Fußball-EM

EM-Analyse mit Hickersberger "Der Sieg war unglaublich glücklich"

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Halbfinale!

(Foto: dpa)

Deutschland gegen Italien, das geht im Fußball einfach nicht ohne Drama, sagt n-tv.de EM-Experte Josef Hickersberger. Den deutschen Triumph nach Elfmeter-Wahnsinn nennt er "spektakulär", "unglaublich glücklich" - und verdient. vor Joachim Löws Mut zieht er den Hut. Kritisch sieht er Jungstar Kimmich. Und die Italiener.

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Zwischen 1987 und 1990 sowie zwischen 2006 und 2008 war Josef Hickersberger Trainer der österreichischen Nationalmannschaft. Für n-tv.de analysiert er die deutschen EM-Spiele.

(Foto: imago sportfotodienst)

Herr Hickersberger, wir sind etwas sprachlos nach diesem EM-Drama. Sie haben das Wort.

Ja … (lacht) Ich hatte Verlängerung und Elfmeterschießen erwartet und mich eigentlich nur bei der Torzahl getäuscht. Ich habe nicht gedacht, dass es 1:1 endet, sondern 0:0.

Sonst hat Sie nichts überrascht am Spiel?

Die Länge des Elfmeterschießens.

Warum geht Deutschland gegen Italien nicht ohne Drama?

Weil zwei der weltbesten Nationalmannschaften seit Jahrzehnten aufeinandertreffen. Da ist Drama schon inkludiert im Programm.

Da drängt sich die Frage auf: Was heißt Schnappatmung auf Österreichisch?

Wir kennen das Wort gar nicht.

Und Sie hatten selbstredend auch keine, nicht einmal als Bastian Schweinsteiger statt des möglichen Siegtreffers einen Uli-Hoeneß-Gedächtnis-Elfer fabriziert hat.

Nein, eigentlich nicht. Es war mir klar, dass Schweinsteiger den Elfmeter verwandelt. Da war ich mir ziemlich sicher …

... tja ...

… und dann schwer enttäuscht, dass er diese Gelegenheit nicht nutzen konnte. Aber das hängt wahrscheinlich auch damit zusammen, dass er in diesem einen Spiel fast länger gespielt hat als bei ManUnited in der gesamten Saison.

Haben Sie selbst gern Elfmeter geschossen?

Eigentlich schon. Aber als dann der Norbert Nigbur von Schalke 04 einen von mir gehalten hat, bin ich längere Zeit nicht mehr an die Reihe gekommen. Das ist aber schon lange her, im letzten Jahrtausend. Und das weiß ich nur noch, weil es mich persönlich betroffen hat. Auch bei den Italienern hat jeder einzelne, der verschossen hat, noch lange daran zu kiefeln.

Mesut Özil ist es zum zweiten Mal bei dieser EM nicht gelungen, einen Elfmeter zu verwandeln. Sollte er bei diesem Turnier nochmal schießen?

Ja, warum nicht! Die Wahrscheinlichkeit, dass er den dritten dann verwertet, die ist jetzt relativ hoch.

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Mesut Özil feiert den Führungstreffer - hinter ihm Vorlagengeber Jonas Hector.

(Foto: imago/MIS)

Ist das österreichische Fußballlogik?

(lacht) Genau!

Wie fanden Sie Özil sonst?

Er hat ein ganz wichtiges Tor erzielt. Da ist er in den Fünfmeterraum sehr energisch reingegangen. Das war schon sehr wichtig, denn ich habe nicht das Gefühl gehabt, dass Italien ohne Standardsituation ein Tor erzielen könnte.

Waren Sie enttäuscht von den Italienern?

Sie waren zwar wie immer perfekt organisiert und haben hervorragend verteidigt. Aber die Gegenangriffe waren an den Fingern einer Hand abzuzählen. In diesem Spiel war ich eher enttäuscht. Italien war aufgrund der Ausfälle im Mittelfeld von de Rossi und Candreva doch schwer gehandicapt.

Italien war bislang der deutsche Angstgegner schlechthin. Wer war denn der größte Angstgegner in Ihrer Karriere, abgesehen von den Färöer Inseln?

