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Kein Prozess nach Loveparade-Unglück "Schande von Duisburg setzt sich fort"

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(Foto: picture alliance / dpa)

Für die Staatsanwaltschaft ist es eine peinliche Niederlage, für Betroffene und Hinterbliebene ein herber Schlag: Das Unglück bei der Loveparade 2010 in Duisburg soll vorerst ohne strafrechtliche Folgen bleiben. Das Landgericht Duisburg übt scharfe Kritik an einem Gutachten der Anklage. Noch ist das Urteil nicht rechtskräftig. Die Staatsanwaltschaft hat Widerspruch eingereicht. Jetzt muss sich das Oberlandesgericht mit dem Fall befassen. Sollte letztendlich kein Hauptverfahren eingeleitet werden, blieben viele quälende Fragen unbeantwortet, meint die deutsche Presse.

Die Ludwigsburger Kreiszeitung rückt die Folgen des Urteils für die Hinterbliebenen der Opfer in den Fokus: "Nach der Katastrophe stahlen sich alle Zuständigen irgendwie aus der Verantwortung. Der Veranstalter, die Behörden vor Ort, allen voran der damalige Duisburger Oberbürgermeister. Von Schuld wollte keiner reden, von gemachten Fehlern nur bedingt. Jeder hat mit dem Finger auf den anderen gezeigt. Persönliche Konsequenzen? Fehlanzeige. Bis heute. Deswegen hatten die Angehörigen ihre letzte Hoffnung in einen Prozess gesetzt. Diese Hoffnung hat sich gestern zerschlagen. Jetzt ist ein wie auch immer gearteter Abschluss mit den schlimmen Ereignissen, wenn er denn überhaupt möglich sein sollte, für sie wieder in ganz weite Ferne gerückt. Mehr noch: Die Schande von Duisburg setzt sich auch sechs Jahre nach dem Drama fort. Als Farce der Justiz."

Die Stuttgarter Zeitung hält es für unwahrscheinlich, dass im Drama um die Loveparade 2010 den Beschuldigten eine juristische Verantwortung nachgewiesen werden kann: "Es ist gerade in diesem Fall, in dem so viele unterschiedliche Stellen Fehler gemacht haben, so viele Mitarbeiter ihre Aufgaben nicht richtig erledigt haben und so viele Faktoren zusammenwirken, eher unwahrscheinlich, dass es am Ende zu einer Verurteilung kommt. Politische Verantwortung und juristische Verantwortung sind zwei sehr unterschiedliche Paar Schuhe. Um wegen fahrlässiger Tötung belangt zu werden, reicht es eben nicht, irgendwie an dem Geschehen beteiligt gewesen zu sein. Die Sorgfaltspflichtverletzung muss dem Täter direkt zuzuordnen sein."

Auch die Emder Zeitung glaubt nicht, dass der Widerspruch der Staatsanwaltschaft Erfolg haben wird: "Die Love-Parade-Katastrophe vom Sommer 2010 wird sehr wahrscheinlich nicht in einem Strafverfahren aufgearbeitet werden. Das Gericht hat keinen hinreichenden Tatverdacht erkannt, heißt es. Was bleibt, ist die bittere Erkenntnis, dass quälende Fragen wohl für immer unbeantwortet bleiben. Ein Verfahren wäre vor allem für die Angehörigen der Opfer gut gewesen: Ein Prozess, gleich mit welchem Ausgang, bedeutet auch immer Aufarbeitung. Im Fall der Duisburger Tragödie sieht die Strafkammer keine Grundlage für einen Prozess. So bitter das auch sein mag, es entspricht rechtsstaatlichen Prinzipien. Und die sind ein hohes Gut.

Bei den Nürnberger Nachrichten hingegen überwiegt der Wunsch, dass die Entscheidung des Landgerichts Duisburg vom Oberlandesgericht kassiert wird: "Es ist zu hoffen, dass die Anklage nachlegt und doch noch ein Hauptverfahren eröffnet wird. Dass der Tod von 21 jungen Menschen und die Verletzungen Hunderter weiterer bei der Loveparade lediglich zivilrechtlich mit Schadenersatz gesühnt werden sollen, ist zu wenig. Bleibt es dabei, erklärt die deutsche Justiz ihren Bankrott und verhöhnt die Opfer."

"Dummheit und Renommiersucht sind nicht justiziabel" kommentiert die Mitteldeutsche Zeitung. Dies sei der Grund, warum einige Namen in der Anklageschrift nicht auftauchten, so das Blatt weiter. Das gelte vor allem für den damaligen Duisburger Oberbürgermeister Adolf Sauerland: "Ein Jahr zuvor hatte Bochum die Loveparade abgelehnt - wegen Sicherheitsbedenken, die auch für Duisburg hätten gelten müssen."

Zusammengestellt von Aljoscha Ilg.

Quelle: n-tv.de

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