Ratgeber

Preise könnten deutlich steigen Kommt jetzt die Inflation?

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Mit einer möglicherweise wieder höheren Inflation würden auch die Zinsen wieder steigen.

(Foto: imago images/MiS)

Der Nachfrage-Schock durch die Corona-Pandemie sorgt erst einmal für tendenziell sinkende Preise. Doch mittel- bis langfristig ist wieder eine höhere Teuerungsrate denkbar. Denn es gibt gleichzeitig einen Angebots-Schock. Außerdem fluten Staaten und Notenbanken die Wirtschaft mit Geld.

Nach der weltweiten Wirtschafts- und Finanzkrise vor gut zehn Jahren schossen die Inflationserwartungen nach oben. Es erschienen Bücher mit Titeln wie "Die Inflation kommt" oder "Gelduntergang". Grund für die Befürchtungen war, dass die Notenbanken weltweit ihre Druckpressen anschmissen und die Geldhähne aufdrehten.

Doch passiert ist das Gegenteil. Jahrelang gab es bei den Verbraucherpreisen deflatorische Tendenzen. Denn fast das ganze Notenbankgeld floss in den Finanzsektor und nicht in die Realwirtschaft, also vereinfacht gesagt, nicht in die Automobilindustrie oder die Supermärkte.

Tatsächlich gab es aber Inflation, eben nur nicht bei den Verbraucherpreisen, sondern bei den Vermögenspreisen. So ist der Deutsche Aktienindex Dax in den zurückliegenden zehn Jahren um rund 75 Prozent gestiegen. Gold ist in diesem Zeitraum zumindest knapp die Hälfte teurer geworden. Der Mechanismus "mehr Geld und damit mehr Nachfrage trifft auf ein stagnierendes Angebot - in diesem Fall von Aktien und Gold" - hat also lehrbuchartig funktioniert, bloß halt nicht an der Kasse im Supermarkt, sondern an den Finanzmärkten.

Gravierende Unterschiede zu 2008

In zwei wesentlichen Punkten unterscheidet sich die Lage heute von der nach der Finanzkrise. Erstens zielt das Gros der derzeitigen Hilfsprogramme nicht auf die Rettung des Finanzsektors, sondern auf die der realen Wirtschaft. Das Geld fließt also nicht überwiegend in die Banken, sondern in die produzierenden Unternehmen und den Dienstleistungssektor.

Und zweitens gibt es neben dem Nachfrage-Schock dieses Mal gleichzeitig einen Angebots-Schock. Beispiel Lufthansa: Die Fluglinie will rund 100 ihrer insgesamt rund 760 Flieger dauerhaft stilllegen. Allein dadurch sinkt das Angebot rechnerisch um 13 Prozent. Dazu kommt, dass, solange wie die Menschen nicht gegen Covid-19 immun sind - sei es aufgrund eines Impfstoffs oder einer Durchseuchung - wird die Abfertigung an den Flughäfen länger als früher dauern. Vollgestopfte Busse vom Terminal zum Flieger sind vorerst undenkbar. Dadurch bleiben die Maschinen länger am Boden, was zusätzlich zulasten der angebotenen Flüge geht. Und vielleicht werden die Kabinen auch nicht mehr so eng bestuhlt wie in der Vor-Corona-Zeit.

Die Lufthansa ist nur ein Beispiel. Ein anderes ist der Tourismus, eine wesentlich größere Branche als die Airlines. Das Geschäft mit dem Urlaub ist in Europa immerhin für rund zehn Prozent des Bruttoinlandsprodukts verantwortlich. Auch wenn die Grenzen jetzt schrittweise öffnen und Hotels wieder aufmachen dürfen, ein Angebotsniveau wie früher wird es zumindest in diesem Jahr nicht geben.

Vor allem im Massentourismus ist mit schwerwiegenden Einschränkungen zu rechnen. Kurzfristig könnten zwar Lockangebote die Preise drücken, auf mittlere Sicht ist jedoch mit einem geringeren Angebot und einer wieder steigenden Nachfrage zu rechnen. Erste Hotels sind schon jetzt ausgebucht. Was das für die Preise bedeutet, liegt auf der Hand.

Öl könnte deutlich teurer werden

Einen noch stärkeren Einfluss auf die Verbraucherpreise hat das Öl. Im Warenkorb, der der Inflationsberechnung des Statistischen Bundesamts zugrunde liegt, macht der Verkehr rund 13 Prozent aus. Dazu kommt noch das Heizen in Wohnungen und Häusern. Eine Verteuerung des Ölpreises würde also voll auf die Inflation durchschlagen.

Undenkbar ist das nicht. Denn derzeit findet eine kräftige Reduzierung des Angebots statt. Die OPEC-Staaten haben ihre Förderung seit Anfang Mai um zehn Prozent zurückgefahren - so hatten sie es zumindest angekündigt. Vielleicht noch entscheidender ist derzeit die Krise der amerikanischen Fracking-Industrie. Die Produzenten, die in den USA durch die umstrittene Methode Öl und Gas aus Schiefergestein fördern, kollabieren beim derzeitigen Ölpreis. Die Zahl der Bohrtürme ist nach Informationen von Baker Hughes, einem großen Ölservice-Konzern, auf Sicht eines Jahres von 988 auf 374 gesunken. Allein in der ersten Maiwoche sind 34 sogenannte Rigs stillgelegt worden. Das sind immerhin acht Prozent in nur sieben Tagen.

Die Verknappung des Angebots in vielen Bereichen dürfte länger andauern. Denn zahlreiche Fluglinien, Reisebüros, Hotels und Gaststätten oder Ölförderer werden die Krise nicht überleben und dauerhaft aus dem Markt ausscheiden.

Staaten und Verbraucher machen Geld locker

Auf der anderen Seite sind jetzt, nachdem die Wirtschaft wieder hochfährt, umfangreiche staatliche Konjunkturprogramme zu erwarten. Gleichzeitig sitzen viele Verbraucher auf größeren Geldbeträgen, die sie während der Corona-Krise nicht ausgegeben haben. Im Konsum dürfte es zu Nachholeffekten kommen. Eine wieder wachsende Ausgabenfreude trifft somit auf ein reduziertes Angebot.

Schließlich werden mit der möglicherweise wieder höheren Inflation auch die Zinsen wieder steigen. Dazu kommt die hohe Neuverschuldung des Staates, der in den kommenden Monaten große Mengen an Bundesanleihen platzieren muss. Das zusätzliche Angebot könnte auf die Kurse drücken, was umgekehrt höhere Rendite bedeuten würde. Das würde gleichzeitig höhere Zinsen für Hypotheken-Darlehen bedeuten, da diese indirekt an die Renditen der Bundesanleihen gekoppelt sind.

Menschen mit Hypotheken-Darlehen sollten vor diesem Hintergrund über sogenannte Forward-Darlehen nachdenken. Und Anleger sollten vor allem auf Sachwerte setzen, also Unternehmensbeteiligungen in Form von Aktien und Gold.

Quelle: ntv.de