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Sportarten, Athleten, Zeitplan Fit für die Paralympics

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Anna Schaffelhuber startet im Ski alpin. Die Bayerin gewann in Sotschi bei allen fünf Starts die Goldmedaille.

(Foto: imago/AFLOSPORT)

Vom 9. bis 18. März blickt die Sportwelt erneut nach Südkorea - diesmal auf die Paralympics. Welche Sportarten gibt es? Wer ist für Deutschland am Start? Und was ist eigentlich mit den Russen? Die wichtigsten Fragen und Antworten.

Wie wurden die Paralympics gegründet?

Die Geschichte der Paralympics begann vor 70 Jahren: 1948 gab es die ersten Sportspiele für Rollstuhlfahrer, die sogenannten Stoke Mandeville Games. Sie fanden in England statt. 1960 folgten dann die ersten Sommer-Paralympics in Rom, 1976 die ersten Winter-Paralympics im schwedischen Örnsköldsvik.

Wer darf mitmachen?

An paralympischen Wettbewerben dürfen nur Athleten teilnehmen, die mindestens eine der folgenden Beeinträchtigungen dauerhaft aufweisen: Beeinträchtigung der Muskelkraft, Beeinträchtigung der Sehfähigkeit, Beeinträchtigung der passiven Beweglichkeit, Amputation oder Fehlbildung von Gliedmaßen, unterschiedliche Beinlängen, Kleinwuchs, Muskelhypertonie (Spastik/Krampf und Rigor/Steifheit), Ataxie (Störungen der Bewegungskoordination), Athetose (unwillkürliche, langsame Bewegungen der Arme oder Beine).

Wie werden möglichst faire Leistungsvergleiche ermöglicht?

Die Sportler werden in unterschiedliche Kategorien eingeteilt, die international anerkannt sind. Im Ski alpin, Skilanglauf und Biathlon bestehen folgende Klassifizierungen: stehend (LW 1-9), sitzend (LW 10-12), sehbehindert (B1, B2 und B3). Um die Zahl der Entscheidungen zu reduzieren, wurde das Prozentsystem eingeführt: Die Laufzeit eines jeden Sportlers wird entsprechend seiner Behinderung mit einer Prozentzahl multipliziert, wodurch sich die Endzeit ergibt. Je stärker die Behinderung, desto langsamer läuft die Uhr. So sind die Leistungen innerhalb der drei Kategorien vergleichbar.

Welche Sportarten gibt es?

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Es finden 80 Wettwerbe in den folgenden sechs Sportarten statt:

Biathlon: Die beliebte Kombination aus Laufen und Schießen wird von sehbehinderten, stehenden und sitzenden Sportlern ausgeübt. Seit 1988 gehört Biathlon zum paralympischen Programm. Geschossen wird, anders als beim olympischen Biathlon, ausschließlich liegend. Das Gewehr bleibt am Schießstand und wird nicht mit auf die Laufstrecke genommen. Sehbehinderte Athleten laufen mit einem Begleitläufer, der ihnen in der Loipe hilft. Am Schießstand benutzen sie Lasergewehre und können sich mittels eines Kopfhörers, der über einen Ton die Nähe zur Scheibenmitte angibt, orientieren. Sehende Athleten schießen mit einem Luftgewehr auf die zehn Meter entfernten Scheiben.

Langlauf: Seit 1976 ist Skilanglauf paralympisch. Athleten starten entweder stehend oder sitzend in einem Schlitten, sehbehinderte Läufer mit einem Begleitläufer. Die kürzeste Strecke ist der Sprint über einen Kilometer. Die längste Strecke bei den Männern geht über 20 Kilometer, bei den Frauen 15 Kilometer. Außerdem gibt es zwei Staffel-Entscheidungen.

Para-Eishockey: Drei Mal 15 Minuten geht es auf dem Eis voll zur Sache. Die Spielregeln entsprechen dem regulären Eishockey. Einziger Unterschied: Alle Spieler sitzen im Schlitten und bewegen sich mit zwei kurzen Schlägern fort, an deren einem Ende Spikes und am anderen Ende die Kellen angebracht sind. Teilnehmen können alle Athleten, die aufgrund ihrer Behinderung kein Fußgänger-Eishockey spielen können.

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Para-Eishockey unterscheidet sich kaum vom Fußgänger-Eishockey.

