Politik

Lockerungs-Talk bei Anne Will "Wer Angst hat, soll zu Hause bleiben"

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Will diskutierte mit ihren Gästen darüber, ob die Lockerungen zu früh kamen.

(Foto: NDR/Wolfgang Borrs)

Deutschland atmet auf, die Lockerungen nach dem Lockdown bringen den Menschen ein Stück Normalität zurück. Doch kommt die Öffnung womöglich zu früh? Darüber diskutiert Anne Will mit ihren Gästen. Und die Pandemie-Expertin hat die klarste Meinung dazu.

Überall in Deutschland sitzen die Menschen wieder in den Parks, sie dürfen wieder einkaufen gehen - nicht nur in Supermärkten, ja sogar manche Restaurants haben schon wieder geöffnet. Deutschland macht sich locker. Corona ist erstmal überstanden - das denken manche wirklich. Und so könnten die umfangreichen Öffnungen auch missverstanden werden, die Bund und Länder unter der Woche beschlossen haben. Aber dennoch, die neue Normalität mit Maske ist da, und man könnte sich fast freuen, wären da nicht diese nagenden Zweifel: Kommen die Lockerungen zu früh? Darum ging es auch am Sonntagabend bei Anne Will.

Mit FDP-Urgestein Wolfgang Kubicki und Malu Dreyer, Ministerpräsidentin in Rheinland-Pfalz, waren nur zwei Politiker geladen. Der debattierfreudige Mann aus Schleswig-Holstein fand seinen Gegenpol zunächst aber nicht in der SPD-Vertreterin, sondern in der aus Hannover zugeschalteten Wissenschaftlerin Viola Priesemann. Die Physikerin forscht am dortigen Max-Planck-Institut zu Ausbreitungsprozessen, etwa von Krankheiten. Und sie hatte die klarste Meinung zur Sendungsfrage: Sie hätte den Lockdown gern noch beibehalten.

"Es wäre toll, wenn wir den Ausbruch unter Kontrolle bringen könnten", sagte sie. "Wir sind fast fertig." Noch gebe es aber einige Brandherde, und die müssten erst gelöscht werden, forderte die Wissenschaftlerin. Wenn man den Shutdown bis Mitte Mai beibehalten hätte, wären 300 Neuinfektionen pro Tag für ganz Deutschland möglich gewesen, meinte sie. "Ein Kinderspiel" wäre es dann gewesen, die Infektionsketten nachzuverfolgen. Erst dann könne man wieder mehr Freiheiten gewähren. Zum Vergleich: Aktuell werden täglich rund 1000 Fälle gemeldet. Und die Ansteckungsrate steigt wieder.

Alle fordern mehr Tests

Kubicki hingegen blieb, von Will darauf angesprochen, bei seiner vormals geäußerten Einschätzung, dass wir "über den Berg" seien. Das mochte gegenüber den mahnenden Worten der Wissenschaftlerin etwas sorglos wirken, der gelernte Jurist hatte aber auch gewichtige Argumente: "Wir haben seit Wochen massive Grundrechtseinschränkungen", sagte er. Und da sei es nun die Frage, ob die noch gerechtfertigt seien. "Wenn Sie in Rosenheim einen Ausbruch in einem Altenheim haben, können Sie nicht in Husum die Schulen schließen", sagte er, ein Beispiel, das er seit Tagen anführt.

Es heiße dann immer, es könnten auch Fälle eingeschleppt werden, sagte er. Doch wenn es nur so sein könnte, reiche das für solche massiven Einschränkungen nicht aus. Er setze vielmehr auf die Eigenverantwortung der Menschen, darauf sei schließlich unsere Gesellschaft aufgebaut. "Ich erlebe am Timmendorfer Strand im Wesentlichen, dass die Leute den Abstand einhalten", sagte er. Darum gehe es doch, dass der Abstand eingehalten werde. Und wenn das gewährleistet sei, könne man niemandem verbieten, ein Gewerbe wieder aufzunehmen, sein Restaurant aufzumachen. "Wer Angst hat, soll zu Hause bleiben."

In diesem Zusammenhang griff der Bundestagsvizepräsident dann aber doch eine Forderung der Physikerin Priesemann auf: die nach mehr Tests. Dass man erst jetzt darüber rede, massiv in Altenheimen zu testen, sei acht Wochen zu spät, schimpfte er. Jetzt müssten möglichst viele Alte getestet werden, von denen man schon seit langem wisse, dass sie am meisten gefährdet seien. Da konnte sein SPD-Gegenüber dann aber doch noch überzeugt widersprechen. Wenn man einfach möglichst viele teste, nur um mal zu gucken, finde man fast keine Fälle, sagte Dreyer. Daher teste man in Rheinland-Pfalz weiter gezielt, nachdem irgendwo eine Infektion aufgetreten ist. Dann aber auch richtig, "dann testen wir das Umfeld, die Belegschaft", so die stellvertretende SPD-Chefin.

Gesundheitsämter fordern mehr Personal

Auch beim Thema Fußball war Kubicki derjenige, der die geltende Regelung, also die Wiederaufnahme der Bundesliga, verteidigte. Er glaube, dass es zur Beruhigung weiter Teile der Bevölkerung beitrage. Als leidenschaftlicher Fan könne auch er die Konserven von der letzten WM nicht mehr sehen. Hier stellte sich der frühere Vorsitzende des Deutschen Ethikrates, Peter Dabrock, dagegen. Dass die Spieler nun regelmäßig getestet würden, sei eine Vorzugsbehandlung, so der Theologe. Er forderte, dass sämtliche Tests, 100 Prozent, für Risikogruppen, etwa in Altenheimen, zur Verfügung gestellt werden. Mit Dreyer war er sich einig, dass der Zugang zu solchen Tests nicht vom Geldbeutel abhängen dürfe. Kubicki wiederum stimmte er zu, dass zur neuen Normalität auch eine Tracing-App gehöre.

Immerhin versicherte die Vertreterin der Gesundheitsämter, Ute Teichert, dass diese bestens qualifiziert seien, Infektionsketten nachzuverfolgen. Alles gut also? Nicht ganz: Sie forderte vehement mehr Personal ein, die Ämter seien in den vergangenen Jahren kaputt gespart worden. Ihre dramatische Schilderung ließ schon Zweifel aufkommen, ob die Ämter trotz Verstärkungen vom Robert-Koch-Institut wirklich in der Lage sind, jede Infektionskette zurückzuverfolgen. Es kommt, das wurde in der Sendung deutlich, weiter auf jeden Einzelnen an. Und genau das, das Verhalten jedes Einzelnen, wird darüber entscheiden, ob der Lockerungskurs ein Erfolg wird - oder in eine zweite Infektionswelle mündet.

Quelle: ntv.de

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