Pressestimmen

Urteil im Tuğçe-Prozess "Schuldig, verurteilt, aber nicht das Monster"

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Das Schicksal der Studentin Tuğçe bewegte ganz Deutschland. Sie starb unglücklich nach einer Ohrfeige des 18-jährigen Offenbachers Sanel M., weil sie mit dem Kopf auf eine Bordsteinkante stieß und danach ins Koma fiel. Das Medienecho auf den Vorfall war enorm: Tuğçe wurde zur Heldin erhoben, die aus Zivilcourage starb. Sanel M. wurde hingegen als Unmensch verschrien. Im Prozess wurde diese Einteilung nun brüchig: Beide, Täter und Opfer, provozierten und waren aggressiv. Sanel M. muss für drei Jahre ins Gefängnis.

Die Frankfurter Rundschau zitiert einen Satz von Tuğçes Großmutter, um sich dem Fall zu nähern: "Drei Jahre Haft sind nicht genug für ein Leben", lauten die Worte der Frau. Die Großmutter habe Recht, erkennt die Zeitung, "aber der Satz zeigt vor allem, wie falsch die Annahme ist, die Angehörigen von Gewaltopfern erhielten durch besonders harte Strafen für den Täter Genugtuung". Selbst bei einer deutlich höheren Strafe wären die Worte wohl die selben gewesen. Tatsächlich sei das Strafmaß sogar ein hartes Urteil. Sanel M. hätte nie gedacht, dass seine Ohrfeige Tuğçes Tod bedeuten würde. "An dieser Aussage ist nicht zu zweifeln", so die Zeitung.

Das Gericht sei zu dem Urteil gekommen, dass der Täter die Todesstrafe gewissermaßen in Kauf genommen hätte, als er Tuğçe niederschlug, schreibt Die Welt. "Mag sein, dass sie eine freche junge Frau mit einem frechen Mundwerk war, die sich von Kerlen nichts sagen und sich nicht den Mund verbieten ließ. Aber darauf steht keine Strafe", urteilt das Springer-Blatt. Das Urteil sei nicht zu harsch, Sanel M. bekäme eine zweite Chance. "Tuğçe Albayrak hatte sie nach seinem Schlag nicht mehr."

"Zivilcourage setzt nicht nur Gefühl, sondern auch Verstand voraus", erklärt die Stuttgarter Zeitung klar. Sich in eine gefährliche Situation zu stürzen, die man nicht durchschaut, wie Tuğçe es machte, sei "das Gegenteil von kluger Streitschlichtung". Die Zeitung hinterfragt Tuğçes Verhalten und übt indirekt Kritik an der Vorverurteilung des Täters durch die Presse. Der Angeklagte "sei wieder als Mensch erkennbar geworden: schuldig, verurteilt, aber nicht das Monster, als das viele ihn sehen wollten". Dafür seien ordentliche Gerichtsverfahren da. Das Fazit für die Stuttgarter Zeitung lautet: "Es könnte sich lohnen, sie abzuwarten, bevor man sein eigenes Urteil fällt."

Härtere Worte in diesem Zusammenhang findet die Frankfurter Allgemeine Zeitung. "Mitleid fördert auch das Denken in Schablonen. Die Kehrseite des Mitleids ist die Empörung", so das überregionale Blatt. Im Prozess sei klar geworden, dass auch Sanel während des Vorfalls beleidigt wurde. In Offenbach könne er sich nicht mehr blicken lassen, er brauche eine neue Identität. Der Makel, der an ihm haftet, wiegt zu schwer. Doch auch hier sei Mitleid fehl am Platz. "Denn es würde das Gedenken an Tuğçe Albayrak noch einmal verzerren - so wie die gutgemeinten Aussagen ihrer Freundinnen [...]; so wie die Heldinnenverehrung, die bis zur Vorverurteilung des Täters reichte; so wie das billige Beileid, das niemandem hilft, nicht einmal den Hinterbliebenen."

Vieles sei noch offen in dem Fall Tuğçe, urteilt die Bild-Zeitung. "Gewiss ist nur eines: Eine junge Frau ist tot, weil ein junger Mann zugeschlagen hat. Drei Jahre Haft!" Das Urteil sei sorgsam gewählt und nach deutschen Maßstäben relativ hart. In seiner Härte sei es dennoch angemessen und gerecht. Diese Härte sei ein wichtiges Signal für die Gesellschaft, so das Boulevard-Blatt. "Jeder Halbstarke wird sich künftig zweimal überlegen, ob er einem Menschen ins Gesicht schlägt." Das Urteil mache Tuğçe zwar nicht wieder lebendig, aber "unser Land (hoffentlich) etwas sicherer", erklärt die Bild.

Auch die Badischen Neuesten Nachrichten aus Karlsruhe stellen fest: "Ganz gleich was die angekündigte Revision der Verteidigung ergibt, die Zeit lässt sich nicht mehr zurückdrehen." Weder für das Opfer Tuğçe, noch für den Täter Sanel. Innerhalb weniger Sekunden, wären hier Leben verändert und genommen worden. Der Schaden ist irreparabel. "Auch nach der Zeit im Gefängnis wird sich Sanel M. weiter mit seiner Tat auseinandersetzen müssen. Ein Leben lang."

Zusammengestellt von Katja Belousova

Quelle: ntv.de

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