Fußball-EM

Volle EM-Stadien um jeden Preis Die ignorante Corona-Welt der UEFA

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(Foto: picture alliance/dpa/dpa-Zentralbild)

Welche Rolle die Fußball-Europameisterschaft auf die Corona-Zahlen in Europa haben wird, wird sich erst in den nächsten Tagen und Wochen zeigen. Dass das Turnier bei der Pandemiebekämpfung wohl nicht geholfen hat, zeigt sich schon jetzt.

Wie werden wir in zehn Jahren auf diese Fußball-Europameisterschaft zurückschauen? Wird die große Geschichte die sportliche Wiedergeburt Italiens, Englands erster Titel seit 1966 oder etwa die sagenhafte Heldenreise der Dänen sein? Sportlich gibt es vieles zu erzählen. Doch auch eine Geschichte des Turniers wird es sein, was vorher schon irgendwie bekannt war: Wie absurd eine Kontinental-EM in Pandemie-Zeiten doch ist.

Es ist schon fast beachtlich, mit welchem Erfolg die Europäische Fußball-Union (UEFA) dieses Turnier durchdrückte. Wie sie das verhinderte, was Japan für die Olympischen Spiele beschlossen hat: nämlich Geisterspiele. Als der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach im Januar noch unter dem Eindruck der Alpha-Variante sagte, die Pandemie würde im März noch toben, hatte er recht. Zu diesem Zeitpunkt sollte entschieden werden, ob und wie die EURO 2020 stattfinden soll. Als er sagte, dass er sich nicht vorstellen könne, dass dieses Turnier wie geplant stattfindet, lag er maximal falsch. Und da tobte die Delta-Variante noch nicht.

Denn es ließ sich schon vor dem Frühjahr erahnen, dass die UEFA mit aller Macht versuchen würde, dieses Turnier durchzuziehen. Zu wichtig waren die TV- und Sponsorenverträge. Als im März in Deutschland die Zahl der Neuinfektionen wieder kontinuierlich stieg, setzte der Verband den Spielorten "die Pistole auf die Brust", wie es Münchens Oberbürgermeister Dieter Reiter erst jüngst im "Zeit"-Interview nannte.

Mindestens 2500 Corona-Infektionen

Er habe so etwas noch nicht erlebt, sagte der Politiker. Denn die Ansage der UEFA war klar: Entweder ihr lasst mindestens 14.500 Fans ins Stadion oder ihr seid kein Spielort der UEFA EURO 2020. Dublin und Bilbao konnten und wollten das nicht. Beide Städte zogen zurück. Immerhin: Bilbao bekam dafür das Finale der Champions League der Frauen zugesprochen, ein Europa-League-Finale und 1,3 Millionen Euro.

Was auf die anderen teilnehmenden Städte noch zukommen wird, lässt sich nur erahnen. Nach der dritten Turnierwoche meldete die europäische Gesundheitsbehörde ECDC insgesamt 2500 Corona-Neuinfektionen, die auf die EM zurückzuführen waren. Beispielsweise brachten Dutzende Finnen nicht nur die ersten EM-Erinnerungen, sondern auch das Coronavirus zurück. Ähnliches galt wohl für die Schotten.

Ob und wie sich Menschen im Stadion infizieren, ist unklar und eher unwahrscheinlich. Bisher gibt es "nur" diese 2500 Fälle, die im direkten Kontext mit dem Turnier stehen. Doch auch die werden von UEFA-Chef Aleksander Čeferin infrage gestellt. Im BBC-Podcast "The Sports Desk" erklärte er, dass er keinen Beweis für einen Zusammenhang sehe. Zudem seien 20.000 Schotten eben ohne Ticket angereist. Dem Fußball die Schuld für die Verbreitung des Virus zu geben, halte er für "unverantwortlich". Zudem mussten alle Zuschauer und Zuschauerinnen doppelt geimpft, frisch getestet oder genesen sein.

Bei der Debatte um die EM zählt mutmaßlich auch das, was schon bei der Debatte um den Bundesliga-Neustart im Mai 2020 schon galt. Das Geschehen innerhalb des Stadions ist vermutlich nicht schlimm. Problematisch wird es beim Drumherum: angefangen beim gemeinsamen Treffen in der Gastronomie, über vollgepackte Bahnen, bis hin zu riesigen Fanfesten. Alles, was nicht unter freiem Himmel stattfindet, könnte großes Ansteckungspotenzial bergen. Klar, inzwischen sind viel mehr Menschen geimpft, besonders die Älteren. Aber es müssen sich nur genügend Junge anstecken, damit auch die Zahl der Krankenhauseinweisungen steigt.

Und die UEFA? Unbeeindruckt vom britischen Infektionsgeschehen übte sie offenbar noch Druck auf London aus, Quarantäneregeln für VIP-Gäste und UEFA-Offizielle zu lockern. Sie sollten ohne die obligatorische fünftägige Quarantäne zu den letzten Spielen ins Wembley-Stadion dürfen. Gemeinsam mit den anderen 60.000 Menschen. Sonst hätten die beiden Semifinals und das Endspiel auch einfach nach Budapest verlegt werden können. So, wie man es schon während Champions-League-Saison machte. Eine untergeordnete Rolle spielt dabei, dass Großbritannien wieder die höchsten täglichen Neuinfektionen seit Januar meldet und man nach der EM dennoch alle Corona-Beschränkungen fallen lassen will.

