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"Luder"-Krise in Tirol gelöst Wien steckt der Lufthansa Geld zu

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Servus und herzlich willkommen zur neuen Ausgabe von "Jetzt ist schon wieder was passiert", dem Österreich-Newsletter bei ntv.de!

Es war nicht alles schlecht unter Corona, zum Beispiel auf den Straßen - von Wien aus quasi freie Fahrt bis ans Mittelmeer. Theoretisch. Blöd halt, dass die Grenzen dicht waren. Nun geht's endlich wieder Richtung Adria, aber nicht voran: Am Karawankentunnel stauten sich am Donnerstag stundenlang Autos mit österreichischen und deutschen Kennzeichen. Die alte Normalität, auf den Straßen scheint sie wiederhergestellt.

In der Luft herrscht noch Ruhe, erst nächste Woche nimmt die Austrian Airlines ihren Betrieb wieder auf - umso mehr Turbulenzen erzeugt die AUA am Boden. Um die umstrittene Rettung der Lufthansa-Tochter geht es in der aktuellen Ausgabe von "Jetzt ist schon wieder was passiert". Außerdem: In Tirol wird mal wieder alles richtig gemacht.

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Fenstertag / Zwickeltag: Brückentag 

Katholisches Land = viele Feiertage. Diese Faustregel lässt sich wegen der gründlichen Habsburgischen Gegenreformation praktischerweise auf ganz Österreich anwenden, während sich halb Deutschland am Donnerstag fragte, was es da in den südlichen Bundesländern mitten im Juni schon wieder zu feiern gibt.

Ein kleiner Service für religiös unmusikalische Menschen: Katholiken feiern an Fronleichnam die Gegenwart von Jesus Christus in Form des Brotes und des Weins, oft mit Prozessionen, die in diesem Jahr ausfallen müssen. Weil der Feiertag stets auf den zweiten Donnerstag nach Pfingsten fällt, eignet er sich perfekt für ein verlängertes Wochenende inklusive Zwickeltag, Reisewelle programmiert.

Die Regierung von Sebastian Kurz hat sich alle Mühe gegeben, die Ausreiselust der Österreicher zu bremsen, offiziell fallen die Reisebeschränkungen für die Lieblingsziele in Italien und Kroatien erst am 16. Juni, aber, siehe Stau am Karawankentunnel: Mitunter schlägt das Fernweh die Corona-Regeln.

Wer nach Dubrovnik lieber das Flugzeug nimmt, kann ab Montag mit Austrian Airlines reisen, zumindest auf der Kurz- und Mittelstrecke innerhalb Europas nimmt die AUA den Betrieb wieder auf. Zwischenzeitlich schien die Lufthansa-Tochter ein Fall für den Insolvenzverwalter, Kanzler Kurz versteckte die rettende Hand noch hinter dem Rücken: "Was es nicht geben wird, ist eine Finanzspritze für die Lufthansa, einen deutschen Konzern, ohne einen Vorteil für die Republik Österreich." Das war im April.

Am Dienstag dann der Durchbruch: Die AUA erhält 600 Millionen Euro - 300 Millionen Kredit plus 150 Millionen Liquiditätshilfe vom Staat, 150 Millionen von der Lufthansa. Also doch eine Finanzspritze. Aber wo ist der Vorteil für die Republik Österreich?

Auf eine Beteiligung analog zum Deal der GroKo mit der Lufthansa verzichtet Türkis-Grün. "Für uns war nicht die Priorität, ein paar Prozent eines deutschen Unternehmens zu besitzen", sagte Kurz. Er gibt sich mit der Standortgarantie für den Flughafen Wien zufrieden, außerdem muss die AUA aus ökologischen Gründen einige Kurzstrecken stilllegen und die CO2-Emissionen um ein Drittel senken. Der neue Mindestpreis von 40 Euro pro Ticket gilt für alle Airlines. Kein großer Wurf, kritisieren Umweltorganisationen.

Für Zoff sorgen aber vor allem die 150 Millionen Euro Direkthilfe. Ein "Riesengeschenk des Steuerzahlers ohne Gegenleistung" nennt es der Politologe Ulrich Brand von der Uni Wien. Ex-Verkehrsminister Norbert Hofer (FPÖ) spricht von einer "Verhandlungspanne", sein Amtsvorgänger Jörg Leichtfried (SPÖ) sieht eine Lose-Lose-Situation: "Wenn es schlecht ausgeht, geht es schlecht aus. Wenn es gut läuft, dann profitieren die Aktionäre, die Republik nicht."

