Sport

Lehren der lauten und bunten EM Mit Show fängt die Leichtathletik Zuschauer

8bca0daadd2dfd46c92e7a863ae601bf.jpg

Ein Gesicht dieser EM: deutsche Sprinterin Gina Lückenkemper.

(Foto: imago/Beautiful Sports)

Leichtathletik aus dem Stadion in die Stadt bringen, das Konzept geht bei der EM in Berlin auf. Die Zuschauer sind begeistert und begeistern die Sportler. Deutsche Überraschungen sorgen für unvergessliche Momente. Es gibt aber auch seltsame Pannen.

Showmagnet "Europäische Meile" ist zukunftsweisend

150.000 Zuschauer kamen den Organisatoren zufolge auf die Europäische Meile am Berliner Breitscheidplatz, um in der City-West die Leichtathletik-Europameisterschaften zu verfolgen. Dort ehrten sie die Sieger, dort starteten die Geher und Marathonläufer, sie kamen dort ins Ziel, täglich gab es ein Showprogramm. Die extra für die EM aufgebaute Arena unterhalb der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche, in der es bei freiem Eintritt ein Public Viewing gab, war täglich mit 3000 Zuschauern gefüllt, viele Zuschauer bekamen sogar keine Plätze mehr. Die Fans standen für die Athleten Spalier. "Es war ein toller Walk. Vielen Dank, dass ich hier sein darf", sagte etwa Diskuswerfer Robert Harting.

756642882a170839cedec2af140eb3fd.jpg

Mitten in der Stadt: Eröffnungsfeier am Breitscheidplatz.

(Foto: imago/Sebastian Wells)

Seit Jahren plädiert er dafür, die Leichtathletik wieder näher an die Menschen zu bringen. Sein Credo: "Unterhaltung ist, was unsere müden Kadaver motiviert." Zehnkampf-König Arthur Abele sagte nach seiner Siegerehrung: "Das war eine tolle Feier, es war Wahnsinn." Auch Nils Brembach, der als Geher sonst eher keine Zuschauermassen gewöhnt ist, erklärt: "Es war eine Super-Entscheidung, die Sportart wieder zur Bevölkerung und der breiten Masse zu bringen. Und es wurde absolut angenommen." Die Idee, die Stadt in die Leichtathletik einzubeziehen, ist also voll aufgegangen - für Zuschauer und Sportler.

Dabei war der Standort auf dem Breitscheidplatz umstritten. Der Ort, an dem der Attentäter Anis Amri im Dezember 2016 mit einem Lastwagen in den Weihnachtsmarkt raste und zwölf Menschen tötete, schien vielen nicht geeignet für ein fröhliches Sportevent. Das Konzept stand allerdings bereits Jahre zuvor, schon 2013 hatten sich der Deutsche Leichtathletik-Verband (DLV) und die Stadt Berlin mit dieser Idee beworben. "Das Konzept war für uns aus Pietätsgründen erledigt", sagt Frank Kowalski, der Organisationschef der EM. "Aber die Behörden haben uns gebeten, damit weiterzumachen." Und so betonte Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller bei der Eröffnungsfeier: "Es ist gut, dass dieser Platz während dieser Leichtathletik-EM ein friedlicher Ort sein wird." Das war er: friedlich, laut und bunt.

Begeisterndes Publikum bietet faires Spektakel

Nicht nur in der Stadt, auch im Olympiastadion war die Stimmung zweitweise berauschend. "Verzaubert von Berlin, verzaubert von der Stimmung", war etwa Dreispringerin Kristin Gierisch. "Ich habe es jetzt schon mal definiert als die geilsten und emotionalsten Europameisterschaften, die ich wahrscheinlich in meiner Karriere erleben werde. Das Stadion hat getobt, die Menschen haben das Speerwerfen heute geliebt", erklärte der Speerwurf-Europameister Thomas Röhler. Hochspringerin Marie-Laurence Jungfleisch fand die Stimmung "gigantisch". Andere sprachen von "Gänsehaut" und "geiler Stimmung" und waren begeistert. Klar, der Heimvorteil zählte auch bei dieser EM, doch die Zuschauer bejubelten längst nicht nur die Deutschen.  Anders als etwa beim Fußball gilt der Applaus in der Leichtathletik allen Athleten.

a67427ee85bdac80235d1a4877c1886c.jpg

"Ja, wo laufen sie denn, wo laufen sie denn hin?"

