Politik

Sowjetische Panzer rollten nicht Wie Gorbatschow die alten Knacker fallen ließ

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Keinen guten Draht zueinander: Michail Gorbatschow und Erich Honecker.

(Foto: picture alliance / dpa)

Politischer Umbruch in den Staaten des sowjetischen Machtbereichs vor 25 Jahren: Die Völker stürzen ihre Diktatoren. Kremlchef Gorbatschow lässt seine Truppen in den Kasernen. Er hat dafür wichtige Gründe.

Die Reise nach Moskau bringt nichts: Rumäniens Staats- und Kommunistenchef Nicolae Ceausescu tritt unverrichteter Dinge die Heimreise nach Bukarest an. Kremlchef Michail Gorbatschow lehnt im November 1989 die Forderung des "Conducators" ab, gewaltsam gegen die Reformbewegungen in Mittel- und Osteuropa vorzugehen. Es soll zwischen dem Russen und dem Rumänen zu einem heftigen Wortwechsel gekommen sein.

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Nicolae Ceausescu blitzt bei Gorbatschow ab.

(Foto: AP)

Am 4. Dezember - einen Tag nach dem Gipfel mit US-Präsident George Bush in Malta - bittet Gorbatschow die Staats- und Regierungschefs der Warschauer-Pakt-Staaten nach Moskau. Für die DDR sind Egon Krenz und Hans Modrow zugegen. Krenz steht kurz vor seinem Rücktritt als DDR-Staats- und SED-Chef. Modrow, der seit fast einem Monat Ministerpräsident ist, leitet die DDR-Delegation. Einige neue Gesichter sind auf der Tagung zu sehen. Erich Honecker sowie die Machthaber der CSSR und Bulgariens, Milos Jakes und Todor Schiwkow, sind bereits abgesetzt. Erneut kommt es zu einer verbalen Auseinandersetzung zwischen Gorbatschow und Ceausescu. Wieder macht Gorbatschow klar, dass die jeweiligen Staatsführungen für die Ereignisse in ihren Ländern selbst verantwortlich seien. Drei Wochen später ist der rumänische Diktator nach einem blutigen Umsturz tot. Die anderen Tagungsteilnehmer sind kurze Zeit später nicht mehr im Amt.

Totgerüstete Supermacht

Es sind vor allem innenpolitische Probleme, die Gorbatschow zwingen, sich 1988 von der Breschnew-Doktrin, mit der die Sowjetunion sich das Recht zum militärischen Eingreifen gab, wenn in einem ihrer Satellitenstaaten der Sozialismus bedroht würde, zu verabschieden. Die kommunistische Supermacht hat den ökonomischen Wettbewerb mit den USA verloren, das Wettrüsten hat die sowjetische Wirtschaft an den Rand des Abgrunds geführt. Zudem droht dem Vielvölkerstaat der Zerfall - im Baltikum und in der Kaukasusregion brodelt es. Die von der KPdSU-Führung eingeleiteten Wirtschaftsreformen greifen größtenteils nicht, die Versorgung der Bevölkerung mit Nahrungsmitteln und anderen Gütern des täglichen Bedarfs verschlechtert sich Ende der 1980er Jahre rapide.

Außenpolitisch hatte der sowjetische KP-Chef nach seinem Machtantritt im März 1985 einen Kurswechsel vollzogen und die Verständigung mit dem ökonomisch stärkeren Westen gesucht. Für ihn waren die Hauptgesprächspartner nicht mehr in Ost-Berlin, Prag oder Bukarest, sondern in Washington, Bonn und London. Die Sowjetunion benötigte dringend Devisen und wollte beziehungsweise konnte nicht mehr Milliarden für die Rüstung verbrennen. Neben der Vereinbarung von Abrüstungsschritten mit den Vereinigten Staaten ging es auch um bessere Wirtschaftsbeziehungen mit dem Westen.

