Formel1

Den eigenen Anspruch aufgegeben? Ferrari schrumpft sich in Vettels Angesicht

Das Ende bei Ferrari entwickelt sich für Sebastian Vettel immer mehr zum Glück im Unglück. Der Formel-1-Star verbessert sich zur neuen Saison, während die Scuderia tief in der Krise steckt. Besserung ist kaum in Sicht - stattdessen stellt das Team Selbstverständlichkeiten infrage.

Es klingt nach einer Erfolgsstory, ist aber die Geschichte eines Scheiterns. Ferrari feiert sein großes Formel-1-Jubiläum, feiert den 1000. Grand-Prix-Start, feiert 70 Jahre in der Königsklasse des Motorsports - und die Schlagzeilen gehören Sebastian Vettel. Allerdings nicht, weil der Deutsche um die Pole Position, den Sieg oder die Weltmeisterschaft kämpft. Sondern weil sein Wechsel zu Aston Martin eindrücklich vor Augen führt, dass die erschreckend schlechten Resultate in der laufenden Saison offenbar gar nicht das größte Problem der Scuderia darstellen.

"Es ist hier nicht unaushaltbar", sagte Vettel über seine derzeitige Situation bei Ferrari, aber "ich freue mich auf den Farbwechsel." Damit meinte er nicht die Sonderlackierung seines SF1000, der in einem satten Dunkelrot an die Anfangsjahre der Italiener in der Formel 1 erinnert. Sondern die Perspektive auf Erfolge, die nicht nur der 33-Jährige bei Ferrari nicht mehr sieht. Und die auch Teamchef Mattia Binotto offenbar abgeschrieben hat. Schließlich gab er als Ziel für das Rennen auf der teameigenen Strecke in Mugello aus: "Wir wollen Punkte holen, denn Punkte sind wichtig für uns."

Punkte. Nicht Siege. Punkte. Wenn Vettel und sein Teamkollege Charles Leclerc am Sonntag (15.10 Uhr bei RTL und im Liveticker bei ntv.de) also beispielsweise auf den Plätzen sieben und neun die schwarz-weiß-karierte Flagge sehen sollten, wäre das also offenbar ein gelungener Auftritt für Ferrari. Der erfolgreichste Rennstall der Formel-1-Historie, der bei 999 Starts bislang 238 Siege feierte, also zumindest rechnerisch fast jeden vierten Grand Prix gewinnt - zusammengeschrumpft auf die Größe eines Teams im unteren Mittelfeld.

Punkte sind die neuen Siege

Es mag eine ehrliche Einschätzung der eigenen Chancen sein, schließlich erreichten nur in zwei der acht Rennen der Saison 2020 beide Ferrari-Autos die Punkteränge. Dennoch klingen die Aussagen von Binotto wie ein Offenbarungseid. Denn spätestens seit der Auferstehung der Scuderia in der Ära Michael Schumacher umgibt Ferrari ein Selbstverständnis, das in jeder Saison das Ziel beinhaltet, beide WM-Titel gewinnen zu wollen. Also die Fahrer- und die Konstrukteurswertung. Mit dem Satz "Wir wollen Punkte holen" entfernt sich der Scuderia-Teamchef bemerkenswert weit von diesem Selbstverständnis.

"Die Talsohle wird den Italienern aus meiner Sicht noch einige Zeit erhalten bleiben", meint daher auch Ex-F1-Pilot Gerhard Berger, der von 1987 bis 1989 und in den Jahren 1993 bis 1995 für die "Roten" fuhr. Der Österreicher geht im Interview bei ran.de sogar noch weiter: "In naher Zukunft glaube ich schon, dass der Aston Martin (Anmerk. d. Red.: also das neue Team von Vettel) deutlich konkurrenzfähiger sein wird als Ferrari." Das lässt sich nicht nur auf die sportliche Situation übertragen.

Vom eigenen Anspruch ist Ferrari so weit entfernt wie seit Jahrzehnten nicht, in der Teamwertung droht den derzeit Sechsten gar das schlechteste Ergebnis seit 1980. Da die tief greifenden Regeländerungen auf 2022 verschoben sind, wird sich an den aktuellen Kräfteverhältnissen in der Königsklasse vorübergehend nur wenig verändern. Zumal Ferraris größte Schwachstelle der Motor ist und bleibt.

Ferrari bleibt nur Hoffen

Für Vettel könnte sich die Ausbootung bei der Scuderia daher als Glück im Unglück erweisen. Denn Racing Point, das ab der kommenden Saison als Aston-Martin-Werksteam antritt, scheint rein sportlich gesehen eine klare Verbesserung für den vierfachen Weltmeister, der mit Ferrari eigentlich seinen fünften WM-Titel angestrebt hatte.

Auch, weil Vettel über seinen künftigen Arbeitgeber, der um Platz drei hinter Mercedes und Red Bull kämpft, Sätze wie diesen sagen kann: "Natürlich macht mir die Performance dieses Jahr Mut." Bei Ferrari klänge so eine Aussage eher nach Realitätsverweigerung. Den Zustand seines Noch-Teams fasste Vettel nach dem Monza-Debakel vor einer Woche daher auch schonungslos zusammen: "Der Drops ist gelutscht, dieses Jahr wird schwierig bleiben, und nächstes Jahr betrifft es mich nicht mehr."

Eine bemerkenswert klare Aussage von Vettel, der seine letzten Rennen bei Ferrari wohl eher ertragen als genießen wird. Er kann das aber immerhin mit der Aussicht auf Besserung in einem neuen Team, in einem neuen Auto. Ferrari dagegen scheint dem Anfang der Krise noch immer näher als dem Ende. Schließlich sagt Binotto, angesprochen darauf, dass Vettel mit Aston Martin zu einem Mittelfeldteam wechselt: "Ich hoffe, wir werden vor ihm sein." Allzu viele gute Gründe für diese Hoffnung gibt es aber nicht.

Quelle: ntv.de