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Freitag, 09. Februar 2018

Presseschau zu Schulz-Debakel: "Anfang vom Ende des Modells Deutschland"

Nach dem fulminanten Showdown im Machtkampf der SPD sind sich die deutschsprachigen Kommentatoren einig: Der Abgang des einst gefeierten Martin Schulz könnte nicht nur sein eigenes Ende bedeuten. Daran dürfte auch reichlich Mitleid nichts ändern.

"Der Mann kann einem leid tun. Einerseits", schreibt der Schwarzwälder Bote. "Vor einem Jahr noch Lichtgestalt der Sozialdemokratie, reicht die Partei Martin Schulz jetzt gnadenlos durch. ... Andererseits hat Schulz sich das Schlamassel selbst eingebrockt. Er hat das Wort gebrochen, den Kurs gewechselt, die Machtprobe mit Sigmar Gabriel verpatzt. ... Deshalb ist das Fiasko des Martin Schulz ein Lehrbeispiel dafür, dass in der Demokratie Dreistigkeit bestraft werden kann. Und war es das nun mit den GroKo-Turbulenzen? Oder springt das Virus der Selbstzerfleischung am Ende auf die CDU über? Nicht, dass es keinen Anlass zur Verärgerung gäbe. Doch man ist gewarnt. Dank Martin Schulz!"

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"Die SPD ist eine Partei vieler Tugenden", merkt Der Tagesspiegel an. "Solidarität, Gerechtigkeit, Friedenserhaltung, Minderheitenschutz. Diese Bindung an Werte ist die größte Stärke der Partei. Das alles hatte die SPD verdrängt. Gabriels Qualitäten als Außenminister mögen diskutabel sein. Aber die Art, wie mit ihm umgegangen wurde, stieß ab - ihn und alle, die sich ein Gespür für Anstand bewahrt haben. Jetzt muss die Partei zeigen, dass sie verstanden hat. Vom Präsidium müssen Signale der Geschlossenheit ausgehen, Gespräche über Inhalte müssen wieder in den Vordergrund gerückt werden. Die Union ist als Partner ohnehin geschwächt, kommt bei der SPD eigene Halt- und Orientierungslosigkeit hinzu, verstärken sich die negativen Effekte. Dem Land dienen, dann der Partei, dann sich selbst: Gegen dieses Diktum darf nicht mehr verstoßen werden."

"Die SPD führt derzeit vor, wie der Wille zur Ohnmacht den Willen zur Macht nicht nur deutlich überwiegt, sondern auch erheblich desaströser wirkt", findet der Kölner Stadt-Anzeiger. "Martin Schulz wird in der Versenkung verschwinden. Nicht einmal die Friedrich-Ebert-Stiftung wird ihm als Austraghaus noch zur Verfügung stehen."

Beinahe mitleidig zeigt sich hingegen das Badische Tagblatt, wenn es konstatiert: "Schulz hat übers Jahr viel falsch gemacht. Er hat es nicht verstanden, die Gunst des Augenblicks, des Hypes, zu nutzen. Doch man hat es ihm auch nicht gerade leichtgemacht. Seine notorisch streitlustige Partei, die SPD, nicht. Und die Medien ebenfalls nicht. In den Monaten des Wahlkampfs wurde zu oft mit zweierlei Maß gemessen. Hier der Kandidat, bei dem jeder Anlass willkommen war, um Kritik zu üben. Dort die Teflon-Kanzlerin, die trotz bräsiger Untätigkeit gegen Kritik weitgehend gefeit schien. Inzwischen hat sich das erkennbar geändert, was eine gute Nachricht ist."

"Martin Schulz hat hoch gepokert und sich vollkommen verzockt - in mehrfacher Hinsicht," urteilt Die Welt. "Die SPD ertrug das mit Selbstverleugnung und Schmerzfreiheit. Ein kollektives Führungsversagen, wie es dies selten in der SPD gegeben hat. Nicht zufällig erwies sich die Fraktion als immer einen Schritt dem Parteivorstand voraus. Die Abgeordneten kannten offenbar besser als Schulz die Stimmung in der Bevölkerung. Einst hatte Schulz über Gabriel gesagt, der reiße mit dem Hintern alles wieder ein, was er zuvor aufgebaut habe. Bei Schulz, dem erfolgreichen früheren EU-Parlamentspräsidenten, fällt einem eigentlich gar nichts ein, was er seit seiner Ausrufung zum Parteichef und Kanzlerkandidaten im Januar 2017 aufgebaut haben soll. Eingerissen hat er umso mehr."

"Es ist nicht zu fassen, wie eine Partei wie die SPD sich ohne Not selbst entmachtet," ist die Frankfurter Rundschau entsetzt. "Schließlich kann man Angela Merkel alles Mögliche vorwerfen, aber sie ist sicher keine charismatische Führerin, die der CDU Wählerstimmen ohne Ende zutreibt. Wie es hinter ihr in der CDU aussieht, lässt vermuten, dass die CDU bald den Weg der SPD gehen wird. So wie die seit Jahrzehnten Wähler an Grüne und Linke hat abgeben müssen und weiter abgibt, so wird womöglich bald auch die CDU von der AfD abgeschöpft werden. Wir erleben womöglich den Anfang vom Ende des Modells Deutschland. Es wird kein Zurück zu den alten Verhältnissen geben. Wir werden uns neue Lösungen für die neue Zeit finden müssen."

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Quelle: n-tv.de