(Foto: imago/Kyodo News)

Rollstuhl-Curling: Beim "Schach auf Eis" bilden vier Spieler ein Mixed-Curling-Team, alle sitzen im Rollstuhl. Mindestens einer der Athleten muss Tetraplegiker sein, also eine Querschnittslähmung haben, bei der sowohl Beine als auch Arme betroffen sind. Anders als beim olympischen Curling besteht ein Wischverbot. Der Stein muss also während des Abspiels exakt platziert werden. Denn das Ziel ist dasselbe wie beim Fußgänger-Curling: Die Spielsteine müssen möglichst nah am Kreis platziert werden.

Ski alpin: Abfahrt, Super-G, Super-Kombination, Riesenslalom und Slalom: soweit gleichen sich die Disziplinen. Unterschied: Gefahren wird nicht nur stehend, sondern auch sitzend oder mit einem Begleitläufer. Die erreichten Geschwindigkeiten betragen bis zu 100 Kilometer pro Stunde.

Snowboard: Snowboard ist die jüngste Sportart der Paralympics - ihre Premiere feierte sie 2014 in Sotschi. Aufgeteilt ist Snowboard in zwei Disziplinen: Snowboard Cross und Steilkurven-Slalom (Banked Slalom). Beim Boarder Cross bewältigen die Fahrer eine mit Freestyle-Elementen gespickte Rennstrecke. Beim Steilkurven-Slalom fahren die Snowboarder einen mit Steilkurven präparierten Kurs. Athletinnen und Athleten haben Einschränkungen an einem oder beiden Beinen, etwa Amputationen, Spastiken oder steife Gelenke.

Wer startet für Deutschland?

Mit 20 Athleten ist der Deutsche Behindertensportverband (DBS) nach Pyeongchang gereist, davon elf Frauen und neun Männer. Hinzu kommen vier Begleitläufer für die Sportarten Ski alpin und Ski nordisch. In den Sportarten Para-Eishockey und Snowboard sind keine deutschen Starter vertreten.

Die 46-jährige Andrea Eskau wird bei der Eröffnungsfeier die deutsche Fahne tragen und damit das "Team D" ins Olympiastadion führen. Sie nimmt bereits zum sechsten Mal an Paralympics teil, ist sechsmalige Olympiasiegerin, viermal Gold gewann sie bei den Sommerspielen mit dem Handbike. Zudem ist die Magdeburgerin im Radsport, Biathlon und Langlauf 20-malige Weltmeisterin. "Als Vorbild im Alter vorneweg gehen zu können, ist toll", sagte die Diplom-Psychologin. Der größte Druck in Pyeongchang lastet wohl auf Skirennfahrerin Anna Schaffelhuber. Die 25-Jährige vom TSV Bayerbach war 2014 in Sotschi mit fünf Goldmedaillen der große Star. Zudem haben die alpine Rennläuferin Andrea Rothfuss und die nordische Athletin Anja Wicker bei Paralympics und Weltmeisterschaften bereits mehrere Titel gewonnen.

Gibt es eine Medaillenvorgabe für die deutschen Behindertensportler?

Der DBS verzichtet darauf. In Sotschi 2014 hatte "Team D" 15 Medaillen, davon 9 Goldmedaillen gewonnen. "Wir fahren dahin, um zu gewinnen", sagt DBS-Präsident Friedhelm Julius Beucher: "Wir haben viele Weltcupsieger, Weltmeister und Olympiasieger - da ist man automatisch in der Favoritenrolle."

Welche Prämien gibt es für deutsche Medaillen?

Für Gold gibt es wie in Sotschi 2014 und Rio 2016 20.000 Euro, für Silber 15.000 und für Bronze 10.000 Euro. Die Regelung gilt analog zu den Olympischen Winterspielen. Allerdings werden bei den Paralympics die Plätze vier bis acht im Gegensatz zu Olympia nicht prämiert.

Welche Nationen sind vertreten?

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Michalina Lisowa darf trotz Doping-Gerüchten als "neutrale Athletin" starten.

(Foto: imago/ITAR-TASS)

Andorra bis Weißrussland - 49 Nationen mit insgesamt 567 Athleten sind zu Gast in Pyeongchang. Wie schon bei den Olympischen Spielen schickt auch Nordkorea ein kleines Team, insgesamt sind 24 Nordkoreaner in Südkorea - davon allerdings nur zwei Sportler, die im Ski nordisch antreten werden. Kim Jong Hyon und Ma Yu Chol werden von vier Begleitläufern, vier Mitgliedern des Nordkoreanischen Paralympischen Komitees sowie 14 Betreuern begleitet. Anders als bei den Olympischen Spielen werden Nord- und Südkorea bei der Eröffnungsfeier mit getrennten Flaggen einlaufen. Das größte Team stellen die USA, die mit 68 Athleten plus sechs Begleitläufern angereist sind.