Zwischen "Geldmacherei" und "verantwortungslos"

Der Verband bekam seinen Willen. 60.000 Menschen durften am vergangenen Mittwochabend bejubeln, wie die englischen "Three Lions" gegen Dänemark ins Finale eingezogen sind. Die aus dem Ausland angereisten Gäste der UEFA sogar ohne vorherige Quarantäne. Klar, als Fußballfan sieht man diese Bilder mit Freude. Endlich wieder ein Fußballfest. Endlich ist das wieder da, was den Sport eigentlich ausmacht. Endlich dürfen Kinder ihre Helden wieder aus nächster Nähe sehen. Endlich muss man nicht mehr das Geschrei einiger Trainer und Spieler hören. Doch beim Blick auf die Corona-Lage verfliegt die Euphorie relativ schnell.

Das tat sie auch bei Bundeskanzlerin Angela Merkel, Innenminister Horst Seehofer und Gerhard Schröder. Sogar der Altkanzler, selbst seit Jahren mit dem EM-Großsponsor Gazprom verbandelt, warf der UEFA wegen derer Wembley-Pläne "Geldmacherei" vor. Merkel sagte, sie sei skeptisch, ob das nicht alles zu viel sei. Seehofer hielt die Position der UEFA für "absolut verantwortungslos". Viele Stimmen aus Politik und Wissenschaft reihten sich in diese Kritik ein.

Dass es auch anders gegangen wäre, zeigt das EM-Pendant in Südamerika. Und dort schütteln die Menschen vermutlich mit dem Kopf, wenn sie nach Europa und das Kontinental-Turnier blicken. Fast zeitgleich findet dort die Copa América unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. Selbst der umstrittene Rechtspopulist und Brasiliens Präsident Jair Bolsonaro agierte dort etwas umsichtiger als die UEFA. Auch wenn sich selbst das Team von Gastgeberland gegen das Turnier ausgesprochen hatte - alle Partien der Copa sind Geisterspiele. Bisher infizierten sich dort mehr als 140 Menschen aus den Teams und den Betreuerstäben.

Immerhin weist die UEFA hier eine halbwegs positive Bilanz auf. Nur neun Spieler steckten sich mit dem Virus an, bei Spaniens Diego Llorente soll der Test falsch positiv gewesen sein. Das Hygienekonzept für die Profis scheint also halbwegs aufgegangen sein. Dafür waren die Spieler einem immensen Reisestress ausgesetzt. Beispielsweise spulten die Dänen bei ihrer Heldenreise etwa rund 9600 Kilometer ab.

Was bleibt von der EM?

Die ersten Gruppenspiele fanden in Kopenhagen statt, danach ging es nach Amsterdam gegen Wales. Aus der niederländischen Hauptstadt musste das Team nach Baku (Aserbaidschan) fliegen, um danach fürs Halbfinale gegen England wieder ins Wembley-Stadion zu müssen. Zwischendrin kehrten sie immer wieder ins Basiscamp bei Kopenhagen zurück. Bei den Schweizer waren es sogar 19.640 Kilometer mit einem Spiel weniger. Eine interessante Idee in Zeiten der Klimakrise.

Was bleibt also von dieser EM? Neben dem Sportlichen ist da auch die Macht der Bilder. Wenn man in 20 Jahren an dieses Turnier zurückdenkt, ist es vor allem das Drama um den Dänen Christian Eriksen. Der im Vorrundenspiel gegen Finnland vor den Augen seiner Mitspieler kollabierte und noch auf dem Rasen wiederbelebt werden musste.

Und bei dessen Reanimation die ganze Welt zuschauen konnte, während den abgestürzten Greenpeace-Aktivisten vor dem Deutschlandspiel gegen Frankreich nur die wenigsten vor dem Fernseher mitbekamen. Es bleibt auch, wie die UEFA nicht aus dem Anschlag auf den BVB-Mannschaftsbus nicht gelernt hat. Und genauso wie das Team von Thomas Tuchel damals, die Dänen zwang, das Spiel entweder am selben Abend oder am nächsten Mittag zu Ende zu spielen.

Doch so ganz war auch Čeferin von diesem paneuropäischen Mammutprojekt nicht überzeugt. Und zwar nicht aus den genannten Klimagründen. Oder nicht den genannten pandemischen Gründen. Sondern, weil der Turniermodus mit seinen Reisen unfair gegenüber Teams und Fans gewesen sei. Als Beispiel nannte er Reisen von Baku nach Rom. Ob er es nochmal in dieser Form wiederholen würde? "Ich denke nicht, dass wir es nochmal machen." In 2024 findet das Turnier in Deutschland statt, dort sind immerhin die Wege kürzer.

Quelle: ntv.de

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