Fußball

Die Lehren des 19. Spieltags BVB-Fans blamiert, Lahm gibt den Feuerkopf

04.02.2017, xblx, Fussball 1.Bundesliga, FC Bayern Muenchen - FC Schalke 04, emspor , v.l. Javi Martinez (FC Bayern Muenchen), Manuel Neuer (FC Bayern München), Douglas Costa (FC Bayern Muenchen), Thomas Mueller (FC Bayern Muenchen), David Alaba (FC Bayern Muenchen), enttaeuscht, enttaeuscht schauend, dissapointed Muenchen

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Klatschen nach einem Remis gegen Schalke, aber Begeisterung sieht anders aus: Die Bayern

(Foto: imago/Jan Huebner)

Die Wurschtigkeit des FC Bayern wird am 19. Spieltag der Fußball-Bundesliga erstmals bestraft. Die Spieler des BVB präsentieren sich gegen RB in Topform, die Fans nicht. Und den Kölnern weist das Karma den Weg nach Europa.

1. Auch die Bayern kommen nicht mit allem durch

Es sah ein bisschen so aus, als wollte Manuel Neuer sich ein Handicap einbauen. So wie Schachweltmeister Magnus Carlsen, wenn er Simultan-Partien mit verbundenen Augen spielt. Ganze drei Mann beorderte der Bayern-Keeper in die Mauer, vor der sich Naldo postiert hatte – genau der Naldo, der für seinen Wumms ligaweit gefürchtet wird. Als der Ball die untaugliche Mauer passiert hatte, fiel Neuer dann auch noch so plump, als erwache er gerade aus einer Yoga-Entspannungsübung. Ein Gegentreffer, den ein Neuer in Normalform nicht kassiert.

Es war aber auch schon wieder alles so einfach gewesen. Ohne Gegenwehr hatte Robert Lewandowski schon in der 9. Minute das 1:0 erzielen dürfen, besonders Rückkehrer Holger Badstuber machte im königsblauen Trikot eine unglückliche Figur. Doch dann stellte sich diese allgemeine Kraft-, Ziel- und Ratlosigkeit ein, die den FC Bayern in dieser Rückrunde regelmäßig befällt. Coach Carlo Ancelotti machte nach dem 1:1 gegen Schalke die "fehlende Opferbereitschaft" verantwortlich dafür, dass sich sein Team in der zweiten Halbzeit bis zur 86. Minute keine nennenswerte Torchance erarbeiten konnte und überhaupt gründlich enttäuschte. Tatsächlich sieht es so aus, als wenn es der gesamten Mannschaft wie Manuel Neuer vor dem 1:1 an der nötigen Körperspannung fehlt, vielleicht sogar am nötigen Ernst – und wo das gegen Freiburg und Bremen noch gut ging, hat es die Bayern nun erstmals Punkte gekostet.

Spätestens jetzt stellt sich die Frage, ob der pomadige Bayern-Start 2017 eine direkte Konsequenz des "laissez faire"-Ansatzes von Carlo Ancelotti ist, der im Gegensatz zu Josep Guardiola auf allzu konkrete taktische Vorgaben verzichtet. Jedenfalls sah sich Jubilar Philipp Lahm bemüßigt, sich für den Matthias-Sammer-Gedächtnispreis für Mahnen und Raunen zu bewerben: "Die Mannschaft muss sich bewusst sein, dass es so wie in den letzten Wochen nicht gehen kann. Sonst sind wir ganz schnell in mehreren Wettbewerben auf einmal raus." Ab Dienstag im Pokal muss Ancelotti beweisen, dass er das ist, wofür die Bayern ihn geholt haben: Ein Mann für die wichtige Saisonphase.

2. Der BVB hat ein Mentalitätsproblem

Es gibt da diesen Spruch, den Jürgen Klopp hasst wie nichts anderes, wie er 2014 noch in Diensten des BVB sagte: "Ein gutes Pferd springt nur so hoch, wie es muss." Vielleicht schaut er dieser Tage mal in ein Wörterbuch, ob es ein ähnliches englisches Sprichwort gibt, das er hassen kann, schließlich verdaddelt sein FC Liverpool mit unerklärlich schwachen Leistungen gegen die Kleinen der Premier League gerade die gute Position, die er sich mit tollen Auftritten gegen die Topteams erspielt hatte. Klopp scheint also nicht der richtige Ansprechpartner, wenn Thomas Tuchel nach Lösungen dafür sucht, was der Kollege Felix Meininghaus nach dem spektakulären 1:0 gegen RB Leipzig das "Mentalitätsproblem" der Dortmunder nennt: Gegen Bayern, Real und RB fluppt es, bei den Pflichtaufgaben bleiben die Punkte liegen. Offenbar, das könnte ein Ansatz sein, muss man diese Dortmunder bei der Ehre packen. RB hatte ja unter der Woche keine Gelegenheit ausgelassen, den Trainer ("Ich bin nicht traurig, dass er nicht zu uns gekommen ist" – Vorstandschef Oliver Mintzlaff) und das Team ("Ihnen fehlt der Killerinstinkt" – Trainer Ralph Hasenhüttl) zu provozieren.

