Politik

Schicksalswahl in Italien Wer steckt hinter Giorgia Melonis "moderater Maske"?

imago0169855728h.jpg

Während der zwei Wahlkampfmonate versuchte Meloni, ihr Temperament zu zügeln.

(Foto: IMAGO/Italy Photo Press)

Während des Wahlkampfs versuchte die Chefin der postfaschistischen Fratelli d’Italia sich als ernsthafte, konservative Politikerin zu stilisieren - vor allem für das Ausland. Doch am Ende fiel Giorgia Meloni die Maske mehrmals runter.

An diesem Sonntag wählen die Italiener ein neues Parlament. Nicht nur in Italien, in der Europäischen Union insgesamt ist von einer Schicksalswahl die Rede. Denn erstmals in der Geschichte der Italienischen Republik könnte eine Partei die Regierung anführen, die ihre Wurzeln im Faschismus hat: Beste Chancen, neue Ministerpräsidentin zu werden, hat Giorgia Meloni, die Vorsitzende der rechtsradikalen Fratelli d’Italia.

Nur, wer ist Meloni wirklich? Und sollte sie das Ruder der Regierung in die Hand nehmen, in welche Richtung würde sie Italien führen? Fragen, die man sich in Italien stellt, aber auch in Brüssel, Berlin, Paris und Washington.

Faschismus? Gibt es gar nicht

Während der zwei Wahlkampfmonate versuchte Meloni, ihr Temperament zu zügeln. Sie weiß, dass es Segen und Fluch zugleich ist. Die einen lieben sie und vertrauen ihr, gerade weil sie mit Leib und Seele von der Bühne aus ihre Botschaft verkündet und ins Mikro dröhnt: "Ich bin eine Frau, eine Mutter, eine Christin." Die anderen sehen darin die Bestätigung ihrer autoritären Charakterzüge. Ihr war während des Wahlkampfes anzumerken, dass sie weiß, dass sie sich auf glattem Eis bewegt, wenn sie sich als konservative, seriöse und kompetente Politikerin gibt, die mit dem Faschismus selbstverständlich gar nichts am Hut hat.

imago0169856522h.jpg

Lega-Chef Salvini, Forza-Italia-Frontmann Berlusconi und die "Brüder Italiens"-Vorsitzende Meloni treten im Dreierpack an.

(Foto: IMAGO/Italy Photo Press)

Mitte August postete sie eine Videobotschaft auf Englisch, Französisch und Spanisch, in der sie verkündete: "Die italienische Rechte hat den Faschismus, die Beraubung der Demokratie und die infamen antijüdischen Gesetze seit Jahrzehnten verurteilt. Genauso eindeutig verurteilen wir den Nationalsozialismus und den Kommunismus, der heute die einzige totalitäre Ideologie des 20. Jahrhunderts darstellt, die in manchen Staaten noch an der Macht ist." Die Botschaft war klar: Den Faschismus gibt es gar nicht mehr, weltweit nicht und schon gar nicht in Italien.

Bei jeder Gelegenheit wies sie auf ihre Rolle als Präsidentin der EU-skeptischen Parteienfamilie "Europäische Konservative und Reformer" hin, versicherte, nicht gegen die EU zu sein, sondern nur dafür eintreten zu wollen, dass Brüssel sich nur für Themen einsetzt, die die ganze Union betreffen, und alles andere den Mitgliedsstaaten überlässt. Ihre Partei habe der Waffenlieferung an die Ukraine zugestimmt und stehe 100 Prozent hinter dem Nordatlantischen Bündnis.

*Datenschutz

Maske mit Jeans und T-Shirt

Auch bei Podiumsdiskussionen, TV-Interviews und Online-Debatten versuchte sie, als vertrauenswürdige Politikerin aufzutreten. Für ihre Auftritte pflegt sie einen lässigen Stil: Jeans und T-Shirts, lange Kleider und Röcke. Nicht auszuschließen, dass dahinter auch eine Strategie steckt: Je schlichter ihr Aussehen, umso mehr Gehör verschafft sie sich. Ganz anders macht es ihr Bündnispartner Matteo Salvini, Chef der ebenfalls radikal rechten Partei Lega. Salvini lässt keine Gelegenheit aus, sich zu verkleiden. Er tritt in einem Polohemd der Polizei auf oder hängt sich eine Metzgerschürze. Aber Salvini ist auch ein Mann - und hat es bisher nur zum stellvertretenden Ministerpräsidenten geschafft. Bei Auftritten mit anderen Politikern bevorzugt sie ein strenges, manchmal fast schon altbackenes Outfit.

Doch das Label "postfaschistisch" ist zu stark, der Argwohn der internationalen Medien gegen sie ist weiterhin hoch. Die "Financial Times" etwa schrieb: "Die Italiener und Brüssel müssen hoffen, dass ihre vergleichsweise moderate Maske nicht runterrutscht."

"Schluss mit lustig"

Das ist allerdings schon im Wahlkampf passiert: Im Endspurt kam wieder die alte Giorgia zum Vorschein, die 2006 sagte, sie habe "ein entspanntes Verhältnis zum Faschismus". Es mag die Müdigkeit gewesen sein, der Druck der italienischen und ausländischen Medien, dieses ständige Aufpassen. Tatsache ist, dass sie sich von den selbst auferlegten Zügeln befreite und ihre Ankündigungen zunehmend aggressiver wurden. "Schluss mit lustig", ließ sie die EU wissen. Die Linke habe Italien in Europa nie verteidigt, sondern zum Anhängsel von Berlin und Paris gemacht. "Wir wollen aber ein gleichwertiges Mitglied sein. Die Interessen Italiens verteidigen", verkündete sie mit bebenden Schlagadern ins Mikrofon. "Wisst ihr, warum Berlin gegen den Preisdeckel beim Gas ist?", fragte sie ihre Anhänger in Mailand. "Weil es für das Gas aus Russland weniger bezahlt."

Der scheidende Premier Mario Draghi hatte in seiner letzten Pressekonferenz die Parteien gewarnt, sich die richtigen Partner in Europa auszusuchen. Meloni, vom Wahlerfolg der rechtspopulistischen Schwedendemokraten beflügelt, ermutigte ihrerseits die spanischen Rechtsextremen der Partei Vox: "Ich hoffe, dass unser Sieg auch in Spanien den Weg für das Mitte-Rechts-Lager ebnet." Und was Ungarn betrifft, dem das EU-Parlament vor einer Woche den Demokratiestatus abgesprochen hatte, stellte sich Meloni hinter die Abgeordneten ihrer Partei, die gegen den Beschluss gestimmt hatten. Brüssel nutze "die Rechtsstaatsfrage als ideologische Waffe, um diejenigen zu treffen, die nicht auf Linie sind", verkündete sie.

Der britische "Economist" zeigt auf seiner aktuellen Ausgabe ein Foto von Meloni, dazu die Frage: "Sollte Europa sich Sorgen machen?" Draghi hat die Antwort bereits gegeben: "Wir haben eine gewisse Vorstellung von Europa, wir verteidigen den Rechtsstaat. Wir stehen an der Seite von Deutschland und Frankreich. Was die nächste Regierung macht, weiß ich nicht."

Quelle: ntv.de

ntv.de Dienste
Software
Social Networks
Newsletter
Ich möchte gerne Nachrichten und redaktionelle Artikel von der n-tv Nachrichtenfernsehen GmbH per E-Mail erhalten.
Nicht mehr anzeigen