Fußball-WM

DFB-Pleite im WM-Schnellcheck "Hansi Flick, was ist das?"

Vorne lässt die deutsche Fußball-Nationalmannschaft die Chancen aus, hinten lädt sie unfreiwillig zum Toreschießen ein. Die Niederlage im WM-Auftaktspiel wirft viele Fragen auf, die Bundestrainer Hansi Flick jetzt beantworten muss. Zumal es eine Pleite ist, wie es sie seit 44 Jahren nicht gegeben hat.

Was ist passiert im Khalifa International Stadium?

Im Stadion der Schande produziert die deutsche Nationalmannschaft ihre ganz eigene 2022er-Version der Schmach von Córdoba. Weniger, weil die Umstände dieser 1:2-Niederlage gegen Japan an das legendäre 2:3 gegen Österreich bei der Weltmeisterschaft 1978 in Argentinien erinnern, das Hans Krankl und Radioreporter Edi Finger ewigen Ruhm verschaffte. Sondern viel mehr, weil die DFB-Elf heute in Katar erstmals seit jenem Tag vor 44 Jahren wieder ein WM-Spiel verloren hat, obwohl sie mit einer Führung in die Halbzeit gegangen ist. İlkay Gündoğan erklärt kurz nach Abpfiff, dass der japanische Siegtreffer von Takuma Asano vielleicht das einfachste Tor sei, das je bei einem Weltturnier gefallen ist. In der 83. Minute ist es ein einziger langer Ball, der die deutsche Abwehr ins Chaos stürzt - und nach der WM 2018 und der EM 2021 für die dritte Auftaktniederlage bei einem großen Turnier sorgt.

Es sei "schwierig, mit dieser nicht vorhandenen Effizienz vorne und hinten das Spiel zu gewinnen", sagt Thomas Müller in einer ersten Reaktion nach Spielende am ARD-Mikrofon. Das klingt nach viel Arbeit für Bundestrainer Hansi Flick, der nun bis zum Anpfiff gegen Spanien (Sonntag, 20 Uhr/ZDF, MagentaTV und im Liveticker bei ntv.de) Antworten auf die vielen Fragen finden muss, die diese 90 Minuten aufgeworfen haben. Defensiv gerät die DFB-Elf erstmals in der 8. Minute ins Wanken, als Daizen Maeda aus knapper Abseitsposition trifft und einem starken japanischen Konter damit die Belohnung verwehrt.

Danach bestimmt das Team von Bundestrainer Hansi Flick über weite Strecken die Partie, mehr als der verwandelte Strafstoß von Gündoğan in der 33. Minute schafft es aber nicht in die Ergebnisanzeige. Stattdessen vergibt die Offensivabteilung um den starken Jamal Musiala, den eifrigen Serge Gnabry und den rechtzeitig einsatzbereiten Thomas Müller eine aussichtsreiche Gelegenheit nach der anderen. In der zweiten Halbzeit stellt Japan taktisch um und bestimmt vor allem ab der 60. Minute das Spiel. Der eingewechselte Takumi Minamino zwingt Manuel Neuer in der 76. Minute zu einer Abwehr in die Mitte, da steht Ritsu Doan - und der Profi des SC Freiburg trifft zum Ausgleich. Sieben Minuten später ist es der beim Borussia Mönchengladbach angestellte Ko Itakura, dessen Steilpass Schlotterbeck & Co. folgenschwer überrumpelt, ehe der Bochumer Takuma Asano das Siegtor erzielt.

Und so steht die DFB-Elf wie schon bei den beiden vorangegangen Turnieren bereits nach dem ersten Spiel vor dem Aus. Sowohl 2018 (2:1 gegen Schweden) als auch 2021 (4:2 gegen Portugal) gelang danach ein Sieg - beide Turniere aber endeten mit frühem Ausscheiden und weit abseits der eigenen Erwartungen. Die lauten im Jahr 2022, wenn auch selten so offensiv formuliert, dass nicht weniger als der fünfte WM-Titel das Ziel sei - allerdings wartet am Sonntag mit Spanien nun der DFB-Angstgegner im zweiten Vorrundenspiel. Die Erinnerung an das 0:6 im November 2020 sind noch frisch, den letzten Pflichtspielerfolg gegen die Iberer gab es bei der EM 1988. Seitdem folgten zwei Unentschieden und drei Niederlagen, neben der Klatsche in der EM-Quali noch das EM-Finale 2008 (0:1) und das WM-Halbfinale 2010 (ebenfalls 0:1).