Dementsprechend angestochen ging der BVB ins Spiel, beispielhaft der Bodycheck von Aggressive Leader Sokratis gegen Yussuf Poulsen nahe der Seitenlinie in Hälfte eins. Ganze 23 Minuten war der Ball in Halbzeit eins wirklich im Spiel, der Rest waren Unterbrechungen - so intensiv ging es zur Sache. Als der BVB dann herausgefunden hatte, wo die Leipziger Schwäche lag – bei den hochstehenden Innenverteidigern – dauerte es nicht lange zum verdienten 1:0. Auch danach dominierten die Hausherren; dumm nur, dass Hasenhüttl Recht behalten sollte: Der Killerinstinkt fehlte den Dortmundern tatsächlich. Allein Marco Reus vergab einen Hattrick. "Fast schon fahrlässig", sagte sein Trainer Thomas Tuchel, und das "fast schon" kann man getrost streichen. Hätte der Leipziger Ausgleich kurz vor Schluss gezählt, Reus wäre zur tragischen Figur geworden. Aber so klang Tuchel wieder wie einer, der noch etwas vorhat in dieser Saison: "Ich finde, dass so ein besonderer Sieg in einem so außergewöhnlichen Spiel ein perfekter Moment ist, mal einen Schlussstrich unter die Unruhe zu ziehen und sich wieder auf das Sportliche zu konzentrieren." Aber Achtung: Der nächste Bundesliga-Gegner heißt Darmstadt.

3. Modern Football, bloody Hell

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Die Südtribüne in Dortmund im Spiel gegen Leipzig

(Foto: imago/Jan Huebner)

Es trug sich Seltsames zu am Samstagabend im Signal Iduna Park zu Dortmund. "Ihr macht unseren Sport kaputt", sangen die Fans der Borussia Dortmund GmbH & Co. KGaA , deren Aktie aktuell bei 5,34 Euro notiert. Auf einem der wenigen Banner, die nicht einfach mit stumpfen bis indiskutabel hässlichen Parolen bemalt waren, positionierten sie sich "für den Volkssport Fußball und gegen die, die ihn zerstören". Ganz so, als seien die kleinen und großen Übel des modernen Fußballs im neoliberalen Kapitalismus auf einen moralischen Defekt zurückzuführen, gegen den der BVB dank seiner traditionsbewussten Fans immun ist. Der Fairness halber sei notiert: Der organisierte Teil der Südtribüne, wo der harte Kern der Fans steht, machte in seinem Protest-Aufruf vor dem Spiel die "perversen Auswüchse" des Fußballgeschäfts auch beim eigenen Klub aus. Nur kam diese Einsicht am Samstagabend so gar nicht rüber. Stattdessen warfen einige wenige BVB-Fans Dosen und Steine auf alles, was nach Leipzigern aussah - was man ohnehin nicht machen sollte, aber schon gar nicht, wenn man einfach nur in einer anderen Etage des Glashauses sitzt.

Mit ihren dumpfen Aktionen machen es die Dortmunder Anhänger den Verantwortlichen aus Leipzig leicht, jede Kritik am Marketingprodukt RB zu diskreditieren. "Ich habe mir mal das Programmheft angeschaut. Ich glaube, wir haben 35 Seiten mit Anzeigen und Werbung blättern müssen", sagte RB-Vorstandschef Oliver Mintzlaff bei "Sky" in süffisantem Ton. "Viel mehr Kommerz als hier kann ich gar nicht finden, und das ist für mich fast Benchmark, was ich hier beim BVB sehe." Natürlich ist es Realsatire, wenn so etwas der Boss eines Vereins sagt, der nur zu Werbezwecken überhaupt existiert. Natürlich besteht ein gar nicht mal so kleiner, gar nicht mal so feiner Unterschied zwischen RasenBallsport Leipzig und Borussia Dortmund. Darauf kann man kreativ, gewitzt und durchaus kraftvoll hinweisen. Oder man kann es so verbocken wie die BVB-Fans.

4. Kölns Karma-Konto ist fett im Plus

Wir wissen nicht, was der FC im Sommertrainingslager in Kitzbühel außerhalb der Trainingszeiten so gemacht hat, wir vermuten allerdings: Rosenkränze gebetet und Rentnern über die Straße geholfen. Das Karma-Konto der Kölner scheint wieder prall gefüllt, ganz im Gegensatz zu letzter Saison, als die Kölner auffallend oft die Leidtragenden von Fehlentscheidungen der Referees waren. Und so brachte die vergangene Spielzeit nicht viel mehr ein als die Auszeichnung für den "Fußballspruch des Jahres" für FC-Trainer Peter Stöger, der nach einem klaren, ungeahndeten Handspiel von Hannovers Leon Andreasen sagte: "Ich hab dem Linienrichter meine Brille angeboten, aber auch das hat er nicht gesehen."

