Fußball-WM 2019

So läuft das WM-Viertelfinale Verdammter Deutschland-Spuk reizt Schweden

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Mit Marozsán? Allein der Name erzeugt bei den Schwedinnen Respekt.

(Foto: picture alliance/dpa)

Die Weißwesten des DFB haben vor der Fußball-WM die Qualifikation für die Olympischen Spiele 2020 als Ziel ausgegeben. Mit einem Viertelfinalsieg gegen Schweden wäre das erreicht. Dafür setzt die Bundestrainerin auf ihre Waffe Dzsenifer Marozsán - und die wirkt. Zumindest vorab.

Worum geht's?

Schlägt der "Sverigedödaren" wieder zu - der "Schwedentöter"? Als dieser gilt das DFB-Team bei den Skandinaviern. Seit der WM 1995 konnte ihr Team kein Pflichtspiel mehr gegen Deutschland gewinnen. Nun treffen die beiden Teams im Viertelfinale der Fußball-WM in Frankreich aufeinander (18.30 Uhr im Liveticker bei n-tv.de). Vorherrschaft schön und gut, aber es geht noch um so viel mehr: Um den Einzug ins Halbfinale. Um die mögliche Qualifikation für die Olympischen Spiele 2020 in Tokio, die gibt es nämlich dazu, wenn Deutschland es als eines von drei europäischen Teams ins Halbfinale schafft. Und einfach um die Reise nach Lyon, wie DFB-Assistenztrainer Patrik Grolimund im Interview mit n-tv.de sagte: "Wir wollen nach Lyon, wir haben dort noch nicht gespielt und damit ist der Weg klar." Lyon, das ist nicht irgendeine Stadt in Frankreich, es ist die Fußball-Hauptstadt der Frauen. Olympique Lyon ist seit 2007 durchgehend französischer Meister und gewann seit 2016 jedes Jahr auch die Champions League. Für Regisseurin Dzsenifer Marozsán und Linksverteidigerin Carolin Simon wäre es die Fahrt nach Hause, beide spielen beim Dauersieger und leben seit 2016 bzw. 2018 in der Stadt. Mit 61.556 Plätzen ist das Stadion das größte bei dieser WM, sowohl die Halbfinals als auch das Finale sind längst ausverkauft. Die Partien werden damit spielerische, aber vor allem auch emotionale Höhepunkte werden. Bevor das DFB-Team dort mitmischen kann, wartet mit dem Duell gegen Schweden ein "Klassiker", so Bundestrainerin Martina Voss-Tecklenburg. "Anscheinend gehört es zu großen Turnieren dazu, dass man gegeneinander antritt."

Wie ist die Ausgangslage?

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Im EM-Finale von 1995 gewann das DFB-Team gegen Schweden. Mit dabei: die heutige Bundestrainerin Voss-Tecklenburg (unten, Dritte von rechts).

(Foto: imago sportfotodienst)

Es wird heiß! Noch ist ungewiss, ob das Spiel dazu beiträgt. Klar ist dagegen: Die Hitzewelle, die Deutschland und Frankreich erfasst hat, erreichte am Donnerstag auch die Bretagne. In Rennes herrschen derzeit 35 Grad Celsius, die den Roazhon Park kräftig aufheizen werden. Angekündigt ist bereits, dass es zusätzliche Trinkpausen in den Halbzeiten geben soll. Als Ausrede lässt die Bundestrainerin die Temperaturen aber nicht gelten: "Wir haben das so wenig wie möglich thematisiert. Damit würde man den Spielerinnen vielleicht zu viele Alibis geben. Die Schwedinnen müssen ja auch spielen und haben dieselben Bedingungen."

28 Duelle gab es zwischen den beiden Teams bislang, 20 Mal gingen die Deutschen als Sieger vom Platz. Die Übermacht ist deutlich, zählt aber nicht, betonen sowohl die Bundestrainerin als auch ihre Spielerinnen immer wieder. Aber: "Wir hätten nichts dagegen, wenn die Serie anhält", sagte Voss-Tecklenburg. Die letzte Begegnung fand erst am 6. April im Stockholmer Vorort Solna statt, der Test endete mit einem 2:1-Sieg für die Gäste, es trafen Kathrin Hendrich und Linda Dallmann. Bei dieser WM schossen die Schwedinnen bislang acht Tore, kassierten nur drei. Die Deutschen glänzen mit weißer Weste, Torfrau Almuth Schult ließ noch keinen Ball durch, ihre Teamkolleginnen trafen dagegen schon neun Mal.

Wie ist die DFB-Elf drauf?

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Optimistisch! In sieben freien Tagen seit dem Achtelfinale gegen Nigeria (3:0) konnten die Spielerinnen sich akribisch auf die Partie vorbereiten, aber auch entspannen und Kraft tanken, ein Tag hatten sie komplett frei bekommen. Die Stimmung ist gut, Lagerkoller gibt es nicht, betonen alle. Voss-Tecklenburg glaubt fest an ihr Team, vertraut ihren Spielerinnen. "Ich bin leistungsmäßig sehr angetan von dieser Mannschaft." Und dazu gibt es durchaus Grund: Zwar spielt das DFB-Team noch nicht auf dem Niveau, das sich alle erhoffen und von dem die Trainer sagen, dass es nur abgerufen werden muss. Dennoch erarbeiten sich die Deutschen von Spiel zu Spiel Respekt. Von einer "Turniermannschaft" ist immer wieder die Rede, von einer Mannschaft, die sich in die WM hereinkämpft und steigern kann. Und ein Alleinstellungsmerkmal hat sie sich bereits erarbeitet: Deutschland ist die einzige Nation, die im Turnier noch ohne Gegentreffer dasteht. Selbst der Topfavorit und Titelverteidiger USA, der sich am Freitagabend dank eines 2:1-Sieges gegen den Gastgeber Frankreich den Einzug ins Halbfinale bereits sicherte, musste schon einen Gegentreffer hinnehmen.