Teams & Tore

Deutschland: Neuer/FC Bayern (36 Jahre/115 Länderspiele/ 0 Tore) - Süle/Dortmund (27/43/1), Rüdiger/Real Madrid (29/55/2), Schlotterbeck/Dortmund (22/7/0), Raum/Leipzig (24/13/0) - Kimmich/FC Bayern (27/72/5), Gündoğan/Manchester City (32/64/17) ab 67. Goretzka/FC Bayern (27/46/14) - Gnabry/FC Bayern (27/37/20) ab 90. Moukoko/Dortmund (18/2/0), Müller/FC Bayern (33/119/44) ab 67. Hofmann/Mönchengladbach (30/18/4), Musiala/FC Bayern (19/18/1) ab 79. Götze/Frankfurt (30/64/17) - Havertz/Chelsea (23/31/10) ab 79. Füllkrug/Bremen (29/2/1); Trainer: Flick
Japan: Gonda/Shimizu S-Pulse (33/35/0) - Hiroki Sakai/Urawa Red Diamonds (32/73/1) ab 75. Minamino/Monaco (27/45/17), Yoshida/Schalke (34/113/12), Itakura/Mönchengladbach (25/14/1), Nagatomo/FC Tokio (36/139/4) ab 57. Mitoma/Brighton & Hove Albion (25/10/5) - Endo/Stuttgart (29/44/2), Ao Tanaka/Düsseldorf (24/16/2) ab 71. Doan/Freiburg (24/30/4) - Junya Ito/Stade Reims (29/39/9), Kamada/Frankfurt (26/23/6), Kubo/Real Sociedad (21/21/1) ab 46. Tomiyasu/Arsenal (24/30/1) - Maeda/Celtic Glasgow (25/9/1) ab 57. Asano/Bochum (28/38/8); Trainer: Moriyasu
Schiedsrichter: Ivan Barton (El Salvador)
Tore: 1:0 Gündoğan (33., Foulelfmeter), 1:1 Doan (75.), 1:2 Asano (83.)
Zuschauer: 42.608 (in Ar-Rayyan)
Gelbe Karten: keine

Unseren Spielbericht finden Sie hier.

Wer war der Schlüsselspieler?

Jamal Musiala hätte der Held dieses Spiels werden können. Der 19-Jährige ist über weite Strecken der gefährlichste Offensive im deutschen Spiel - und zeigt in der 51. Minute leider eindrucksvoll, woran es der DFB-Elf fehlt. Mit fünf japanischen Verteidigern nimmt es Musiala auf, als er von der linken Seite in den Strafraum dribbelt. Niemandem gelingt es, ihn auf dem Weg ins Zentrum vom Ball zu trennen, wo er trotz aller Bedrängnis eine gute Abschlussposition hat - und den Ball weit über das Tor jagt.

Seine Stärke im Dribbling, gerade in engen Räumen, ist unübersehbar, führt gegen Japan aber bedauerlicherweise nicht zum Erfolg. Nach seiner Auswechslung fehlt der DFB-Elf das kreative Moment, die verbesserte japanische Defensive vor Probleme zu stellen. Ein Lob für Musiala. Aber auch eine besorgniserregende Erkenntnis für eine Mannschaft mit so viel (nomineller) Qualität.

Wie hat sich das deutsche Team geschlagen?

Vor allem selbst, so scheint es. Dass Japan in der Halbzeit reagieren würde, dürfte das Trainerteam um Hansi Flick nicht überrascht haben. Dass die DFB-Elf jedoch keine Antwort darauf findet, gibt Anlass zur Beunruhigung. Manuel Neuer hielt seine Mannschaft zunächst im Spiel, Antonio Rüdiger war immer wieder damit beschäftigt, die Ungenauigkeiten und Unaufmerksamkeiten seiner Nebenleute auszubügeln.

Die defensiven Nachlässigkeiten der vorangegangenen Partien hatte Japans Trainer Hajime Moriyasu augenscheinlich gut analysiert und seiner Mannschaft erklärt, welche Lücken den Weg zum Tor eröffnen. Das 1:2 durch Asano steht sinnbildlich dafür. Asano, beim VfL Bochum vorrangig auf dem Flügel unterwegs, stellte übrigens jüngst eine Nachfrage, die nach diesem Spiel in Deutschland wiederholt gestellt werden dürfte. Auf die Bitte, in deutscher Sprache etwas zu Hansi Flick zu sagen, fragte er: "Hansi Flick, was ist das?"

Der Protest vor Spielbeginn, als sich die deutschen Fußballer zum Mannschaftsfoto die Hand vor den Mund hielten, war bildgewaltig. Auch, wenn das Weltbild die Szene nicht zeigte, wird diese Geste um die Welt gehen. Ein Ausdruck der gefühlten Machtlosigkeit im Konflikt mit der FIFA, der sich rund um die "One Love"-Binde entsponnen hat. Dass dieser stille Protest die Macht des Weltverbands bricht, erscheint aber höchst fraglich.

Wie war es im Stadion?

Das Teaser-Video auf dem offiziellen Twitter-Account der WM machte falsche Hoffnungen. "Jetzt ist alles in Deutschland", ruft darin ein Mann in Schwarz-Rot-Gold in die Kamera, offensichtlich eine allzu wörtliche Übersetzung eines Ursprungssatzes, der in etwa "Now it's 'All In' Germany" lauten dürften - was eigentlich eher "Jetzt zählt es für Deutschland" heißen müsste. Zumal eben nicht "alles in Deutschland" stattfindet, sonst wären meine Kollegen Stephan Uersfeld und David Bedürftig ja nicht aufgebrochen, um für ntv.de aus Katar zu berichten. Wie sie die Leistung der 16 eingesetzten DFB-Profis einschätzen, lesen Sie hier.

Der Tweet zum Spiel

Quelle: ntv.de

ntv.de Dienste
Software
Social Networks
Newsletter
Ich möchte gerne Nachrichten und redaktionelle Artikel von der n-tv Nachrichtenfernsehen GmbH per E-Mail erhalten.
Nicht mehr anzeigen