Formel1

"Das ist nicht mein Antrieb" Hamilton erfüllt Schumachers Prophezeiung

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Von 2010 bis 2012 fuhren Schumacher und Hamilton in der Formel 1 gegeneinander. Als Schumacher bei Mercedes aufhörte, übernahm der Brite sein Cockpit.

(Foto: imago sportfotodienst)

Als Michael Schumacher sich von der Formel 1 verabschiedet, gelten seine Rekorde als uneinholbar. Zu oft hat der Deutsche seine Konkurrenz deklassiert, ist in seiner eigenen Liga gefahren. Doch jetzt setzt Lewis Hamilton zum Überholen an - anders als noch 2006.

Michael Schumacher hatte ohnehin nie geglaubt, dass seine Bestmarken bis in die Ewigkeit halten würden: "Rekorde sind da, um gebrochen zu werden." Dass aber tatsächlich ein Fahrer seinen unerreichbar scheinenden Rekord von sieben Formel-1-Weltmeisterschaften angreifen könnte, hielt kaum jemand für möglich, als Schumacher 2006 seinen Abschied bei Ferrari verkündete. Schließlich hatte der Kerpener die Königsklasse des Motorsports so dominiert wie niemand zuvor. In der Saison 2002 etwa fuhr der deutsche Ausnahmepilot in jedem der 17 Rennen aufs Podium und feierte schon nach dem elften Lauf die Weltmeisterschaft. Er sammelte alleine so viele Punkte, dass der italienische Traditionsrennstall auch ohne seinen Teamkollegen Rubens Barrichello die Konstrukteurswertung gewonnen hätte. Mit deutlichem Vorsprung.

Das Schumacher-Zitat über Rekorde, die da sind, um gebrochen zu werden - es stammt aus dem November 2008. Vor dem Saisonfinale, dem Großen Preis von Brasilien, hatte die BBC den Deutschen gefragt, ob er einem jungen britischen Piloten zutrauen würde, eines Tages auch siebenfacher Weltmeister zu sein. Schumacher antwortete: "Ich würde sagen, definitiv ja." Dieser junge britische Pilot stand damals kurz davor, in seiner erst zweiten Saison den ersten Titel einzufahren. Sein Name: Lewis Hamilton. Was folgte, war die wohl späteste WM-Entscheidung in der Geschichte der Formel 1. Auf dem Autodromo Jose Carlos Pace in Sao Paulo zog Hamilton an Timo Glock vorbei, machte den einen Platz gut, den er für den Titel noch aufholen musste - in der letzten Kurve der letzten Runde des letzten Rennens der Saison 2008.

Deutlich weniger spektakulär ging es fast auf den Tag genau elf Jahre später zu, im November 2019. Im drittletzten Rennen der Saison fuhr Hamilton als Zweiter über die Ziellinie. Und sicherte sich damit seinen sechsten WM-Titel. Damit zog er in der ewigen Rangliste an Fünffach-Weltmeister Juan Mangel Fangio vorbei. Auf Platz zwei hinter Michael Schumacher. Dessen Rekord er im nächsten Jahr einstellen kann. Die Chancen stehen gut: Mercedes hat seit Jahren das beste Gesamtpaket und Hamilton ist teamintern ganz klar die Nummer eins. Valtteri Bottas kann in einzelnen Rennen mithalten, aber über eine ganze Saison hat der Finne deutlich das Nachsehen gegenüber Hamilton.

Hamilton löste Schumacher schon 2012 ab

Dass er Schumachers Rekord 2020 einstellen und ein weiteres Jahr darauf womöglich sogar brechen kann, spielt für Hamilton selbst jedoch keine große Rolle: "Ich sage das immer wieder: So denke ich nicht", erklärte der 34-Jährige der "Bild am Sonntag": "Das ist nicht mein Antrieb." Und doch könnte der Brite am einstigen F1-Dominator vorbeiziehen.