Wir haben mit Österreich gegen Deutschland regelmäßig verloren und haben dann halt irgendwann in Cordoba einmal das Glück auf unserer Seite gehabt - und da ein Spiel gewonnen. Es gibt im Fußball keine Traumata. Es gibt Gegner, gegen die man Probleme hat, die einem vielleicht nicht liegen. Aber man kann im Fußball jede Serie durchbrechen, und es war heute wieder so ein Spiel, wo Deutschland das bewiesen hat.

Bundestrainer Joachim Löw hat trotz der überzeugenden Leistung gegen die Slowakei die Startelf personell und taktisch umgebaut.

Ja, das waren zwei sehr mutige Entscheidungen. Erstens mit Dreierkette zu agieren und zweitens Julian Draxler, der das Spiel gegen die Slowakei entschieden hat und im Angriff der gefährlichste Spieler war, auf die Bank zu setzen. Hut ab! Denn wenn das Spiel nicht gewonnen worden wäre, hätte es jeder besser gewusst.

Auch bei einer Niederlage im Elfmeterschießen?

Ja, wahrscheinlich. Jeder hätte gemeint, mit der Mannschaft, die gegen die Slowaken so gut gespielt hat und überzeugend gewonnen hat, wäre das Spiel gegen Italien auch gewonnen worden.

Sie auch?

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Bastian Schweinsteiger (r.) kam für den verletzten Sami Khedira ins Spiel.

(Foto: imago/Jan Huebner)

Es ist immer schwierig. Viele Trainingseinheiten, oder bei der EM fast alle, finden unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt, man kann die aktuelle Form der Spieler nicht beurteilen. Das können nur die, die unmittelbar dabei sind, der Trainerstab, Joachim Löw. Und der hat eine Garantie, dass er bei jedem Turnier zumindest ins Halbfinale kommt. Also muss man jede Aufstellung, die er macht, für absolut richtig halten.

Ab wann hat Ihnen das Spiel gegen Italien Spaß gemacht und ab wann haben Sie angefangen, die Aufstellung für richtig zu halten?

So richtig Spaß hat es mir nicht gemacht, es war kein gutes Spiel. Spannend, aber sehr ausgeglichen mit ganz wenigen Höhepunkten. Erst im Elfmeterschießen hat man dann den Atem anhalten müssen. Das hatte dann schon einen unglaublichen dramatischen Wert und war sehr spektakulär.

In der ersten Halbzeit hat es gewirkt, als spiele Deutschland auf Zeit und warte nur, dass Italien müde wird. Ist das ein probater Matchplan für ein EM-Viertelfinale?

Es hat so gewirkt. Ob das der Matchplan war, kann ich nicht beurteilen. Nach der Pause hat Deutschland auf alle Fälle aktiver und frischer gewirkt.

Die deutschen Spieler haben vorab trotz der Horrorbilanz gegen Italien betont, es fehle Ihnen nicht an Selbstvertrauen und Mut. Haben Sie das dem deutschen Team angesehen?

Ich hatte nicht das Gefühl, dass die Spieler in den Pressekonferenzen leere Worthülsen abgegeben haben. Sondern ich hab schon gesehen, dass sie an sich glauben und dass sie dieses Spiel gewinnen wollen, dass sie mehr für das Spiel tun wollten als die Italiener.

Khedira hat hinterher gesagt, Deutschland hätte das Spiel komplett dominiert. Würden Sie das unterschreiben?

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Die Szene, die zum Ausgleich für Italien führte: Boateng breitet die Arme aus, mit denen er den Ball berührt - es gibt Strafstoß.

(Foto: AP)

Komplett dominiert nicht. Aber es ist immer Ansichtssache, wie man ein Spiel in Summe bewertet. Deutschland war aber auf jeden Fall die aktivere Mannschaft. Der Sieg im Elfmeterschießen war dann zwar unglaublich glücklich, das hätte auch anders ausgehen können. Aber er war letzten Endes auch verdient.

Ihr Spieler des Spiels?

