Formel1

"Ich habe sehr viel nachgedacht" Vettel schickt keine Liebesgrüße an Ferrari

England statt Italien: Sebastian Vettel wechselt nach seinem erzwungenen Ferrari-Abschied zu Aston Martin. Warum, verrät der Formel-1-Pilot im Gespräch mit ntv - und erzählt, was er bei der Scuderia vermisst. Mit seinem Wechsel könnte ihm ein seltenes Kunststück gelingen.

Endlich ist sie geklärt, die Zukunft von Sebastian Vettel. Nach dem Aus bei Ferrari stand lange nicht fest, ob der deutsche Vierfach-Weltmeister seine Karriere in der Formel 1 fortsetzt, eine Pause einlegt oder sich gar komplett von der Königsklasse des Motorsports verabschiedet. "Es ist richtig, dass ich sehr viel nachgedacht habe", sagte Vettel bei RTL/ntv kurz nach der offiziellen Bekanntgabe seines Wechsels zum Racing-Point-Nachfolger Aston Martin.

Von der Saison 2021 an fährt Vettel für den jetzt noch pinken Rennstall, der dann womöglich mit einer Lackierung antritt, in der das edle "British Racing Green" ein Comeback im Grid feiert. Es ist aber natürlich nicht die Farbe des Autos, die den Deutschen inmitten der wohl frustrierendsten Saison seiner Karriere von einem Neuanfang überzeugt hat. Sondern: "Die Leute, die Herangehensweise, die Offenheit, die Freiheit, Entscheidungen zu treffen und die Dinge anzupacken."

Daraus lässt sich einerseits ein Lob für die Equipe von Racing-Point-Teamchef Otmar Szafnauer ableiten, aber andererseits zugleich auch eine Kritik an seinem Noch-Rennstall Ferrari. Das Verhältnis zu Scuderia-Boss Mattia Binotto gilt als angespannt, spätestens seit Vettel bei RTL/ntv die Version der einvernehmlichen Trennung heftig dementierte. Anfang Juli, kurz vor dem verspäteten Saisonstart in Spielberg, erklärte er: "Es kam für mich genauso überraschend", als im Mai sein Telefon geklingelt und er die Mitteilung bekommen habe, "dass das Team nicht gewillt ist, weiterzumachen". Und: "Damit war das Thema dann auch durch."

Racing Point hat, was Ferrari fehlt

Dass der 33-Jährige nun die Vorzüge seines neuen Arbeitgebers mit "die Leute" und "die Offenheit" benennt, ist somit wohl auch auf die Umstände seines Abgangs bei Ferrari zurückzuführen. Denn schließlich sei für seine Entscheidung - über Weitermachen, Pausieren oder Aufhören - entscheidend, "dass die Dinge erfüllt werden, die einem wichtig sind".

In Vettels Fall ist das neben einer harmonischen Arbeitsatmosphäre ein konkurrenzfähiges Auto, beides kann ihm Ferrari aktuell nicht bieten - während Racing Point darum kämpft, sich hinter Branchenführer Mercedes und Verfolger Red Bull als dritte Kraft zu etablieren. "Natürlich macht mir die Performance dieses Jahr Mut", sagt Vettel über seinen künftigen Arbeitgeber. Der Blick auf die Resultate der ersten acht Rennen offenbart: Nur ein einziges Mal kam ein Racing Point nach Vettel über die Ziellinie, beim Rennen in Ungarn, als der Deutsche Sechster und Sergio Perez Siebter wurde.

Diesen Perez ersetzt er nun, für wie lange, das ist zumindest öffentlich noch nicht klar. Die Pläne sind allerdings ganz offensichtlich mittel- bis langfristig ausgelegt. "Wir wollen nicht nur mitfahren, sondern nach vorne" und "dafür werden wir genug Zeit haben", so Vettel am RTL/ntv-Mikrofon. "Ich denke, die Vorzeichen stehen sehr gut, dass in den nächsten Jahren sehr viel Gutes passieren kann."

"Wichtig, dass es ein Schritt nach vorne ist"

Diese Vorzeichen gibt es bei Ferrari, das derzeit die schlechteste Saison seiner jüngeren Formel-1-Historie erlebt, nicht. Der Motor, nach den Regeländerungen nicht mehr der beste, sondern der schlechteste im Feld, dürfte angesichts der eingeschränkten Möglichkeiten zur Weiterentwicklung keine signifikante Verbesserung erfahren. Es fehlt aber nicht nur an Leistung.

"Das Auto ist unfahrbar", urteilte RTL-Experte Nico Rosberg, 2016 im Mercedes Weltmeister, nach dem Monza-Desaster. Bei Vettel versagten auf der Hochgeschwindigkeitsstrecke die Bremsen, Charles Leclerc verlor in der Parabolica die Kontrolle über seinen Ferrari und schlug heftig in die Reifenstapel ein. Schon im Training hatte sich der Monegasse, der Vettel als Nummer eins bei den Roten abgelöst hat, lautstark beklagt: "Dieses Auto ist so schwierig zu beherrschen."

Daher ist es auch eine Botschaft an die Scuderia, wenn Vettel über sein neues Engagement sagt: "Mir war wichtig, dass es ein Schritt nach vorne ist, in dem Sinne, dass ich mich weiterentwickeln kann." Diese Möglichkeit schien er bei Ferrari schlicht nicht mehr zu sehen, nicht nur wegen seines auslaufenden Vertrages. Er war 2015 angetreten und verpflichtet worden in der Hoffnung, das Team zurück an die Spitze zu führen. 2017 und 2018 wurde er hinter Lewis Hamilton Vize-Weltmeister, zu mehr aber reichte es in sechs gemeinsamen Jahren nicht.

Ein Titel ist zwar auch mit Aston Martin nicht zu erwarten, sagt Vettel klar: "Man muss realistisch sein, das Team ist im Moment in der Aufbauphase." Aber anders als bei Ferrari geht es bei dem britischen Rennstall eben aufwärts, nicht abwärts. Und "das Team ist erstmals in der Lage, das Auto mit einem ordentlichen Budget weiterzuentwickeln." Genau darauf freut sich Vettel sichtlich, zumindest, soweit das mit Maske im Gesicht erkennbar ist. Vielleicht auch, weil ihm etwas gelingen könnte, was Ferrari-Piloten bisher eher selten möglich war: der Wechsel in ein schnelleres Auto.

Quelle: ntv.de