Dabei sind reformunwillige Verbündete nur ein Klotz am sowjetischen Bein. Hinsichtlich des dramatischen Wendejahres 1989 zitiert das österreichische Nachrichtenmagazin "Profil" aus einer Arbeit eines Historikerteams, das unter anderem bislang unzugängliche Protokolle der KPdSU, Tagebücher von Gorbatschow-Mitarbeitern und Geheimberichte von sowjetischen Botschaftern einsehen konnte. Demnach hat Gorbatschow bereits am 10. März 1988 im KPdSU-Politbüro Klartext gesprochen. Er lobte die Öffnung Polens und Ungarns zum Westen hin und beklagte, dass das wirtschaftlich marode Kuba der UdSSR jährlich rund 27 Milliarden Rubel kosten würde - Geld, das sein Land dringend benötige.

"Gute Leute" in Ungarn

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Miklos Nemeth und Helmut Kohl bei einem Treffen im Dezember 1989 in Budapest.

(Foto: ASSOCIATED PRESS)

Den Historikern zufolge hat der KPdSU-Chef seine Berater Anfang  1989 beauftragt, herauszufinden, mit welchen Beistandsverträgen die Sowjetunion an die anderen Staaten der Warschauer Paktes gebunden sei.  Demnach hat sich Moskau nur gegenüber der DDR und der CSSR im Fall innenpolitischer Unruhen zur Hilfe verpflichtet. Die Berater fanden heraus, dass sich dieser vage gefasste Passus leicht umgehen ließe. Spätestens zu diesem Zeitpunkt war klar, dass sich die Ereignisse von 1953 (DDR), 1956 (Ungarn) und 1968 (CSSR) nicht wiederholen würden.

So ist es nicht verwunderlich, dass Gorbatschow den ungarischen Ministerpräsidenten Miklos Nemeth im Frühjahr 1989 gewähren lässt, als er die Öffnung der Grenze nach Österreich ankündigt. Den Protest der DDR-Führung nimmt der Russe lediglich zur Kenntnis. Der ehemalige Bundeskanzler Helmut Kohl äußerte einmal, dass er Gorbatschow nach einer Unterredung mit dem ungarischen Außenminister Gyula Horn angerufen habe; der Kremlchef habe dabei die Ungarn als "gute Leute" bezeichnet.

"Profil" zufolge fertigt Gorbatschow auch den polnischen Kommunistenchef Mieczyslaw Rakowski ab, der sich über die "Typen aus der Opposition" beschwert. Gorbatschow verlangt eine Reform der Polnischen Vereinigten Arbeiterpartei (PVAP) und sagt zu seinem Warschauer Kollegen: "Mit den alten Knackern - ich entschuldige mich für dieses Wort - werdet ihr es aber nicht schaffen. Ihr müsst eine neue Partei errichten."  

Honecker bleibt uneinsichtig

Als Tausende DDR-Bürger 1989 über Ungarn und die Tschechoslowakei ihrem Land den Rücken kehren, verweigert Gorbatschow den Machthabern in Ost-Berlin jegliche Unterstützung. Im Gegenteil: Bundesaußenminister Hans-Dietrich Genscher bittet seinen sowjetischen Kollegen Eduard Schewardnadse, bei der Ausreise der Flüchtlinge aus der Prager Botschaft zu helfen. Kurze Zeit später lenkt die DDR-Führung ein.

Während der Feierlichkeiten zum 40. Jahrestag der DDR redet Gorbatschow in Ost-Berlin der SED-Führung ins Gewissen - Honecker und Genossen stellen sich stur und werden wenige Tage später aus dem Amt gefegt. "Die einen liefen bei uns mit der Zeit, die anderen blieben zurück. Und den, der zurückbleibt, bestraft die Geschichte", sagt Gorbatschow am 7. Oktober 1989 vor Fernsehkameras. Daraus entsteht der legendäre Satz: "Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben." Während der friedlichen Revolution in der DDR bleiben die sowjetischen Panzer in den Kasernen. Der deutschen Wiedervereinigung fast ein Jahr später stellt sich Gorbatschow nicht in den Weg.  

Aber auch ihn überholen die Ereignisse. Ziel von Gorbatschows Politik gegenüber den Verbündeten ist mitnichten der Machtverlust der Kommunisten, sondern die Reform und Erneuerung des kommunistischen Systems. Dieses erweist sich allerdings als nicht reformierbar beziehungsweise wird von den Menschen abgelehnt. Diese Erfahrung macht Gorbatschow wenig später im eigenen Land. So wird auch er Ende 1991 auf das Altenteil geschickt.

Quelle: n-tv.de

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