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"Das ist eine Erfolgsgeschichte, die ich mir nicht schlechtreden lasse." Landeshauptmann Günther Platter über Tirols Covid-19-Strategie

Das letzte Wort zur Ischgl-Saga ist gesprochen, vom Landeshauptmann persönlich: eine "Erfolgsgeschichte" habe Tirol hingelegt in der Corona-Bekämpfung, sagte Platter Sonntag im ORF in einem Auftritt, ähnlich verblüffend wie der seines Gesundheitslandesrats Bernhard Tilg. Der hatte Mitte März über Ischgl immer wieder nur einen Satz gesagt: "Die Behörden haben alles richtig gemacht."

Was stimmt: Momentan verzeichnet Tirol nur noch acht aktive Fälle. Klar, das Land stand unter strengerer Quarantäne als Rest-Österreich und weltweit in den Schlagzeilen, Stichwort "Virenschleuder" - aber wer wird denn gleich alles schlechtreden?

Apropos schlecht reden: Platters Stellvertreter Josef Geisler beflegelte vergangenes Wochenende eine Umweltaktivistin als "widerwärtiges Luder", weil sie die Frechheit besaß, sich nicht von ihm unterbrechen zu lassen. Alles halb so wild, teilte sein Büro der "Süddeutschen Zeitung" mit: Als "Luada" bezeichneten die Tiroler eine "schlitzohrige, hartnäckige Person, die einen austrickst". Bleibt nur noch die Frage, was "widerwärtig" auf Tirolerisch bedeutet.

Ungefähr genauso glaubwürdig wie Geislers "Luada"-Übersetzung: Grünen-Chefin Ingrid Felipe, die direkt neben ihrem Koalitionspartner stand, den Spruch aber nicht gehört haben will. Mit Verspätung erinnerten sich die Grünen an ihre feministischen Werte und forderten "sichtbare Konsequenzen". Auftritt Platter: Laut "Tiroler Tageszeitung" drohte er den grünen "Koalitionsgefährdern" mit Neuwahlen - er lasse sich von niemandem aus der Regierung "herausschießen". Immerhin: Geisler entschuldigte sich persönlich bei der Aktivistin.

Das klärende Koalitionstreffen am Mittwoch dauerte sieben Stunden, Ergebnis: Das Verhalten von Geisler wird einhellig als "inakzeptabel" verurteilt, sein Amt darf er trotzdem behalten, Neuwahlen sind vom Tisch. Mal wieder alles richtig gemacht, Tirol.

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++ Stand Freitag 9 Uhr verzeichnet Österreich 16.965 bestätigte Coronavirus-Fälle. Bislang sind 675 Menschen an oder mit Covid-19 gestorben. Aktuell verzeichnen die Gesundheitsbehörden noch 404 aktive Infektionen. ++ "Hochgefahren" wird auch wieder das diplomatische Parkett - am 22. Juni wollen die USA und Russland in Wien über atomare Abrüstung sprechen. Am Ende der Verhandlungen soll ein Nachfolger für den "New Start"-Vertrag zur Begrenzung strategischer Atomwaffen stehen, der am 5. Februar 2021 abläuft. ++ Gute Nachricht für Österreich-Urlauber: Im Badegewässer-Bericht der EU landen Neusiedler See, Wörthersee und Co. auf dem zweiten Rang - hinter Zypern, aber noch vor Deutschland (Platz sechs). Von 261 untersuchten Badestellen verdienten sich 260 das Prädikat "ausgezeichnet" oder "gut". ++ Das Ibiza-Video, direkt vom Erzeuger: Drahtzieher Julian H. hat dem Untersuchungsausschuss das gesamte Material angeboten. Die Parlamentarier haben die Uncut-Version noch immer nicht gesehen, obwohl die Soko "Tape" die Aufnahmen schon Ende April bei einem Mitwisser von H. beschlagnahmt hat. Der Ausschuss berät am Montag über das Angebot von H., der sich in Deutschland aufhält. ++

Der Ibiza-Ausschuss befördert quasi täglich neue Skandale ans Tageslicht - und eine Menge Beifang, die der Boulevard in riesigen Lettern auf das Titelblatt hievt. Mir fällt es ungeheuer schwer, diese Geschichten angemessen zu ignorieren, ich überlasse die Entscheidung also Ihnen: Wenn Sie wissen wollen, wofür Ex-FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache so die Parteikasse strapaziert hat, googeln Sie "Strache Apotheke Zum goldenen Reichsapfel". Aber sagen Sie nicht, ich hätte Sie nicht gewarnt.

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Servus und Baba, bis nächsten Freitag

Ihr Christian Bartlau

Quelle: ntv.de