Es wäre nicht das erste Mal, dass Hamilton Schumacher ablöst. So war es bereits zum Jahreswechsel 2012/13, als Schumacher seine Karriere drei Jahre nach dem Comeback beim neu gegründeten Mercedes-Team endgültig beendete. Sein Nachfolger: Hamilton, der bei den wiedererstarkten Silberpfeilen seine Titel zwei bis sechs feierte. Dabei lobte er immer wieder Arbeit des Deutschen, der mit seiner Akribie und seinem Arbeitsethos den Grundstein für Mercedes’ Erfolgsserie gelegt habe.

Und auch wenn Hamilton nicht mit dem Ziel antritt, Schumacher einzuholen, dürfte es für den Briten etwas Besonderes sein, auf den Spuren des Rekordweltmeisters zu wandeln. Denn zu Beginn seiner Karriere traute er sich nicht einmal, zu ihm aufzuschließen, wie er selbst erzählte: "Es war 2006 während eines Tests, ich war noch kein Stammfahrer, und es war für mich einfach unwirklich, plötzlich mit ihm auf der Strecke zu sein. Ich habe nicht mal versucht, ihn zu überholen, ich bin einfach nur hinter ihm hergefahren, weil ich direkt davor noch als Michael Schumacher in meinem Computerspiel unterwegs war."

2020 wackeln gleich mehrere Rekorde

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Mittlerweile ist Hamilton längst nicht mehr im virtuellen Ferrari unterwegs, sondern hat sich in seinen 13 Saisons kontinuierlich in die Riege der besten Piloten gefahren, die die Formel 1 je gesehen hat. Denn nicht nur, was die Zahl der WM-Titel betrifft, rückt der Brite an den Deutschen heran. Ähnlich unantastbar galt Schumachers Rekordzahl von 91 Siegen. Als der Kerpener sein letztes Rennen beendete, führte er die Rangliste deutlich an vor Alain Prost (51 Siege) und Ayrton Senna, der bis zu seinem Unfalltod 1994 in Imola 41 Erfolge feierte. Inzwischen hat sich Hamilton nicht nur an den beiden Legenden vorbei geschoben, sondern ist nah an Schumacher herangerückt. Der Erfolg beim jüngsten Saisonfinale in Abu Dhabi war das 84. Mal, dass er ganz oben aufs Podium stieg.

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2020 dürfte Schumachers Rekord mindestens bedenklich wackeln, wahrscheinlich sogar fallen. Denn nach der Umstellung auf die Hybridmotoren, die auch in der kommenden Saison im Einsatz sind, hat Hamilton in sechs Saisons 62 Rennen gewonnen. Und das mit einer beeindruckenden Konstanz: Seit 2014 siegte der Brite in jedem Jahr mindestens neun Mal. Setzt er diese Serie fort, stehen am Ende der kommenden Saison mindestens 93 Hamilton-Siege in der Statistik. Und damit zwei mehr, als Schumacher einfuhr.

Schumacher ist für Hamilton "der Größte"

Für ihn selbst, sagte Hamilton, werde Schumacher immer "der Größte aller Zeiten" bleiben. Und es ist müßig, zu diskutieren, welcher der beiden nun der Beste ist, den die Rennserie in ihren 70 Jahren gesehen hat. In ihren jeweils besten Zeiten fuhren sie nicht gegeneinander, jeder Vergleich über mehrere Epochen hinweg ist schwierig bis unmöglich. Von der Konkurrenz aber haben sich die beiden längst abgesetzt. Siege, Pole Positions, schnellste Rennrunden, Podiumsplatzierungen, Gesamtpunkte, Führungsrunden … die Liste ließe sich nahezu beliebig fortsetzen: All diese Statistiken führen Schumacher und Hamilton an, mal ist der eine vorne, mal der andere. Aber fast immer haben sie einen deutlichen Vorsprung auf den Drittplatzierten.

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Ohnehin sind all diese Einordnungen vergänglich, solange die Eingeordneten nicht ihre Karriere beendet haben. Bis Hamilton seinen Helm an den Nagel hängt, dürften noch einige Formel-1-Rennen in die Länder dieser Welt gehen. Schließlich freute er sich in Abu Dhabi mit den Worten, er fühle sich in Höchstform, "also sollte ich auf jeden Fall weitermachen". Auch damit, Rekorde zu brechen. Denn dazu sind sie schließlich da.

Quelle: ntv.de