Politik

Parteibuch als Karrierehilfe "Warum soll ich mich anstrengen?"

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Am Montag hingen Wolken über Athen. Mittlerweile lacht der Himmel wieder.

(Foto: AP)

In griechischen Behörden ist die richtige Parteimitgliedschaft bei Beförderungen überaus hilfreich. Ob sich das unter der neuen Regierung ändert? Er hoffe es, sagt ein Syriza wählender Beamter.

Sollte Dimitris deutsche Boulevardmedien lesen, dürfte er schlechte Laune bekommen. Denn dort ist jemand wie er aus zweierlei Gründen Ziel gepflegter Vorurteile: Er wählt nicht nur seit Jahren Syriza, er ist auch noch Beamter. Und das in Griechenland.

Der 42-Jährige hat einen Doktor in Politikwissenschaften und arbeitet im Ausbildungsministerium in Athen. "Die Krise betrifft jeden Aspekt des Lebens", sagt er im Gespräch mit n-tv.de. Die Löhne und Renten seien kräftig gesunken, und diese finanzielle Einschränkung wirke sich überall aus. Auch er verdient weniger als vor der Krise. "Eine mittlere Vergütung in der Verwaltung lag früher bei etwa 19.000 Euro netto im Jahr. Jetzt sind es 12.000 Euro."

Er komme klar, sagt Dimitris. Seine Frau habe auch einen Job. Einfach sei es jedoch nicht, denn das zweite Kind sei unterwegs. Andere habe es viel härter getroffen. "Immer wieder fallen Kinder in der Schule vor Hunger in Ohnmacht", erzählt er. Das seien Zustände, die ihn an den Zweiten Weltkrieg erinnerten.

Für Dimitris verkörpert Syriza die Hoffnung auf einen Wandel. "Ich hoffe, dass unsere Regierung in den Verhandlungen mit den Gläubigern hart bleibt." Denn die Sparmaßnahmen hätten die Bevölkerung viel zu hart getroffen. "Wenn das fortgesetzt wird, ist es wie ein langsamer Tod." Viele Menschen könnten sich keine Medikamente leisten. Denn wer arbeitslos werde, verliere seine Krankenversicherung. Die Regierung sei allerdings dabei, das zu ändern.

"Ein öffentlicher Sektor, der durchhängt"

Dimitris hofft, dass die Regierung von Ministerpräsident Alexis Tsipras auch die Bürokratie reformiert. Ihn ärgert es, dass unter der konservativen Nea Dimokratia und der sozialdemokratische Pasok in den Behörden häufig die richtige Parteizugehörigkeit für die Postenvergabe entscheidend war. Stattdessen solle immer Leistung und Qualifikation zählen, so Dimitris. Die Verwaltung müsse effizienter werden.

Doch das braucht Zeit, meint der Politikwissenschaftler. Die Spitze sei nun zwar ausgetauscht worden. Doch viele Staatsdiener, die auf dem Ticket von Pasok und Nea Dimokratia unterwegs sind, würden von Syriza angestoßene Reformen nach Kräften blockieren.

Harry Theoharis ist da weniger optimistisch. Leider baue sich Syriza nun einen eigenen Partei-Staat auf, sagt der Politiker, der anderthalb Jahre der oberste Steuereintreiber Griechenlands war. Im Juni vergangenen Jahres trat er von dem erst 2012 auf der Druck der Gläubiger geschaffenen Amt zurück. Heute ist er Fraktionssprecher der Mitte-Partei "To Potami".

"Es beginnt damit, dass sie eigene Leute an die Spitze der Verwaltung setzen", erklärt Theoharis n-tv.de (hier ein ausführliches Interview mit ihm). "Das können durchaus gute, nicht korrupte Leute sein. Doch sie müssen zugleich die Überzeugungen von Syriza teilen." Und das sei das falsche Signal. Denn das bedeute: Es reicht nicht, gut zu sein. Ohne die richtige Parteimitgliedschaft schafft man es nicht nach ganz oben. Schritt für Schritt gelte das für alle Ebenen der Bürokratie, sagt Theoharis. Also treten einige einer bestimmten Partei bei in der Hoffnung, bei der nächsten Beförderung an der Reihe zu sein.

"Das wirkliche Problem ist nicht, dass jemand einen Posten bekommt, weil er seit zehn Jahren in der Partei ist", so Theoharis. "Das wirkliche Problem ist: Es gibt gute Leute, die nicht bereit sind, aus Karrieregründen in irgendeine Partei einzutreten. Die sagen sich: Wenn ich selbst mit guter Leistung nicht vorankomme, warum soll ich mich dann anstrengen? Das Ergebnis ist ein ineffizienter öffentlicher Sektor, der durchhängt."

Quelle: ntv.de