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Bedrohung durch den Iran Wenn der Nachbar heimlich Tunnel gräbt

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77 Meter tief grub die vom Iran unterstützte Hisbollah den Tunnel vom Libanon nach Israel.

(Foto: picture alliance/dpa)

Der Iran schränkt sich nicht mehr beim Ausbau seines Atomprogramms ein. Doch das ist nicht die einzige Gefahr. Die Grenze zwischen Libanon und Israel wird zum Zentrum eines Konflikts im Nahen Osten, den die Beteiligten nur noch mit Mühe kontrollieren können.

Stichtag 6. September. Für diesen Tag hat Präsident Ruhani angekündigt, dass die Iraner ihre Atomtechnologie wieder uneingeschränkt ausbauen. Keine Begrenzung der Uranmenge mehr, kein Limit bei der Anreicherung, kein Fokus ausschließlich auf zivile Nutzung. Uneingeschränkt. Bedrohlich. Doch es wäre ein Fehler, sich nur von Irans Atomprogramm bedroht zu fühlen. Das lehrt eine Fahrt an die israelisch-libanesische Grenze.

In der Hügellandschaft dort sprießen wenige Bäume aus dem harten Fels. Ein Zaun zieht sich jenseits der Straße entlang, dahinter liegt das Grenzgebiet. Der israelische Soldat führt zu einem Felsen, etwas ab vom Weg. Mitten im Stein prangt eine Öffnung, er steigt vor ins Innere. "Diesen Tunnel haben wir vor ein paar Monaten entdeckt", sagt der junge Mann und wendet sich zur Treppe, die steil hinab in die Tiefe führt. Vorbei an den steinigen Wänden, über dem Kopf lauter Abdrücke des Bohrers, der sich in das hellbraune Massiv gefräst hat, um diesen Weg zu ebnen. Er geht 77 Meter tief unter die Erde, spiralförmig, anschließend nordwärts, 50 Meter, unter der Grenze hindurch in den Libanon.

Draußen hört man keinen Laut

Diejenigen, die den Tunnel gegraben haben, kamen von dort, aus Ramyeh, einem kleinen Dorf hinter dem Grenzzaun. In einem der Häuser dort haben sie in den Fußboden gebohrt und als sie die erforderliche Tiefe hatten, weiter Richtung Israel. Der Fels ist so hart, der Tunnel so tief – draußen hörte man nicht einen Laut davon. "Unser Geheimdienst weiß sehr viel darüber, was die Hisbollah im Libanon macht", sagt der Soldat, dessen Name nicht erwähnt werden soll. "Darum war uns klar, dass sie dabei waren, mehrere Tunnel zu graben. Wir wussten aber nicht, wo." Aus der Luft war da nichts zu erkennen, sagt die israelische Armee. Die Kämpfer der Hisbollah, der libanesischen Terrormiliz, seien zivil gekleidet, bewegten sich unauffällig, sie arbeiteten in kleinen Gruppen. "Ihr Ziel war nicht, dass sie schnell sind", sagt der Soldat, "Ihr Ziel war, unentdeckt zu bleiben. Diesen Tunnel im Geheimen zu graben, das hat sie Jahre gekostet."

Mit Bohrern in den Fels getriebene Tunnel, die eine Grenze unterqueren, und moderne Forschungsstätten, in denen Wissenschaftler Uran anreichern – zwei Wege, sich militärisch zu rüsten, die scheinbar nichts miteinander zu tun haben. Für den Politologen Gil Murciano gehören sie trotzdem zusammen: "Der Atomdeal von 2015, der Irans Nuklearprogramm stark eingeschränkt hat, bezog sich nie auf konventionelle Waffen, nie auf seine Unterstützung für Terror-Milizen und auf Teherans Strategien hier in der Region. Fakt ist, dass der Iran seine Machtposition im Nahen Osten seitdem enorm ausgebaut hat." sagt Murciano, der für die Stiftung Wissenschaft und Politik forscht.

