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Philipp Lahm (r.) neben Joachim Löw während der WM in Brasilien. Nach dem Titelgewinn trat Lahm zurück.
Philipp Lahm (r.) neben Joachim Löw während der WM in Brasilien. Nach dem Titelgewinn trat Lahm zurück.(Foto: picture alliance / dpa)
Montag, 13. Juni 2016

EM-Analyse mit Hickersberger: "Lahm geht an allen Ecken und Enden ab"

Nicht weltmeisterlich, aber erfolgreich bestreitet die deutsche Fußball-Nationalmannschaft ihren EM-Auftakt gegen die Ukraine. Der zwischenzeitliche Kontrollverlust in Halbzeit eins wird Weltmeistertrainer Joachim Löw aber durchaus nachdenklich machen. Das sagt der frühere österreichische Nationaltrainer Josef Hickersberger in der Spielanalyse für n-tv.de. Die Leistung von DFB-Keeper Manuel Neuer nennt Hickersberger "sensationell", sein Spieler der Partie ist dennoch ein anderer DFB-Kicker. Mesut Özil hält er trotz blasser Leistung vorerst die Treue - und Philipp Lahm immer noch für unersetzlich.

n-tv.de: Eröffnungsspiele bei großen Turnieren sind traditionell heikel, siehe Frankreichs Stotterstart oder Englands schwarze Serie. Gemessen daran: Wie fanden Sie Deutschlands EM-Auftakt gegen die Ukraine?

Josef Hickersberger: Unterschiedlich. Zunächst dachte ich mir, es ist alles wie gehabt. Der Jogi Löw bleibt nach den Ausfällen von Marco Reus und Antonio Rüdiger gelassen, vertraut seinen Weltmeistern und setzt auf die bewährten Automatismen. Shkodran Mustafi rückt in die Viererkette und köpfelt dann auch das wichtige 1:0. Die ersten 20 Minuten hat Deutschland eigentlich hervorragend gespielt.

Und dann?

Zwischen 1987 und 1990 sowie zwischen 2006 und 2008 war Josef Hickersberger Trainer der österreichischen Nationalmannschaft. Für n-tv.de analysiert er die deutschen EM-Spiele.
Zwischen 1987 und 1990 sowie zwischen 2006 und 2008 war Josef Hickersberger Trainer der österreichischen Nationalmannschaft. Für n-tv.de analysiert er die deutschen EM-Spiele.(Foto: imago sportfotodienst)

Hat sich eine für mich spektakuläre erste Spielhälfte entwickelt, in der die Ukraine hochgradige Torchancen vorgefunden hat. Manuel Neuer musste zweimal retten, außerdem einmal Jerome Boateng auf der Linie. Das war dann sehr unerwartet. Deutschland hat nach dem guten Beginn große Probleme gehabt beim Umschalten auf die Defensive, hat mit den schnellen Angriffen über die ukrainischen Flügel von Konoplyanka und Jarmolenko Schwierigkeiten gehabt, war bei Eckbällen sehr unsicher. Die Pausenführung war sehr glücklich.

Welche Erklärung haben Sie für den Bruch?

Die Ukraine hat sehr gut nach vorne gespielt und war sehr gefährlich, das hat Eindruck hinterlassen. Da hat die ganze deutsche Mannschaft ihre Sicherheit der ersten 20 Minuten verloren. Sie war plötzlich verblüfft, überrascht.

Dabei hat die Ukraine taktisch keineswegs überrascht, sondern exakt so gespielt wie erwartet. Wie bedenklich ist der Kontrollverlust des DFB-Teams vor diesem Hintergrund?

Nachdenken wird Joachim Löw darüber auf alle Fälle und das auch genau analysieren. Denn das war ungewöhnlich.

Am Ende stand in Lille dennoch der erste Sieg bei dieser EM mit mehr als einem Tor Unterschied. Verdient?