Manuel Neuer. Dass er zwei Elfmeter hält und der Gianluigi Buffon nur einen, hat letztendlich den Ausschlag gegeben. Und vorher Özil. Er hat das einzige Tor aus dem Spiel heraus geschossen.

Aus dem italienischen Lager war vorab durchgesickert, dass man Joshua Kimmich als Schwachpunkt ausgemacht habe. Wie fanden Sie ihn diesmal?

In diesem Spiel nicht gut. Er hat zwei gravierende Fehler gemacht, die beide zu Toren hätten führen können. Aber es ist jetzt sein viertes Länderspiel gewesen und eine Position, die er auch noch nicht oft gespielt hat. Da muss man ihm schon zugutehalten, dass er vor allem im Stellungsspiel noch den einen oder anderen Fehler machen darf.

Wie hat Ihnen die Tor-Vorvorbereitung von Mario Gomez gefallen?

Der Pass auf Hector hatte Spielmacherqualitäten, der war überragend, überraschend für alle. Da muss man schon ein besonderes Wort suchen. Ich hab solche genialen Pässe vom Mario Gomez bisher noch nicht gesehen, aber ich verfolge den Fußball in der Türkei auch nicht. Und er hat ja dann noch eine Aktion gehabt, da wollte er einen hohen Ball mit der Hacke ins Tor schießen. Den hat der Buffon dann sensationell abgewehrt. Also das war eine zirkusreife Vorstellung. Das hat Gomez schon richtig gut gemacht.

Thomas Müller hat wieder nicht getroffen, nichtmal im Elfmeterschießen - obwohl Sie uns jetzt schon seit mehreren Spielen Müller'sche EM-Tore ankündigen. Was ist da los?

Der Thomas Müller hat bei den Bayern wahrscheinlich zu viele Spiele gemacht, dadurch hat sein Torinstinkt gelitten. Aber er arbeitet für die Mannschaft, er läuft, er ackert. Es ist unglaublich. Wenn man das über 120 Minuten macht, ist man halt im Elfmeterschießen nicht mehr so frisch. Aber er hat das Toreschießen nicht verlernt. Es kommt noch das Semifinale und Finale und ich bin überzeugt davon, dass er ein entscheidendes EM-Tor schießen wird - wenn nicht sogar das entscheidende.

Die Niederlage im EM-Halbfinale 2012 gegen Italien galt als schwerste Pleite in der Amtszeit von Joachim Löw. Wie wichtig war der Erfolg im Elfmeterschießen für ihn persönlich?

Nach dem Gewinn des WM-Titels in Brasilien war das ein ganz wichtiger Sieg, auch wenn er "nur" im Elfmeterschießen errungen wurde. Weil diese Niederlage 2012 bislang doch so ein wunder Punkt in seiner glanzvollen Karriere geblieben ist. Das ist jetzt Vergangenheit und vergessen.

Wer wird der deutsche Gegner im Halbfinale: Gastgeber Frankreich oder England-Bezwinger Island?

Die Isländer haben jetzt schon so oft das Unmögliche möglich gemacht, für England war das nach dem Brexit der absolute worst case, politisch und fußballerisch. Aber ich denke, dass das Märchen irgendwann einmal ein böses Ende findet und Frankreich der nächste Gegner der deutschen Nationalmannschaft wird.

Und dann?

Das wird ein ganz offenes Spiel. Frankreich ist der große Titelkandidat neben Deutschland, der noch im Rennen ist. Und der Heimvorteil ist schon groß.

Im zweiten Halbfinale stehen sich Portugal und Wales gegenüber, der neue Zwergriese des Weltfußballs. Sind die Waliser groß genug für Portugal?

Sie schwimmen jetzt auf einer Erfolgswelle, aber ohne Aaron Ramsey werden sie über die Hürde Portugal nicht drüberkommen. Ramsey ist für die Waliser zusammen mit Gareth Bale und Joe Allen einer der drei Schlüsselspieler, die nicht gleichwertig zu ersetzen sind. Daher denke ich, dass Portugal gewinnen wird.

Auch im Finale?

Wenn Deutschland gegen Frankreich gewinnt, wird Deutschland Europameister.

Quelle: ntv.de