Die 51-jährige Bundestrainerin lobte die Lernbereitschaft, die Bereitschaft, an Grenzen zu gehen, die Kampfbereitschaft, aber auch die kritische Reflexion ihrer Spielerinnen. Dennoch sei klar: "Wir erwarten ein enges, spannendes Spiel." Es werde gegen Schweden darauf ankommen, wer weniger Fehler macht, wer den größeren Willen auf den Platz bringen kann und selbstverständlich brauche ihr Team auch Spielglück. Immer wieder betont die Bundestrainerin, dass ihr Team das eigene Spiel durchsetzen möchte und gar nicht so sehr auf den Gegner schaut. Dennoch haben die Scouts Schweden natürlich genau analysiert: "Die Umschaltaktionen können entscheidend sein", so Voss-Tecklenburg. Wichtig sei mit dem eigenen Tempospiel zügig vors Tor von Hedvig Lindahl zu gelangen. "Kleinigkeiten werden entscheiden, hoffe, dass mehrheitlich die positiven Aktionen bei uns liegen." Das Team jedenfalls kann schon jetzt stolz auf sich sein, sagte ihr Co-Trainer Grolimund: "Stand jetzt sind alle Spielerinnen gesund, alle waren motiviert beim Training und wir sind weit fortgeschritten im Turnier. Das ist keine Selbstverständlichkeit."

Was macht Schweden?

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Hedvig Lindahl glänzte gegen Kanada.

(Foto: dpa)

Die Schweden versuchen vor dem Klassiker, die Gegnerinnen abseits des Rasens aus dem Konzept zu bringen. Verteidigerin Magdalena Eriksson sagte: "Wir haben es satt, von diesem verdammten Deutschland-Spuk zu hören." Ministerpräsident Stefan Löfven erklärte selbstsicher: "Deutschland ist nicht mehr das Deutschland, das es noch vor ein paar Jahren war." Nie sei die Chance größer gewesen als jetzt, endlich wieder gegen Deutschland zu gewinnen, tönen wie er viele. Schließlich ist die DFB-Elf jung und unerfahren wie selten. 15 Spielerinnen sind zum ersten Mal bei einer WM dabei, das Team ist im Durchschnitt 25 Jahre und zehn Monate jung. Die schwedischen Medien sind voll von Optimismus, dass es ihre Frauen diesmal schaffen werden. Die Zeitung "Aftonbladet" etwa schrieb verächtlich: "Das Beste, was die deutsche Mannschaft bislang gezeigt hat, war ihr viel zitierter Werbespot." Sie erinnern sich an die "Pferdeschwänze"? Giulia Gwinn konterte das ganz cool: "Ich fand den auch gut." Letztlich werde immer viel geredet, auf dem Platz gehe es von Null los.

Und da müssen sich dann auch die Schwedinnen von Trainer Peter Dahlsson erst einmal beweisen. Im Achtelfinale bezwangen sie Kanada mit Ach und Krach mit 1:0 – nach 99 Minuten erst war das Spiel vorbei. Überragende Spielerin war Torfrau Lindahl, die in der 69. Minute sogar einen Elfmeter überragend abwehrte. "Es ist allgemein bekannt, dass Schweden vorher schon gesagt hat, sie wollen Weltmeister werden", hatte Voss-Tecklenburg bereits vor vier Tagen gesagt. Dafür müssen sie nun an Deutschland vorbei. Trainer Peter Gerhardsson hört zur Gegnereinstimmung übrigens immer Musik: Vor dem Achtelfinale gegen Kanada war es Neil Young, diesmal gab es Rammstein auf die Ohren. "Es wird hart und schwer, da passt das ganz gut", sagte er.

War sonst noch was?

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Der "Zeh der Nation" ist das Thema dieser Tage in Rennes. Wird Regisseurin Dzsenifer Marozsán mit ihrem gebrochenen Zeh spielen können? Den hatte sich die 27-Jährige bekanntlich im WM-Auftaktspiel gegen China bereits in der zwölften Minute in einem Zweikampf lädiert und war seitdem nicht mehr zum Einsatz gekommen. "Dzsenifer wird im Kader sein", sagte Voss-Tecklenburg. Und ließ sich nicht mehr entlocken, außer: "Sie spielt, weil sie spielfähig ist. Wäre sie nicht spielfähig, würde sie nicht spielen." Dabei sei völlig klar: "Der Zeh ist gebrochen und bleibt gebrochen, das ist Fakt." Sie selbst, das bekannte sie mit einem Grinsen, wisse aber natürlich, ob ihre Spielmacherin auf dem Platz stehen wird. Und so bleibt allen nur eines: rätseln. Wir machen da freilich mit und sagen: Marozsán sitzt zunächst auf der Bank, könnte aber eingewechselt werden, wenn es die Partie nötig macht. Schließlich hatte Fridolina Rolfö, die zur kommenden Saison vom FC Bayern zum VfL Wolfsburg wechselt, bereits gesagt: "Ich denke, dass wir hart gegen sie spielen werden. Die Hoffnung ist ja vielleicht, dass sie ein wenig Schmerzen hat." Das zeigt aber auch: Die schwedische Elf zittert allein bei der Ankündigung, dass Marozsán spielen kann. Schließlich hatte sie in den vergangenen beiden entscheidenden Spielen - dem Olympia-Finale 2016 von Rio de Janeiro und dem EM-Halbfinale 2013 in Schweden den Unterschied gemacht.

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Quelle: n-tv.de

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