Österreich-Newsletter

"Freie Fahrt für Deutsche" Kurz setzt auf die grüne Hoffnung

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Servus und herzlich willkommen zur neuen Ausgabe von "Jetzt ist schon wieder was passiert", dem Österreich-Newsletter bei n-tv.de!

Venedig versinkt im Wasser, der Westen Österreichs im Schnee: So sieht es aus, wenn in der kalten Jahreszeit ein Italientief so heftig zuschlägt wie "Detlef" dieser Tage. In Teilen von Tirol, Salzburg und Kärnten wurde Katastrophenalarm ausgerufen, am Mittwoch waren rund 10.000 Haushalte zeitweise ohne Strom, allein in Tirol blieben 17 Schulen geschlossen, es herrscht Lawinengefahr. Auf den ersten richtigen Schneefall der Saison folgt eine kurze Verschnaufpause, für das Wochenende ist Nachschub angesagt. Die Skigebiete wird es freuen.

Wer sich ab dem 15. Dezember von Deutschland aus Richtung Österreichs Pisten aufmacht, wird ein kleines Wunder erleben: Einige grenznahe Autobahnabschnitte sind plötzlich mautfrei. Mit dieser überraschenden Maßnahme beschäftigt sich die aktuelle Ausgabe unseres Newsletters, außerdem schauen wir auf die Koalitionsverhandlungen zwischen Sebastian Kurz' ÖVP und den Grünen, die heute offiziell beginnen - in gedämpfter Stimmung.

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Piefke: Deutscher (nicht gerade nett gemeint)

In der zehnten Ausgabe dieses Newsletters wird es Zeit für DEN Klassiker im deutsch-österreichischen Verhältnis, den "Piefke". Das Wort ist viel mehr als nur eine Beschimpfung, es transportiert die Charakterisierung gleich mit: der Deutsche als präpotenter, unausstehlicher Wichtigtuer.

In diesem Sinne wurde der Begriff auch erstmals benutzt, 1841 in der - deutschen - Komödie "Antigone in Berlin", in der ein spießiger Kleinbürger namens Piefke vorkommt. Die Österreicher haben diese Bezeichnung später übernommen und auf preußische Soldaten angewandt. So kam auch der falsche Geburtsmythos in die Welt: Angeblich sollen beim Triumphmarsch der Preußen 1866 die Wiener beim Anblick des Militärkapellmeisters Johann Gottfried Piefke (der Komponist von "Preußens Gloria") und seines Bruders gerufen haben: "Die Piefkes kommen!" Nette Geschichte, aber eben nur eine Geschichte.

Über 100 Jahre später verkneifen sich zwar selbst die Boulevard-Zeitungen den "Piefke", die anti-deutschen Reflexe funktionieren aber auch ohne. Beispiel gefällig? Am Mittwoch hat der Nationalrat überraschend die Vignettenpflicht für einige grenznahe Autobahnabschnitte ausgesetzt: die A1 (Walserberg), die A7 (Urfahr), die A12 (Kufstein), die A14 (Hohenems) und die Linzer Stadtautobahn A26.

Eine finanzielle Belastung für die Autobahngesellschaft (rund 70 Millionen Euro werden fehlen), aber eine Entlastung der Anrainergemeinden, die unter den "Mautflüchtlingen" leiden - Lkw und Pkw, die sich die Vignette sparen wollen und die kleineren Straßen verstopfen. Das ist unter allen Parteien unstrittig, die FPÖ motzte dennoch: Der Beschluss sei ein "Kniefall vor Touristen", die nun oft keine Maut mehr zahlen müssen, um in Österreich einzureisen. Der Sozialdemokrat Alois Stöger engte den Kreis der Bevorteilten weiter ein: "Das bedeutet eigentlich nur freie Fahrt für Deutsche auf österreichischen Autobahnen." Natürlich vergaß Stöger dabei wohlweislich all die Lkw und all die Touristen aus anderen Ländern, aber es bringt eben nichts die Volksseele so in Schwingung wie ein Seitenhieb auf die Nachbarn im Norden. Egal, ob man "Piefke" sagt - oder es nur meint.