Die zweite Halbzeit war spielerisch eher enttäuschend. Jogi Löw hat offenbar in der Pause die richtigen Worte gefunden, Deutschland das Spiel dann kontrolliert und kaum noch etwas zugelassen. Gleichzeitig hat die Ukraine körperlich und konditionell abgebaut und wenig riskiert, obwohl sie in Rückstand war. Das Ende war dann natürlich märchenhaft: Einwechslung von Bastian Schweinsteiger, und der "Schweini" macht dann noch das 2:0. Das hätte ein Regisseur nicht besser schreiben können.

Hand aufs Herz: Reicht so eine deutsche Leistung im Finale gegen Österreich?

(lacht) Das wäre schön, wenn Sie mir die Frage in einem Monat noch einmal stellen könnten. Schön für Österreich.

Wenige Minuten auf dem Platz, abgezockt getroffen: Bastian Schweinsteiger
Wenige Minuten auf dem Platz, abgezockt getroffen: Bastian Schweinsteiger(Foto: imago/Moritz Müller)

Trotz des filmreifen Happy Ends fürs DFB-Team durch Schweinsteiger: Hätten Sie ihn überhaupt mit zur EM genommen?

(längeres Schweigen) Ich weiß es nicht. Ich glaube, eher nicht. Seine Nominierung war schon eine außergewöhnliche Geschichte, eine sehr mutige Entscheidung von Joachim Löw. Denn diese Entscheidung ist ja leicht angreifbar. Das Tor ändert jetzt zwar nichts an der Wertschätzung, die Löw für Schweinsteiger empfindet. Aber natürlich wird der Bundestrainer auch erleichtert sein, dass Schweinsteiger bereits im ersten Kurzeinsatz bewiesen hat: Er kann noch immer sehr wertvoll sein für die deutsche Mannschaft.

EM-Kurzeinsätze für den etatmäßigen Kapitän, sind die genug für eine Nominierung?

Man erwartet natürlich von Schweinsteiger mehr, als nur im Kader dabei zu sein. Aber er wird noch einige Zeit und harte Arbeit brauchen, bis er so weit ist, wie er bei der WM in Brasilien war.

Einer der Gewinner im DFB-Team war Joachim Löw. Seine Startbilanz bei großen Turnieren lautet nun: fünf Spiele, fünf Siege, 13:0-Tore. Bitte erklären Sie unseren englischen Lesern, wie so etwas möglich ist.

Das kann man nicht erklären. Das ist einfach ein außergewöhnlicher Rekord, und der wird auch nie mehr gebrochen werden.

In der ersten Halbzeit gegen die Ukraine schien Löws Abwehrtaktik allerdings zu lauten: Manuel Neuer wird es schon richten. Kann man so Europameister werden?

Mit Manuel Neuer kann man nicht nur Europameister, da kann man Weltmeister und Europameister werden. Der macht's möglich. Er war sensationell, obwohl er für mich nicht der Man of the Match war.

Sondern?

Jerome Boateng. Spieleröffnung hervorragend. Mit einem Innenverteidiger, mit dem er vorher kaum zusammengespielt hat, hat er die Abwehr zusammengehalten. Er hat einen unglaublichen Save gemacht in der ersten Hälfte, im Rückwärtsfallen noch den Ball von der Linie gekratzt. Für mich war das der beste Boateng seit langer, langer Zeit. Wieder auf diesem Niveau zu spielen, ist eine unglaubliche Leistung.

Wen haben Sie gegen die Ukraine im deutschen Spiel mehr vermisst: Marco Reus in der Offensive oder Philipp Lahm überall?

Da gibt es überhaupt keinen Zweifel. Philipp Lahm geht der Mannschaft natürlich an allen Ecken und Enden ab. Er war nicht nur ein sensationeller Kapitän, sondern auch ein überragender Spieler auf mehreren Positionen, sowohl im Mittelfeld als auch auf der rechten Außenbahn. Deutschland hat auf den Außenpositionen in der Abwehr schon seit mehreren Jahren große Probleme. Und wenn dann ein Philipp Lahm aufhört, der auf beiden Seiten spielen könnte, werden diese Schwächen noch verstärkt.

