Ratgeber

Religion in Schule und Beruf Wo der Glaube Grenzen hat

In Deutschland gilt Religionsfreiheit. Aber wie weit geht die? Können Schüler aus religiösen Gründen dem Unterricht fernbleiben? Dürfen Arbeitnehmer bestimmte Tätigkeiten verweigern? Und wo gilt eigentlich ein Kopftuchverbot?

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Ein Kopftuchverbot an Schulen gibt es nur für Lehrer.

(Foto: picture alliance / dpa)

Muss eine muslimische Schülerin mit ihren männlichen Mitschülern in den Schwimmunterricht gehen? Muss ein Schüler, dessen Eltern den Zeugen Jehovas angehören, mit seinen Klassenkameraden einen Film anschauen, in dem schwarze Magie vorkommt? Ja, hat heute das Bundesverwaltungsgericht entschieden. Das Mädchen könne einen Burkini tragen. Und im Fall der Filmvorführung könnten die Eltern keine religiöse Tabuisierung verlangen, schließlich sei es Aufgabe der Schule, die nachwachsende Generation mit dem geistig-kulturellen Erbe der Gemeinschaft vertraut zu machen.

Konflikte um die Religionsfreiheit gibt es nicht nur an Schulen, sondern auch im Beruf. Oft geht es dabei um die äußeren Zeichen der Religionsbekundung – vor allem das Kopftuch-,  manchmal um Gewissenskonflikte, wie sie heute vor Gericht verhandelt werden.

Wie ist die Lage an den Schulen?

Die Verfassung garantiert in Deutschland die Freiheit des Glaubens. Christen dürfen sich Kreuzanhänger um den Hals hängen, Juden dürfen Kippa tragen und Musliminnen Kopftuch. Das gilt in der Regel im Beruf und auch in der Schule. Deren Besuch ist verpflichtend und durch ein Kopftuchverbot würden Kinder bzw. deren Eltern womöglich in schwere Gewissenskonflikte gebracht. Zwar versuchen einige Schulen, das Tragen von Kopfbedeckungen aller Art über die Schulordnung zu verbieten, vor Gericht lässt sich das aber nicht durchsetzen. Ein aus religiösen Gründen getragenes Kopftuch ist schließlich kein modisches Accessoire wie eine Baseballkappe oder eine Wollmütze.

Auch am Sportunterricht können Mädchen in aller Regel mit Kopftuch teilnehmen. Wenn dadurch Verletzungsgefahr besteht, müssen sie bestimmte Übungen nicht mitmachen. Nur im Ausnahmefall können Kinder aus religiösen Gründen von den Sportstunden freigestellt werden.

Dürfen Lehrerinnen Kopftuch tragen?

Anders als bei Schülern verhält es sich bei den Lehrern, die Angestellte des Staates sind und sich nach dem geltenden Beamtenrecht richten müssen. Acht Bundesländer haben Lehrkräften das Kopftuchtragen untersagt, darunter Bayern und Baden-Württemberg, Nordrhein-Westfalen und Berlin. Während in Bayern aber weiterhin Kreuze zur Grundausstattung von Klassenzimmern gehören, sind in Berlin jegliche religiöse Symbole im öffentlichen Dienst verboten. Auch in öffentlichen Kitas dürfen die Erzieherinnen in der Hauptstadt keine Kopftücher tragen, wie übrigens auch in Baden-Württemberg.

Was darf der Arbeitgeber verbieten?

Nicht nur im Staatsdienst kann einem die Religion bei der Berufsausübung in die Quere kommen. Zwar darf ein Arbeitgeber einen Bewerber in aller Regel nicht aus Gründen des Glaubens ablehnen - zumindest wenn dieser bei der Ausübung der Arbeit nicht hinderlich ist. In der Praxis dürfte es allerdings schwer werden, nachzuweisen, dass einen die Firma nur deshalb nicht genommen hat, weil man bei den Zeugen Jehovas ist oder ein Kopftuch trägt. Eine Berliner Zahnarzthelferin, bekam vom Arbeitsgericht im vergangenen Jahr Schadensersatz zugesprochen, weil sie den Job nur dann bekommen sollte, wenn sie ihr Kopftuch abnehmen würde.

Auch wenn sich eine Mitarbeiterin erst im Laufe der Zeit für das Kopftuch entscheidet, kann sie deshalb nicht gekündigt werden. So entschied das Bundesarbeitsgericht im Fall einer Verkäuferin, deren Arbeitgeber negative Kundenreaktionen fürchtete. Der bloße Verdacht, das Kopftuch könne Kunden vergraulen, reiche nicht aus, fanden die Richter. Nur wenn der betriebliche Ablauf gestört wird oder tatsächlicher Schaden droht, wäre ein Kopftuchverbot am Arbeitsplatz denkbar.

Was, wenn der Glaube der Arbeit in die Quere kommt?   

Schwierig wird es immer dann, wenn Arbeitnehmer durch ihre Aufgaben in Gewissenskonflikte geraten. Die Religionsfreiheit gilt zwar auch am Arbeitsplatz und außerdem haben Arbeitgeber eine Fürsorgepflicht für ihre Mitarbeiter. Im Zweifel überwiegen dann aber oft die firmeneigenen Interessen.

Das Landesarbeitsgericht München etwa bestätigte die Entlassung einer Frau, die Firmenführungen organisierte. Als Angehörige der Zeugen Jehovas weigerte sie sich, bei Führungen anlässlich von Kindergeburtstagen zu gratulieren, weil sie Geburtstagsfeiern aus religiösen Gründen nicht unterstützen könne. Die Interessen des Arbeitgebers seien stärker zu werten als der Gewissenkonflikt der Angestellten, fand das Bundesarbeitsgericht. Das Bundesarbeitsgericht entschied im Jahr 2011, dass es einem gläubigen Moslem durchaus zuzumuten sei, als Ladenhilfe alkoholische Getränke in Regale zu räumen.

Solche Entscheidungen sind aufsehenerregend, aber eher selten. Oft lassen sich die Konflikte durch individuelle Regelungen lösen, etwa indem die Mitarbeiter auf andere Tätigkeitsbereiche verwiesen werden.   

Quelle: ntv.de, ino

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