(Foto: dpa)

Wer rhythmisches Klatschen im Anlauf forderte, bekam es reichlich, und die Sieger auf der Ehrenrunde bekamen ihre Standing Ovations. Nach Niederlagen munterte das Publikum die Sportler auf. Davon war auch der Präsident des europäischen Leichtathletik-Verbandes, Svein Arne Hansen, begeistert: "Die Atmosphäre ist unglaublich, sie treibt einem die Tränen in die Augen." 360.000 Zuschauer sind EM-Rekord, auch wenn das Stadion längst nicht immer voll war. Hansen, ganz Sportfunktionär, sagte: "Danke Berlin, ihr habt die beste EM aller Zeiten geliefert."

Peinliche Pannen sorgen für Kopfschütteln

Es glänzt allerdings nicht alles bei dieser EM: So gab es falsche Ergebnisse beim Weitsprung, weil die Kampfrichter bei der Messung an den Schatten der Springer verzweifelten. Dass der Stuttgarter Fabian Heinle Silber gewonnen hatte, stand erst nachts um halb zwei fest, als die Jury alle Proteste abgearbeitet hatte. Das sei ein Unding für eine internationale Meisterschaft, befand Weitsprung-Bundestrainer Uwe Florczak und schlug vor, doch wieder aufs Maßband zurückzugreifen. Irritation gab es auch beim Diskuswurf, wo die Weite des Schweden Daniel Stahl erst angezeigt und später zurückgenommen wurde. Das Anzeigensystem sei teilweise so schnell, dass die Werte noch gar nicht verifiziert seien, erklärte EM-Kommunikationsdirektor Claus Frömming der "Berliner Morgenpost". Auch dass der polnische Kugelstoß-Sieger bei der Medaillenzeremonie zunächst eine falsche Hymne hörte, hätte nicht passieren dürfen.

Überraschende Pleiten, überraschende Triumphe

Der Zeitplan war clever gestrickt, vor allem für die Deutschen und ihre Zuschauer: An jedem Tag hatten sie mindestens zweimal etwas zu feiern. Das Team des DLV gewann 19 Medaillen, sechs goldene, sieben silberne und sechs bronzene. Platz drei in der Nationenwertung ist das beste EM-Ergebnis seit vielen Jahren. Präsident Jürgen Kessing konstatierte: "Wir haben einen neuen Schub für die deutsche Leichtathletik bekommen." Auf die Werfer war wie gewohnt Verlass: Die Speerwerfer räumten drei Medaillen ab, die Kugelstoßer und die Diskuswerfer jeweils zwei. Auf dem Weg nach Tokio, wo 2020 die Olympischen Spiele stattfinden, ist das ein Pfund, zumal die meisten der Medaillensammler auch dann noch jung sind.

d9b6ad98441ae72e85be5346c5767567.jpg

"Jetzt kommen so langsam die Springer aus ihren Ecken": Mateusz Przybylko.

(Foto: imago/Pressefoto Baumann)

Überrascht haben die Springer. Im Hoch- und Weitsprung gab es insgesamt vier Medaillen. Hochsprung-Europameister Mateusz Przybylko sagte mit einem Grinsen, aber auch mit Stolz: "Jetzt kommen so langsam die Springer aus ihren Ecken." Die gute Medaillenausbeute verschleiert ein wenig die Pleiten, die das deutsche Team zu verkraften hatte. Diskus-Olympiasieger Christoph Harting scheiterte in der Qualifikation, dabei hatte er gar vom Weltrekord geredet. Ebenso erging es dem Dritten aus Rio 2016, Daniel Jasinski. Auch Langstreckler Richard Ringer träumte von einer Medaille, war bis zur EM der Jahresschnellste. Im Glutofen Olympiastadion kam alles anders und das Aus acht Runden vor Schluss. Philipp Pflieger wollte vor der EM sogar einen Doppelstart über 10.000 Meter und dem Marathon einklagen, scheiterte aber. Er durfte nur über die 42,195 Kilometer antreten, kam aber ebenfalls nicht im Ziel an, weil er Schmerzen in der Achillessehne hatte. Nie in den Wettkampf gefunden hatte Stabhochspringer Raphael Holzdeppe. Der Mann, der schon vor zehn Jahren bei Olympia dabei war und 2013 Weltmeister wurde, scheiterte in der Qualifikation an seiner Einstiegshöhe - einen Salto Nullo nennen das die Sportler. Auch für den Titelverteidiger im Dreisprung, Max Heß, war in der Qualifikation Endstation. Das war bitter, denn für den Titel reichten am Ende 17,10 Meter. Eine Weite, die der 22-Jährige im vergangenen Jahr reihenweise gesprungen ist.