Jerome Boateng bei seiner artistischen Einlage - nicht nur deshalb war der Innenverteidiger der beste Deutsche.
Jerome Boateng bei seiner artistischen Einlage - nicht nur deshalb war der Innenverteidiger der beste Deutsche.(Foto: imago/ActionPictures)

Drei Innenverteidiger in der deutschen Abwehr überzeugen Sie nicht?

Wir hatten das Problem ja schon vor zwei Jahren bei der Weltmeisterschaft in Brasilien, wo Boateng als rechter Außenverteidiger und Benedikt Höwedes als linker Außenverteidiger begonnen hat. Mit vier Innenverteidigern eine Viererkette zu bilden, das war sehr ungewöhnlich und hätte meiner Meinung nach nicht gereicht, um Weltmeister zu werden.

Damals konnte Löw umstellen.

Richtig. Er hat Lahm zurückgenommen und das war dann der entscheidende Schachzug, um den Titel zu holen. Das geht diesmal nicht.

Hätten Sie mehr Außenverteidiger nominiert?

Ich kann nicht beurteilen, aus welchen Gründen Marcel Schmelzer aus Dortmund nicht dabei ist. Das ist eine Frage, die offen bleibt.

Neben den fehlenden Außenverteidigern bleibt Mesut Özil ein Dauerthema. Wann bekommt Fußballdeutschland bei einem großen Turnier endlich den Özil zu sehen, von dem Bundestrainer Joachim Löw vorm Turnierstart immer so schwärmt?

Özil war längere Zeit nicht ins Spiel eingebunden, eher blass, würde ich sagen. Aber im richtigen Augenblick hat er dann wieder ein Tor vorbereitet.

Werden solche sporadischen Highlights seinem Potenzial gerecht?

Das wird man in den nächsten Spielen besser beurteilen können. Das war erst der Beginn.

Hätte Marco Reus der deutschen Offensive gut getan?

Ein Marco Reus in Form ist selbstverständlich eine enorme Bereicherung für jede deutsche Offensivformation, weil er ein außergewöhnlicher Spieler ist. Nur: Deutschland hat ohne Reus, der unglaubliches Pech hatte, in Brasilien den Titel geholt. Warum sollte das ohne Reus nicht auch bei der Europameisterschaft gelingen?

Die EM wird in diesem Jahr erstmals mit 24 statt 16 Teams ausgespielt, in der Vorrunde scheiden nur acht Teams aus. Was halten Sie von diesem Modus?

Ich halte das nicht für gut, dass sich auch die vier besten Gruppendritten für die K.o.-Runde qualifizieren. Es sind einfach zu viele Spiele und viele Mannschaften werden versuchen, gegen die Favoriten mit Defensive zu einem guten Resultat zu kommen. Da wird dann eine knappe Niederlage gegen einen Gruppenfavoriten schon als Erfolg angesehen. Damit kann ich mich nicht anfreunden.

Welches Team hat Sie in den ersten sieben EM-Spielen am meisten überrascht?

Die erste Spielhälfte von England gegen Russland war das Beste, was wir bislang bei dieser Europameisterschaft gesehen haben. Letztlich sind sie mit ihren Kräften nicht über die 90 Minuten gekommen und haben in allerletzter Sekunde noch den Ausgleich bekommen. Aber die Spielweise der Engländer in der ersten Hälfte war schon sehr gut.

Frankreich hat sich überraschend schwer getan. Wird der vermeintliche Heimvorteil zu einem Heimnachteil?

Die Franzosen haben bei der EM 1984 und der WM 1998 schon zweimal bewiesen, dass sie ihren Heimvorteil zu Titelgewinnen nutzen können. Ich war im Eröffnungsspiel eher von Rumänien positiv überrascht als von Frankreich enttäuscht. Für mich bleibt Frankreich der große Favorit - neben Deutschland.

Mit Josef Hickersberger sprach Christoph Wolf

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Quelle: n-tv.de