Fußball

"Hilferuf eines Enttäuschten" Chefnörgler Scholl erntet massive Kritik

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Scholl ist der Meinung, der deutsche Fußball fahre gegen die Wand.

(Foto: imago/Jan Huebner)

Eine weichgespülte Masse, die bei der Ausbildung eine Gehirnwäsche durchläuft: So kennzeichnet Mehmet Scholl die Trainergeneration um Schalkes Domenico Tedesco. Diese Sicht hat er allerdings exklusiv - sogar Altmeister Jupp Heynckes springt den Kollegen bei.

Der ehemalige Nationalspieler Mehmet Scholl hat mit seinen polemischen Äußerungen über junge Trainer und Spieler Kritik und Unverständnis hervorgerufen. "Ich mag ihn sehr, seine Kreativität, seinen Humor. Aber dass er sich als Ex-Profi über Trainer stellt, die selbst keine Profis waren, ist grenzwertig. Und ich glaube, das weiß er auch", sagte Stuttgarts Aufstiegstrainer Hannes Wolf nach dem 0:2 (0:1) gegen Bayer 04 Leverkusen.

Scholl hatte in seiner Radiosendung "Mehmets Schollplatten" im Bayerischen Rundfunk die sogenannten "Systemtrainer" wie Wolf oder Domenico Tedesco (Schalke 04) kritisiert. "Die Tedescos, die Wolfs - sie sprießen aus dem Boden, und der deutsche Fußball wird sein blaues Wunder erleben", sagte er. Die Trainer-Ausbildung des deutschen Fußball-Bundes (DFB) bezeichnete er als "elfmonatige Gehirnwäsche".

"Studenten haben Fußball übernommen"

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Heynckes hat selbst mal angefangen - da war er 34.

(Foto: dpa)

Scholl bemängelte zudem, dass der Einzelne heutzutage keine Rolle mehr spiele. Die jungen Trainer seien "nicht wirklich an den Menschen und den Fußballern interessiert. Viel schlimmer: Diese ganzen Trainer gehen jetzt in den Nachwuchs, weil oben die Plätze begrenzt sind". In der "Bild" ergänzte er tags darauf: "Studenten haben die Nachwuchsleistungszentren und unsere große Liebe, den Fußball, übernommen."

Vor allem in der Nachwuchsarbeit hätten Trainer wie Wolf oder Tedesco nichts zu suchen, findet Scholl, sie würden das Individuum nicht mehr fördern. "Wir verlieren die Basis. Die Kinder müssen abspielen, sie dürfen sich nicht mehr im Dribbeln ausprobieren. Sie bekommen auch nicht mehr die richtigen Hinweise, warum ein Pass oder ein Dribbling nicht gelingt. Stattdessen können sie 18 Systeme rückwärtslaufen und furzen."

Heynckes nimmt Kollegen in Schutz

DFB-Chefausbilder Frank Wormuth konterte ebenfalls in der "Bild": "Inhaltlich entbehren diese Aussagen jeglicher Grundlage. Ich sehe nur einen Hilferuf eines Enttäuschten." Auch Bayern Münchens Trainer Jupp Heynckes ergriff Partei für Wolf, Tedesco und Co. "Man sollte jungen Trainern eine Chance geben und auch Fehler zugestehen", auch wenn dies in der heutigen Zeit "wahnsinnig schwierig" sei, etwa bei Schalke 04.

Er sei selbst erst 34 Jahre alt gewesen, als er ins Trainergeschäft eingestiegen sei, merkte Heynckes an. Deshalb sehe er das mit dem Alter "nicht so dramatisch", wichtig sei vielmehr, "dass man einen klaren Plan hat, dass man einer Mannschaft Struktur gibt, dass man weiß, wie das Ganze funktioniert". Tedesco etwa mache das bei Schalke "gut", er verhalte sich unter anderem "unaufgeregt an der Seitenlinie, das gefällt mir".

Scholl dagegen behauptet, die Folgen der von ihm bemängelten Entwicklung seien doch schon zu erkennen. "Was wir jetzt in den Europapokalspielen erlebt haben, ist erst der Anfang. Wir fahren gegen die Wand." Oben werde künftig nur noch eine "weichgespülte Masse ankommen, die erfolgreich sein, aber niemals das Große gewinnen wird". Scholl hatte letztmals 2013 selbst als Trainer gearbeitet - bei der 2. Mannschaft des FC Bayern.

Der 36-jährige Wolf hatte einst mit Scholl beim DFB-Trainerlehrgang die Schulbank gedrückt, er nannte den ehemaligen Bayern-Star und Europameister von 1996 einen "offenen Typen mit vielen Ideen". Bei den aktuellen Äußerungen könne er Scholl aber nicht folgen. "Ich finde schon, dass der deutsche Fußball gute Spieler hervorgebracht hat, seit es Nachwuchsleistungszentren gibt", sagte er, und ergänzte schmunzelnd: "Ich mag ihn trotzdem." Auch VfB-Sportchef Michael Reschke konterte Scholl: "Das ist Unsinn. Ich hoffe, dass er selber weiß, was für eine Grütze er da erzählt hat."

Quelle: n-tv.de, Thomas Häberlein und Marco Mader, sid

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