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Tenhagens Tipps Sparkassen-Kunden können Zinsen nachfordern

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Sparkassen und Banken haben ihren Kunden in der Vergangenheit gerne Sparverträge mit variablen Zinsen angeboten.

(Foto: dpa)

An die Vertragstreue von Kreditinstituten zu glauben, ist dieser Tage nicht die beste Idee. Denn diese kündigen für sie belastende Sparverträge en masse. Ob Sie das dürfen, ist strittig. Ungeachtet dessen haben wohl viele Sparkassen zuvor die Zinsen falsch berechnet. Finanztip-Chef Tenhagen weiß, was zu tun ist.

An die Vertragstreue von Kreditinstituten zu glauben, ist dieser Tage wohl nicht die beste Idee. Denn Bausparkassen und Banken kündigen für sie belastende Sparverträge en masse. Ob Sie das dürfen ist strittig. Und jetzt kommt noch dazu, dass wohl  viele Sparkassen zuvor die Sparzinsen ihrer Kunden falsch berechnet haben. Finanztip-Chef Tenhagen weiß, was zu tun ist.

n-tv.de: Die Verbraucherzentrale Sachsen beschuldigt diverse Sparkassen, die Zinsen für Sparverträge und Prämiensparverträge falsch berechnet zu haben. Was ist da los?

Hermann-Josef Tenhagen: Eigentlich handelt es sich um eine Auseinandersetzung, die seit 20 Jahren tobt. Sparkassen und Banken haben ihren Kunden in der Vergangenheit gerne Sparverträge mit variablen Zinsen angeboten. Das besagt, dass die Zinsen dieser Verträge steigen, wenn der Marktzins steigt, und sinken, wenn der Marktzins fällt. Allerdings haben die Geldinstitute die Anpassung zu Anfang eher nach Gutsherrenart vorgenommen. In der Praxis sah das dann oft so aus, dass, wenn der Marktzins gestiegen ist, die Erhöhung erst mit deutlicher Verzögerung nachvollzogen wurde. Im Gegensatz dazu wurden aber Zinssenkungen sofort an die Kunden weitergegeben.

Hermann-Josef Tenhagen ist Chefredakteur der unabhängigen Verbraucher-Webseite Finanztip.

Hermann-Josef Tenhagen ist Chefredakteur der unabhängigen Verbraucher-Webseite Finanztip.

Dem hat der Bundesgerichtshof (BGH) 2004 einen Riegel vorgeschoben. Seitdem müssen die Kreditinstitute einen Referenzzins angeben, an dem sie sich bei der Verzinsung orientieren müssen. Und zwar so, dass der Kunde Veränderungen bei den Zinsen nachvollziehen kann. Durch weitere BGH-Entscheidungen wurde der Umgang mit dem Referenzzins weiter konkretisiert. Tenor: Demnach muss er regelmäßig monatlich angepasst werden, fair sein und dem Vertrag entsprechen. Zudem müssen die Zinsen des Vertrages relativ zum Referenzzins angepasst werden. Will sagen: Wenn sich der Zins von meinem Referenzzinssatz von 4 auf 2 Prozent halbiert und die Bank gesagt hat, sie zahlt 3 Prozent, dann darf sie diese 3 Prozent eben nicht um 2, sondern nur um 1,5 Prozent senken. Auf diese Art und Weise kann der Zins meines Vertrages nicht so leicht unter 0 fallen.

Was in der Niedrigzinsphase der letzten Jahre ja eine gute Sache für Kunden ist …

Genau, deswegen haben ja auch Sparkassen und Banken versucht, sich solch teurer Verträge durch Kündigungen zu entledigen. Was nun zur Folge hat, dass sich so mancher geschasste Kunde seinen Sparvertrag doch noch mal genauer angeschaut und von der Verbraucherzentrale hat nachrechnen lassen. Die ist dann zu dem Ergebnis gekommen, dass die oben beschriebene Zinsanpassung eben auch nach den BGH-Urteilen nicht immer korrekt von den Geldhäusern vorgenommen wurde und Kunden oftmals ein Anrecht auf Zinsnachzahlungen haben.

Um welche Produkte handelt es sich genau?

Es geht vor allem um Sparkassenprodukte. Die Sparkassen haben gerne solche Prämiensparverträge mit ihren Kunden abgeschlossen. Oft gab es sogar noch einen Bonus oben drauf. Deshalb sind viele Kunden auch gerne langjährig dabeigeblieben. Selbst wenn die Zinsen nahe 0 waren und sind, ergab dies zum Teil auch noch durch einen vereinbarten steigenden Bonus eine ordentliche Rendite für Sparer.

Sind nur gekündigte Verträge betroffen?

Nein, es sind auch noch laufende Verträge betroffen. Für die kann aber auch gegebenenfalls eine Zinsgutschrift verlangt werden. Bei bereits gekündigten Verträgen kann eine Zinsnachzahlung gefordert werden. Dies kann noch 3 Jahre nach dem Ende des Jahres der Kündigung erfolgen. Wurde der Kontrakt beispielsweise 2016 gekündigt, hat der Kunde noch bis Ende 2019 einen Anspruch auf Nachzahlung.

Um wie viele Verträge geht es denn?

Genau ist das nicht bekannt. Aber es sind etliche Tausend, vielleicht Zehntausende Verträge. Es ist auch nicht nur Sachsen betroffen und auch nicht nur die Sparkassen. Im Herbst 2018 hat die Verbraucherzentrale Baden-Württemberg einige Banken deshalb zum Teil erfolgreich abgemahnt.

Um wie viel Geld beziehungsweise Zinsen geht es?

Bei einer Sparsumme von 30.000 Euro kann es schon um eine Nachzahlung von zusätzlich 1000 Euro Zinsen gehen. Dazu könnten Kunden natürlich auch noch Verzugszinsen berechnen, welche ja immer noch mal höher sind. Dies hat die Verbraucherzentrale Sachsen bisher noch gar nicht berücksichtigt.

Was können Kunden jetzt tun?

Zunächst kann man die Banken und Sparkassen selbst bitten, den Vertrag auf Zinsgenauigkeit nachzurechnen beziehungsweise prüfen zu lassen, ob der Referenzzins tatsächlich Anwendung gefunden hat. Die Sparkassen-Bank-Berechnungen kann man dann noch mal von den Verbraucherzentralen gegenrechnen lassen und bei Abweichungen beider Ergebnisse die Differenz einfordern.

Man kann aber auch einfach so mit dem, was das Geldinstitut einem vorgerechnet hat, zur Schlichtungsstelle der Sparkassen gehen und um Überprüfung bitten. Das kostet nichts und kann durchaus erfolgversprechend sein. Aber es ist natürlich immer besser, wenn man gleich schon eine Berechnung von Dritten zur Hand hat. Wenn dann immer noch kein befriedigendes Ergebnis erzielt wird, bleibt natürlich noch der Klageweg. Da kann es dann lohnen zu schauen, ob nicht schon die Verbraucherzentralen diesen Weg beschritten haben oder aber dies in näherer Zukunft zu tun gedenken. Für bereits gekündigte Verträge gelten dann die oben genannten Fristen.

Mit Hermann-Josef Tenhagen sprach Axel Witte

Quelle: n-tv.de

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