugehen.

(Foto: REUTERS)

Der Putsch ist gescheitert. Der türkische Präsident nutzt seinen Triumph, um noch härter gegen Andersdenkende vorzugehen. Die Türkei muss sich deshalb auf den Verlust fähiger Köpfe einstellen – und Europa auf neue Flüchtlinge.

Als Recep Tayyip Erdogan die Gezi-Proteste niederknüppeln ließ, hatten regierungskritische Türken noch Hoffnung. Junge Kreative, Künstler und Nachwuchsunternehmer setzten darauf, sich neu zu organisieren und bessere Methoden zu finden, um die Türkei wieder auf einen demokratischen Pfad zu führen. Trotz und Wut schwang in ihren Stimmen mit, als sie von ihren Plänen erzählten. Nach dem gescheiterten Putsch von Teilen des Militärs am Freitag klingen viele diese Leute anders.

Eces Stimme bebt. "Ich hab' Angst. Mich beschützt hier doch niemand mehr", sagt sie. Die 30 Jahre alte Juristin sitzt in einer Bar im Istanbuler Viertel Beyoglu. In anderen Teilen des Bezirks, wie etwa in der Erdogan-Hochburg Kasimpasa, sind die Bars an diesem heißen Sonntagnachmittag voll. Hier, wo es etliche Treffpunkte von Regierungskritikern gibt, sitzen außer Ece kaum Leute.

"Ich musste auf die Straße gehen. Ich musste sehen, dass es irgendwie weitergehen kann", sagt sie. Dann bricht Ece in Tränen aus. "Ich bleibe, solange ich kann. Ich habe doch meine Familie und mein Leben hier."

Angst und Hoffnungslosigkeit

Wen man an diesem Nachmittag hier auch fragt. Es gibt keinen, der in den vergangenen Tagen nicht schon daran gedacht hätte, das Land zu verlassen. Unter jenen, die an eine Flucht denken, sind überdurchschnittlich viele gut ausgebildete junge Menschen. Der Türkei droht der Verlust ihrer Leistungsträger.

Angst vor Nationalisten und skrupellosen Anhängern von Recep Tayyip Erdogan, die sich durch den Aufruf des Präsidenten in der Putschnacht, die Demokratie auf den Straßen zu verteidigen, zu allem ermächtigt fühlen, ist nur ein Grund. Vor allem das Bild eines Soldaten, dem von einem islamistischen Lynchmob die Kehle aufgeschlitzt wurde, wirkt nach. Auch wenn die jungen Leute in Beyoglu nicht zu den Putschisten zählten, fühlen sie sich wie Zielscheiben für aufgepeitschte Erdogan-Anhäger.

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Erdogan-Anhänger feiern den niedergeschlagenen Putsch. Viele Regierungskritiker in Istanbul trauen sich nicht mehr auf die Straße.

(Foto: dpa)

Ein weiterer Grund für Fluchtgedanken: Die meisten Kritiker des Präsidenten, die sich an diesem Nachmittag in die Cafés und Bars sehen lassen, haben zugleich ihre Hoffnung verloren, dass Demokratie und Menschenrechte in naher Zukunft noch eine echte Chance in der Türkei haben.

"Ich glaube, die Staatsführung ist in der Lage, alles in ihrem Sinne zu verändern", sagt Ece. "Es gibt keine Kräftebalance mehr. Und die Regierung weiß das."

Die Reaktion der Staatsführung auf den Putschversuch war nicht nur eine gewaltige Verhaftungswelle, in der wahrscheinlich auch etliche Leute eingesperrt wurden, die zwar regierungskritisch sind, aber nichts mit dem Putschversuch zu tun hatten. Zur Reaktion gehörte auch die Absetzung von mehreren Tausend Richtern. Und das, nachdem es bereits tiefgreifende Reformen im türkischen Justizsystem gegeben hat und von Unabhängigkeit schon lange keine Rede mehr sein kann.

Derzeit spricht alles dafür, dass Erdogan gestärkt aus dem niedergeschlagenen Putschversuch hervorgeht und diese Stärke nutzt, um seine Gegner noch weiter zu schwächen – ohne Rücksicht auf Demokratie und Menschenrechte. Für seinen Traum einer Verfassungsänderung, die den Präsidenten mit größeren Befugnissen ausstattet, hat er jetzt ein neues Argument. Er kann sich als starker Staatschef als Garant für Stabilität und Ordnung inszenieren.

Lieber irgendwo Toiletten putzen

Auf die Frage, ob er noch eine Chance für sich in der Türkei sieht, schüttelt Emin heftig den Kopf. Der 31 Jahre alte DJ sagt: "Das ist der Anfang einer Transformation hin zu einem islamischen Staat wie dem Iran." Der Armenier befürchtet, dass sich die Lage vor allem für die ethnischen und religiösen Minderheiten im Land dramatisch verschlechtern werde. Er suche noch nach den passenden Worten, erklärt er. "Sobald ich weiß, wie ich es richtig verpacke, werde ich meine Geschwister und meine Eltern auffordern, ihre Sachen zu verkaufen, mit mir nach Deutschland zu kommen und um Asyl zu bitten."

Wie kompliziert das wird, ist Emin klar. Zwar hat die EU der Türkei wegen des Flüchtlingspakts Visafreiheit versprochen. Zugleich ist Brüssel aber im Begriff, das Land als sicher einzustufen. Asylanträge von Türken haben damit nur noch geringe Chancen auf Erfolg. Da sich keine Aufnahme der Türkei in die EU und damit der Zugang zur Arbeitnehmerfreizügigkeit für Türken abzeichnet, ist Emin aber überzeugt davon, dass dieser Weg noch der einfachste ist.

Der 29 Jahre alte Pharmazeut Dogan sagt zwar, dass es in der Geschichte der Menschheit selten Phasen langfristiger Regression gegeben habe. Doch dann fügt er hinzu: "Ich komme mir vor, wie auf einem großen Dampfer, der gen Westen schippert, auf dem aber alle Passagiere nach Osten rennen." Bis sie ankämen, würden noch Jahrzehnte vergehen. Dogan sagt: "Ich putz' lieber irgendwo auf der Welt Toiletten, als mitanzusehen, wie Erdogan unser Land ruiniert."

Einen Hauch von Hoffnung versprüht nur eine Gruppe Schauspieler, die sich auf ein Bier in einer Kneipe getroffen hat. Sie fühlten sich nicht richtig sicher beim Trinken, sagen sie, denn es habe schon diverse Übergriffe von Islamisten gegeben, die im Glauben daran, Erdogans Willen durchzusetzen, Alkohol trinkende Leute verprügelt haben. Aber sie versuchten noch, das Land zu verändern. Nicht nur dadurch, dass sie ihre Lebensart nicht aufgeben, sondern auch durch ihre Kunst.

"In der Renaissance ist es doch auch gelungen, durch das Theater politisch viel zu bewegen", sagt Evrim, die ihr Alter augenzwinkernd mit 38 angibt. Doch beim Gedanken an das Stück, das sie gerade aufführt, wirkt auch sie plötzlich nicht mehr so überzeugt. Evrim ist nicht an einem der großen staatlichen Theater angestellt. Dort könnte sie schließlich kaum Regierungskritik äußern. Sie steht für ein kleines privates Haus auf der Bühne. Evrim sagt: "Es kommen ja nicht so viele Leute zu uns, und ehrlich gesagt, müssen wir die, die doch kommen, auch nicht mehr politisch überzeugen."

Die Namen der meisten Gesprächspartner wurden aus Sorge vor Repressionen durch die Redaktion geändert.

Quelle: n-tv.de

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