Am Samstag nun sahen Patrick Ittrich und seine Assistenten nicht, dass Anthony Modeste vor dem auch nur halbwegs elfmeterreifen Foul von Wolfsburgs Torwart Diego Benaglio im Abseits stand. Dem Franzosen war es wurscht, er verwandelte den Elfmeter zum ersten Heimsieg der Kölner gegen Wolfsburg seit April 2006. Und weil der FC damit noch immer in Reichweite der Champions League verbleibt, stellte ein besonders eifriger Reporter die Frage, ob Peter Stöger sich eine Europapokalprämie in den Vertrag verhandelt hat. "Hab ich das?", fragte der Österreicher in den Raum. "Hast Du", kam die Bestätigung von Manager Jörg Schmadtke. Stöger: "Hab ich, Ja."

5. Gefühl gewinnt nicht

Bevor Olaf Schubert bei Stefan Raab und der "Heute Show" bekannt wurde, tourte er mit der CD "Gefühl gewinnt" durch ostdeutsche Spelunken. Im Titelsong geht das Gefühl 2:0 in Führung, doch plötzlich steht es nur noch 2:1. Ganz schön knapp, singt Schubert, "doch am Ende zählt nur das Resultat". Wie hoch das Gefühl von Martin Schmitt gegen Hoffenheim führte, ist nicht bekannt. Wohl aber meinte der Mainzer Trainer nach dem Spiel, seine Mannschaft sei "vom Gefühl her ganz gut" gewesen. Die unbarmherzige Videotafel in Sinsheim zeigte aber ein 4:0 für die TSG 1899 Hoffenheim an. Die Tore erzielten in Abwesenheit von Deutschlands bestem Stürmer Sandro Wagner sein Stellvertreter Mark Uth, der Dauerreservist Adam Szalai (ein Doppelpack, alle seine drei Saisontreffer hat er gegen sein Ex-Team aus Mainz erzielt) und ein gewisser Marco Terrazzino, der sein Debüt vor ziemlich genau acht Jahren unter einem gewissen Ralf Rangnick feierte und seitdem in der Versenkung verschwunden war.

Gefühlt gar nicht mal so gut lief das Spiel gegen Freiburg für die Gladbacher über 73 Minuten, bis eine Einzelaktion von Lars Stindl den "Dosenöffner" gab, wie es Dieter Hecking nach dem letztlich zu hohen 3:0 formulierte. Der neue Coach hat nun sieben Punkte aus drei Spielen geholt und den "Fohlen" etwas verliehen, was ihnen in dieser Saison komplett abging: Konstanz. Tatsächlich hat Borussia Mönchengladbach mit dem Heimerfolg gegen die Breisgauer zum ersten Mal in dieser Spielzeit zwei Siege in Folge gefeiert.

6. Der Norden lebt - mal schlecht, mal recht

Mit dem 3000. Tor ihrer Bundesligageschichte durch Max Kruse gingen die Bremer am Sonntag in Augsburg 2:1 in Führung, nur Bayern München hat diese Schallmauer noch früher durchbrochen. Das Problem ist allerdings: Wenn es weiter so geht, wird Werder das erste Team, das 3000 Gegentreffer kassiert - wenn die Hanseaten nicht vorher absteigen. Zwei Patzer in der Defensive, und der Lohn für ein gutes Auswärtsspiel gegen den FCA war dahin. "Das fühlt sich extrem schwer und bitter an - nach diesem Spielverlauf", sagte Trainer Alexander Nouri. "Selbst mit dem 2:2 wäre ich nicht zufrieden gewesen." Gut gespielt, keine Punkte, das war schon gegen Dortmund und die Bayern so. Nun steht der SVW mit 16 Punkten und 41 Gegentoren – schlechtester Wert der Liga – auf Platz 16.

Wie man es nicht unbedingt besser, aber erfolgreicher macht, zeigte ausgerechnet der Nordrivale aus Hamburg im Freitagsspiel gegen Leverkusen. In einem Spiel auf überschaubarem Niveau zeigte der HSV immerhin den zuletzt vermissten Biss, verkörpert durch einen, für den der Begriff Kampfschwein erfunden wurde: Kyriakos Papadopoulos. Die Leihgabe traf mit dem Kopf zum entscheidenden 1:0 gegen seinen Stammverein Bayer Leverkusen, der HSV steht nun punktgleich mit Werder auf dem Relegationsplatz.

Quelle: ntv.de