DLV-Team sucht Hartings Nachfolger

2d97bd02c4daa2ba92e5d726e5e35b50.jpg

Mann der klaren Worte: Robert Harting.

(Foto: imago/Jan Huebner)

Robert Harting war während seiner Diskuswurf-Karriere nicht nur ausnehmend erfolgreich, er war auch immer ein Mann der klaren Worte. Er sagte, was ihm nicht passte, er setzte sich für die Belange des Sports und der Sportler ein. Lange war er im DLV Teamkapitän, kümmerte sich bei Großereignissen um die Jüngeren und den Zusammenhalt, er war ein Vorbild. Da geht nun einer, der eine große Lücke hinterlassen wird. Und wer soll diese stopfen?

Silber-Sprinterin Gina Lückenkemper ist eine, die ihre Meinung sagt. Doch als Nachfolgerin von Harting sieht sie sich (noch) nicht, dafür sei sie mit ihren 21 Jahren noch zu jung. Am Samstagabend im ZDF-Sportstudio trat eine neue mögliche Anführerin auf: Kugelstoßerin Christina Schwanitz. "Was ich mich frage: Warum war Frau Merkel nicht da?", sagte die EM-Zweite. "Nach Rio de Janeiro kann sie fliegen und ist mehrere Tage nicht auf Arbeit. Im Fußball geht's", sagte die Ex-Weltmeisterin und meinte damit, dass Bundeskanzlerin Angela Merkel 2014 nach Brasilien zum WM-Endspiel geflogen war. "Und jetzt, wo es im eigenen Land ist, und es ist ja nicht erst seit gestern bekannt, ist sie nicht da. Das finde ich ziemlich schade. Da sieht man auch die Wertschätzung." Schwanitz hat ihre Bewerbung für den Amt als Leichtathletik-Lautsprecherin abgegeben, erfolgreich in ihrem Sport ist sie ohnehin seit Jahren. Fraglich allerdings, ob ihr neben dem Training und ihren ein Jahr alten Zwillingen noch Zeit und Kraft dafür hätte.

Und was machen die Russen?

Offiziell waren sie bei dieser EM nicht dabei. Nicht als Team Russland zumindest, 29 Athleten aber kamen sehr wohl aus diesem Land. Seit der Internationale Leichtathletik-Verband IAAF im Jahr 2015 seine Konsequenzen aus dem Doping-Skandal gezogen hat, dürfen die meisten russischen Sportler nicht mehr international starten. Nur wer unter anderem nachweisen kann, dass er sich regelmäßig Kontrollen außerhalb Russlands unterzieht, den lässt die IAAF zu.

70 Athleten haben mittlerweile den Status als Neutrale Athleten (ANA), einige fehlten in Berlin allerdings, weil sie sich erneut verdächtig machten. Hochspringer Daniel Lyssenko verwirkte sein Startrecht, weil Kontrolleure ihn wiederholt nicht antrafen. Bereits im Mai wurde fünf Gehern ihr ANA-Status entzogen, weil ein ARD-Fernsehteam um den Doping-Experten Hajo Seppelt sie dabei erwischte, wie sie mit dem längst gesperrten Doping-Coach Viktor Tschegin trainierten.

Vorsicht sei also nach wie vor geboten, sagte Arne Hansen, dessen europäischer Verband EA der Regelung der IAAF folgt. Die Dopingaffäre sei längst nicht ausgestanden. In Berlin durften die ANA-Athleten keine Mannschaft bilden, keine Teamkleidung tragen, keine russische Fahne schwenken. Für die einzige Goldmedaillen-Gewinnerin, Hochspringerin Mariya Lasitskene, ertönte die Hymne der EA. Hürdensprinter Sergej Schubenkow, als Goldfavorit gehandelt, holte Silber. Nur wenige Nachwuchsathleten hatten es geschafft, den neutralen Status zu erhalten. Einer von ihnen war Stabhochspringer Timur Morgunov, der ebenfalls Silber gewann. Da der russische Bann auch für Junioren-Meisterschaften gilt, ist schwer einzuschätzen, wie stark die Russen sein könnten. Derzeit laufen, springen und werfen sie meist hinterher.

*Datenschutz

Quelle: n-tv.de

Mehr zum Thema