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Es bewahrheitet sich immer wieder: Die Rache der Journalisten an den Politikern ist das Archiv. Von dort zauberte das Wiener Magazin "das biber" ein Foto von Grünen-Chef Werner Kogler hervor. Im Sommer gefragt, wie hoch die Chance auf eine Koalition zwischen seiner Partei und Sebastian Kurz' ÖVP sei, formte Kogler damals mit den Fingern eine Null.

Er wird das mittlerweile anders sehen, sonst könnte er sich die Koalitionsverhandlungen mit der ÖVP sparen, die heute im Wiener Winterpalais beginnen. Wobei auffällt, dass sowohl die Grünen als auch die Konservativen die Erwartungen systematisch drosseln. "Sollten sich die Verhandlungen in eine Richtung entwickeln, die uns nicht passt, werden wir vom Tisch aufstehen", sagte Kogler am Sonntag. Und Sebastian Kurz achtete peinlichst darauf, in wirklich jedem Interview sein Bedauern kundzutun, dass die FPÖ nicht in Verhandlungen treten will. Die Botschaft an seine Wähler: Ihr mögt vielleicht die Grünen nicht, aber ich habe keine andere Wahl.

Die Gespräche nannte Kurz "ergebnisoffen", mit einer wichtigen Einschränkung: "Ich verhandle nicht über eine Mitte-Links-Regierung." Angekündigt hatte er nämlich im Wahlkampf eine "ordentliche Mitte-Rechts-Politik" - was mit den Grünen in die berühmte Quadratur des Kreises ausarten könnte. Das Kunststück wird Zeit brauchen, die sich beide Parteien geben wollen: Vor Weihnachten ist nicht mit einem Koalitionsvertrag zu rechnen.

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++ Nachwehen der ÖVP/FPÖ-Koalition: Korruptionsjäger ermitteln wegen der Bestellung von FPÖler Peter Sidlo zum Vorstand der Casinos Austria AG. Sidlo galt als völlig ungeeignet, Anteilseigner Novomatic soll mit einem Deal zur Zustimmung zur Personalie bewogen worden sein. Beschuldigt ist unter anderem der damalige Finanzminister Hartwig Löger, bei dem unter der Woche eine Razzia stattfand. ++ Nun also doch: Die Chefetage von Osram empfiehlt ihren Aktionären, das Übernahmeangebot des steirischen Sensorherstellers AMS anzunehmen. Insgesamt rund 4,6 Milliarden Euro wird der deutsche Traditionskonzern die Österreicher kosten . ++ Tennis-Star Dominic Thiem hat trotz einer Niederlage gegen Matteo Berrettini am Donnerstag bei den ATP-Finals in London die Gruppe "Björn Borg" gewonnen. Sein Gegner im Halbfinale am Samstag steht erst heute Abend fest. ++ Bad Ischl wird 2024 Europäische Kulturhauptstadt - gemeinsam mit Tartu (Estland) und Bodo (Norwegen). Bekannt ist das 14.000-Einwohner-Städtchen vor allem als Kurort der kaiserlichen Familie: Sisi und Franz Josef verlobten sich 1853 in Bad Ischl. ++ A gmahde Wiesn wartet auf Österreichs Fußballer am Samstag im Ernst-Happel-Stadion: Gegen Nordmazedonien reicht schon ein Punkt für das Ticket zur EM 2020. ++

Apropos Fußball: Die neuen Teamdressen sorgten nicht nur in Deutschland (Stichwort: Hecktor) und Russland  für Stirnrunzeln, sondern auch in Österreich. Die Kicker um Marko Arnautovic treten künftig auswärts in, Achtung, Schwarz-Türkis an. Ob es ein Zufall ist, dass Schwarz für die "alte" und Türkis für die "neue" ÖVP steht - und ÖFB-Chef Leo Windtner ein ÖVPler ist?

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Servus und Baba, bis nächsten Freitag

Ihr Christian Bartlau

Quelle: n-tv.de

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