Politik

Spekulationen über türkischen Kampfjet Warum schossen Syrer F-4 ab?

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(Foto: REUTERS)

Nach dem Abschuss eines türkischen Kampfjets in syrischem Luftraum ertönt aus Ankara und Damaskus keine Kriegsrethorik. Im Gegenteil: Beide Seiten sind für ihre harte Rhetorik bekannt, doch in diesem Fall ist das Bemühen um gemäßigte Worte regelrecht greifbar. Warum eigentlich? Was hat es mit der F-4 auf sich?

Kurz nach dem im syrischen Luftraum am Freitag stand vor allem eine Frage im Raum: Kommt nun Ankaras Gegenschlag? Oder gar ein Gegenschlag der Nato? Kaum einen Tag später ist diese Frage verpufft. Jetzt will jedermann wissen: Was trieb die F-4 Phantom in Syrien? Und was ritt Präsident Baschar al-Assad, einen Angriff auf eine Maschine des mächtigen Nato-Bündnisses zu wagen?

Spätestens ist das Verhältnis der früheren Verbündeten Syrien und Türkei gestört. Damals fing Assad an, gewaltsam gegen die einst friedlichen Proteste gegen sein Regime anzugehen. Es folgten etliche diplomatische Katastrophen. auf türkisches Territorium und töteten syrische Flüchtlinge. Erst vor wenigen Tagen veröffentliche die "New York Times" einen Bericht, in dem von die Rede war, die über türkisches Staatsgebiet erfolgten. Ankara und Damaskus sparten bei diesen diplomatischen Aussetzern nie mit harter Rethorik und Drohgebärden.

Gefahr militärischer Eskalation scheint vorerst gebannt

Ausgerechnet nach dem Abschuss eines Kampfjets stimmen beide Seiten nun gemäßigte Töne an. Der türkische Staatspräsident Abdullah Gül gestand prompt, dass der Jet womöglich den syrischen Luftraum verletzt habe. Angesichts der hohen Geschwindigkeiten der Maschinen sei es aber nicht außergewöhnlich, dass hin und wieder Hoheitsgebiete anderer Länder über dem Meer durchflogen würden, sagte er. Auch Damaskus räumte den Abschuss des Jets ein und erklärte, die Militärs hätten lediglich im Rahmen der Vorschriften für den Fall einer Luftraumverletzung gehandelt. Nach Angaben der Website DebkaFile, die sich auf die internationale Sicherheitspolitik spezialisiert hat, entschuldigte sich Syrien sogar schon für den Vorfall.

Die Gefahr einer militärischen Eskalation scheint vorerst gebannt. Das ist die beruhigende Nachricht. Doch wieso geben sich die beiden Mächte gerade bei diesem Vorfall so fromm? Der Fall lässt viel Raum für Spekulationen.

Was also machte die F-4 in syrischem Luftraum? Der Vize-Premier der Türkei, Bulent Arinc, sagte der Zeitung "Hurriyet", dass es sich bei dem Jet nicht um einen Bomber, sondern um ein Aufklärungsflugzeug handelte. Ankaras Zurückhaltung könnte in diesem Fall als Reue nach einem missglückten Spionageflug zu erklären sein. Doch auch eine weitere Theorie kursiert: Dass die Nato durch den Flug die türkische Luftabwehr testen wollte. So lauten zumindest Berichte des Nachrichtensender "Al Jazeera".

Warum feuerte die syrische Armee auf einen Nato-Jet? Die Webseite DebkaFile spekuliert, dass es sich um einen Vergeltungsschlag handelte, weil die Türkei einen syrischen Piloten angeblich bei der nach Jordanien unterstütze.

Angst vor einem weiteren Deserteur

Es gibt noch etliche andere Szenarien, die Medien und Militärexperten derzeit weltweit zeichnen. Und alle haben eines gemein: Sie benennen entweder die Türkei oder Syrien als Aggressor mit böser Absicht. Doch so muss es überhaupt nicht gewesen sein. Davon zeigt sich zumindest der türkische Minister für EU-Angelegenheiten, Egemen Bagis, überzeugt. Er rief seine Landsleute vor diesem Hintergrund zur Ruhe und Geduld auf. "Es ist wichtig, daran zu denken, dass nicht alles schwarz oder weiß ist", sagte er. Wie ein solches "graues" Szenario aussehen könnte, beschreibt Bagis indes nicht.

Doch es gibt eine Variante, die gar nicht so unwahrscheinlich erscheint, vor allem, da ein gezielter Angriff Syriens auf ein Nato-Mitglied in der ohnehin aufgeheizen Lage für Assad schon fast einem politischen Selbstmord gleich kommt. Der Außenpolitik-Experte Hasan Köni verwies im türkischen Fernsehen darauf, dass sich der Zwischenfall acht Seemeilen von der syrischen Küstenstadt Latakia entfernt zutrug - unweit des russischen Marinestützpunkt Tartus. Vielleicht, so König, sei die F-4 auf dem Weg nach Tartus gewesen. Eine These, die die Behauptung von Präsident Gül stützen würde, dass der Jet schlicht unbeabsichtigt von seinem Kurs abkam. Und vielleicht wussten die Syrer überhaupt nicht, dass es sich um eine türkische Maschine handelt, bevor sie den Abzug betätigten. Das behauptet nebenbei auch Damaskus. Vielleicht dachten die Männer an den Luftabwehrgeschützen schlicht, dass ihnen eine weitere MIG-21 abhanden kommt.

Quelle: ntv.de, ieh/AFP/rts

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