Der Iran macht die Hisbollah-Kämpfer immer stärker

Irans Machtausbau spielte aus seiner Sicht der Hisbollah in die Hände. Denn seit das bürgerkriegsgeschüttelte Syrien als Player in der Region immer schwächer wird, hat der Iran sich auf andere Partner besonnen, hat die Hisbollah-Kämpfer immer stärker gemacht. Die Miliz ist inzwischen für das Assad-Regime in Syrien überlebenswichtige Rückendeckung, und sie wird im Libanon immer mehr zu einer entscheidenden Macht, ganz im Sinne Irans. "Teheran suchte nach Alternativen zu Syrien, um sich militärisch zu positionieren", so Murcianos Analyse. "In Syrien wurden die Iraner von Israel beschossen, und sie stehen dort international sehr unter Druck. Darum wollen sie dort etwas Spannung rausnehmen und bewegen einen Teil ihrer militärischen Stärke in den Libanon. Hier fühlen sie sich weniger verletzlich, weil sie denken, dass Israel den Libanon nicht ohne Weiteres angreift."

Für Israel bedeutet diese Entwicklung, dass sie es an ihrer Nordgrenze nicht mehr mit zwei verschiedenen Gegnern zu tun haben, dem Libanon und Syrien. Es lauert dort aus Israels Sicht inzwischen eine Front, dominiert vom Iran. Neben insgesamt sechs Tunneln, die das israelische Militär entdeckt hat, verfolgt Teheran im Libanon auch noch das Projekt, simple Raketen, die dort lagern, mit Präzisionstechnik aufzurüsten. Damit wäre Irans Partner Hisbollah in der Lage, strategische Punkte in Israel gezielt zu beschießen. "Der Iran versucht, ein neues Gleichgewicht der Abschreckung zu schaffen, seine Partner mit neuen Fähigkeiten auszustatten, eine neue Bedrohung zu erzeugen. Für die Israelis ist das jenseits der roten Linie, das macht sie sehr nervös."

Soldaten, die Verletzte spielen

So antwortete Benjamin Netanjahu vor seinem letzten Treffen mit Angela Merkel auf die Frage, über was er denn mit der Kanzlerin sprechen wolle: "Über den Iran und über den Iran." Was nicht etwa eine Wiederholung sein sollte, sondern Israels Ministerpräsident bezog sich tatsächlich auf zwei Bedrohungen: Iran als potenzielle Nuklearmacht und Iran als Tunnel grabender Gegner in der Nachbarschaft.

Wie sehr die Nerven blank liegen, und wie sehr Israel und der Libanon einen möglichen Krieg doch vermeiden wollen, wurde in den vergangenen zwei Wochen deutlich: Südlich der libanesischen Hauptstadt Beirut waren zwei Sprengstoff-Drohnen niedergegangen. Der Libanon machte Israel verantwortlich und holte zum Vergeltungsschlag auf einen Militärposten aus. Doch die israelischen Soldaten, die vermeintlich blutend und vor laufender Kamera ins Krankenhaus transportiert wurden, waren gar nicht verletzt. "Israel wollte damit die Nerven der Hisbollah beruhigen, ihr den Beweis für einen Erfolg verschaffen, den sie ihren Leuten präsentieren konnten", erklärt Gil Murciano. Hinterher teilte das israelische Militär mit, alle seien wohlauf. Doch keine Verletzten. Die Hisbollah reagierte, für sie sei die Sache beendet.

Riskantes Theater in aufgeheizter Stimmung, in der die Gefahr eines Krieges inzwischen allgegenwärtig erscheint. "Keiner will den Krieg", sagt Murciano. "Aber wie jeder weiß, entsteht Krieg im Nahen Osten selten aufgrund einer durchdachten Entscheidung. Er bricht aus, weil sich jemand verkalkuliert hat. Und diese Gefahr wächst stetig."

Quelle: n-tv.de

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