Was ist mit den russischen Behindertensportlern?

Anders als bei den Sommer-Paralympics 2016 verzichtet das Internationale Paralympische Komitee (IPC) diesmal auf einen Komplettausschluss. Das russische Paralympische Komitee RPC bleibt zwar suspendiert, 31 besonders überprüfte Sportler dürfen als "Neutrale Paralympische Athleten" (NPA) aber an den Start gehen: zehn alpine Skiläufer, dreizehn Langläufer, drei Snowboarder und ein fünfköpfiges Rollstuhlcurling-Team. Auf den letzten Drücker rückte Langläuferin und Biathletin Michalina Lisowa ins Team. Dabei steht die sechsfache Medaillengewinnerin von Sotschi unter Manipulationsverdacht. Das sorgte beim DBS für Verwunderung: "Weil ihr Name im McLaren-Report auftaucht und vier Doping-Proben der heute 25-Jährigen Kratzer aufwiesen, steht Lisowa unter Manipulationsverdacht", schrieb der Verband.

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Dementsprechend kritisch wird die Entscheidung über eine Startberechtigung bewertet. Den Start der Russen nennt Beucher "nach dem Sündenfall von Sotschi" einen "Schlag ins Gesicht der sauberen Sportler und der manipulationsfreien Sportstrukturen". Deutlicher wird die stellvertretende Gesamt-Athletensprecherin der Behindertensportler, Manuela Schmermund: "Ich fühle ein unsägliches Gemisch von Wut, Trauer, Betroffenheit, Scham und Ohnmacht. Ja, ich schäme mich für diese Organisationen!" Deutschlands Fahnenträgerin Eskau dagegen verteidigt die Russen. "Ich kenne viele neutrale Athleten und die sind meine Freunde." Die 46-Jährige erklärt nüchtern: "Die meisten sind 20 oder mehr Jahre jünger als ich. Sie könnten meine Töchter sein, und ich kann mit ihnen mithalten. Was müssten das dann für Mittel sein, die sie nehmen?"

Eine Nennung Russlands wie bei Olympia ("Olympische Athleten aus Russland") gibt es bei den Paralympics nicht, auch keine russische Flagge oder Hymne. Die Athleten tragen neutrale Kleidung.

Wer sind die erfolgreichsten Athleten bei Paralympics?

Der deutsche Ex-Skirennfahrer Gerd Schönfelder ist eine Legende: 22 Medaillen gewann der Bayer in seiner Karriere, davon 16 in Gold, 4 in Silber und 2 in Bronze. Er war von 1992 bis 2010 bei den Paralympics immer ganz vorn mit dabei. Fast ebenso erfolgreich war Reinhild Möller. Die frühere Skirennfahrerin und Leichtathletin gewann ebenfalls 16 Mal Gold, dazu zweimal Silber und einmal Bronze. Die heute 62-jährige Hessin sorgte 2006 in Turin für eine absolute Überraschung, als sie bei ihrem Comeback in der Abfahrt Silber gewinnen konnte - da war sie schon 50. Nur eine Norwegerin ist noch erfolgreicher als Schönfelder und Möller: Ragnhild Myklebust. Die Skilangläuferin und Biathletin kann 22 Gold-, 3 Silber- und 2 Bronzemedaillen ihr Eigen nennen.

Wo kann man die Paralympics verfolgen?

Die öffentlich-rechtlichen TV-Anstalten ARD und ZDF erwarben die Rechte und planen von den Wettbewerben rund 65 Stunden Live-Berichterstattung. Dazu wird es tägliche Highlight-Sendungen geben. Insgesamt sind 135 Mitarbeiter vor Ort im Einsatz.

Vor Ort werden die Veranstaltungen gut besucht sein. Zwei Tage vor der Eröffnungsfeier waren 275.000 der 310.000 Tickets verkauft - gut 85 Prozent. Das IPC erwägt nun sogar eine Aufstockung des Kontingents, indem mehr Sitze zur Verfügung gestellt werden.

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Quelle: n-tv.de, mit dpa

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